Liebes Tagebuch,
heute ist etwas passiert, das mir Angst macht.
Große Angst.
Und dabei hatte der Tag ganz normal angefangen.
Ich bin wie immer zur Schule gegangen, saß im Unterricht, als Frau Schröder mich plötzlich nach vorne rief.
Sie fragte, warum ich immer noch keine Unterschrift im Hausaufgabenheft habe, für den geplanten Ausflug.
Ich sagte, Mama hätte wenig Zeit.
„Arbeitet deine Mutter so viel?", fragte sie.
Ich nickte. „Ja."
Auch wenn das nicht stimmte.
Dann wollte sie wissen, warum mein Vater es nicht unterschreibe, „Er hat dich doch immerhin angemeldet."
Aber sie sprach von zwei verschiedenen Menschen.
Also sagte ich: „Mein Vater ist im Gefängnis." Ich habe Felix nicht erwähnt.
Natürlich haben das alle mitbekommen.
Ein paar Jungs kamen später in der Pause zu mir.
Sie lachten.
Stießen sich an.
Und sagten: „Kinder von Mördern werden selbst Mörder."
„Du landest auch mal im Gefängnis."
Sie schubsten mich.
Immer wieder.
Ich bin gestolpert, nach hinten gefallen, und dann war alles kurz schwarz.
Als ich wieder zu mir kam, sah ich Liv.
Sie schrie die Jungs an, wütend, und schickte sie zur Direktorin.
Ich setzte mich auf den Boden.
„Geht's dir gut?", fragte sie.
Ich nickte.
Sie bat mich, mit ihr mitzukommen. Ich wollte nicht. Aber ich ging trotzdem.
Livs Raum war gemütlich. Ein Sofa, ein Sessel, ein kleiner Couchtisch. Ich setzte mich. Aber ich war nervös.
„Ich weiß, wie schwer es ist, neu zu sein", sagte sie. „Besonders, wenn man schüchtern ist."
Sie fragte, ob ich Probleme hätte, und bot ihre Hilfe an.
Ich sagte, dass alles in Ordnung sei. Dass ich keine Hilfe brauche.
Dann sagte sie: „Weißt du, Marlene, meistens sind es die, die keine Hilfe wollen, die sie am dringendsten brauchen."
Sie hatte so recht. Aber ich konnte es ihr nicht sagen
Menschen, die wirklich etwas tragen, reden nicht. Sie schweigen.
Und die, die immer reden, haben oft nichts mehr zu sagen.
Ich glaube, ich bin durch all das zu Hause irgendwie abgestumpft.
Einmal in meiner alten Schule war ein Mädchen völlig aufgelöst, weil sich ihre Mutter den Finger gebrochen hatte.
Ich konnte das nicht verstehen. Es war nur ein Finger.
In ein paar Wochen würde alles wieder gut sein. Aber das, was bei mir passiert, geht nicht wieder weg.
Ich saß schweigend da. Dann wurde mir schwindelig. Ich bekam Kopfschmerzen.
Liv merkte es sofort und brachte mich zu den Schulsanitätern.
Zwei Schüler aus der Oberstufe waren da. Ein Junge und ein Mädchen.
„Das sind Timo und Mia", sagte Liv.
Sie erzählte, was passiert war.
Ich war froh, dass ich nichts erklären musste.
Timo kam näher, um mich zu untersuchen.
Aber ich konnte nicht.
Er war fast ein Mann. Und ich... ich konnte keinen Mann an mich heranlassen.
Papa war oft brutal gewesen. Felix ist es immer noch.
Ich konnte es nicht zulassen. Nicht bei Timo. Auch wenn er wahrscheinlich nichts getan hätte.
Aber es war, als hätte ich einen Hundebiss erlebt. Und jetzt hatte ich Angst vor jedem Hund auch wenn mich nicht jeder beisen würde.
Zum Glück hat Timo es gemerkt und Mia gebeten, mich zu untersuchen.
Ich ließ es zu. Bei ihr war es okay.
Timo sah gekränkt aus. Aber ich konnte nichts dafür.
Mia meinte, ich hätte eine Gehirnerschütterung und müsste nach Hause.
Doch bevor ich etwas sagen konnte, wurde mir wieder schwarz vor Augen
Als ich wieder aufwachte, beugte sich eine Frau über mich. Sie sagte, sie sei Ärztin. Luana war ihr Name.
Ich bekam keine Luft. Meine Rippen schmerzten immer noch.
Luana merkte es. Sie hob einfach mein T-Shirt hoch.
Ich erschrak. Und dann sah ich ihren Blick. Entsetzt.
Sie sagte, dass solche Verletzungen nicht vom Hinfallen kommen.
Und dass sie schon älter seien.
„Wie ist das passiert?", fragte sie.
Ich sprang auf. Ich schrie sie an, sie solle mich loslassen.
Ich weiß noch, wie sie mich ansah. Sie wollte mich festhalten. Aber sie ließ los.
Ich rannte nach Hause.
Seitdem sitze ich hier, in meinem Zimmer.
Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird.
Aber ich weiß, dass jetzt nichts mehr ist, wie es vorher war.
Jetzt ist es vorbei.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Fiksi UmumDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
