Freitag, 13. Juni. 2008

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Liebes Tagebuch,

als ich heute von der Schule nach Hause kam, lag Mama immer noch im Bett. Auch nach langem Betteln wollte sie nicht aufstehen.

Dann klingelte es an der Tür. Davor stand eine Frau, die sich als Frau Schuster vorstellte. Sie sagte, sie sei hier, um nach Mama zu sehen, und fragte mich, ob ich sie holen könne.

Ich sagte ihr, dass Mama noch schläft – und Frau Schuster kam mit hinein. Sie setzte sich kurz zu mir und fragte mich, wie ich heiße, wie alt ich bin und wie lange Mama schon so viel schläft.

Ich sagte: „Seit über einer Woche. Fast zwei."

Dann brachte ich sie ins Schlafzimmer. Irgendwie schaffte Frau Schuster es, Mama aus dem Bett zu bekommen.

Heute hat Mamas Verhalten zum ersten Mal einen Namen bekommen:
Depression.

Ich kannte dieses Wort nicht. Ich wusste auch nicht, was es bedeutet. Aber Frau Schuster versuchte, es mir zu erklären.

Sie sagte, das passiere, wenn man sehr, sehr traurig ist. Den Rest habe ich nicht ganz verstanden.

Mama erklärte es mir dann auf ihre Weise – so, dass ich es besser begreifen konnte:
„Weißt du, Marlene", sagte sie, „jeder Mensch hat einen unsichtbaren Regenschirm. Dieser Schirm schützt uns vor dem Regen – und der Regen steht für all die schlimmen Dinge im Leben. Wenn dein Schirm stark ist, wirst du nicht so schnell nass. Du kannst sogar durch Regen laufen und trotzdem fröhlich bleiben.

Aber manchmal passieren Dinge, die so schwer sind, dass sie Löcher in den Schirm reißen. Oder der Wind ist so stark, dass er ihn dir aus der Hand weht. Dann wirst du nass. Und wenn du zu lange nass bist, wird dir kalt, du wirst müde, traurig, und willst dich nur noch unter einer Decke verkriechen. So wie ich in letzter Zeit."

Dann sah sie mich lange an und flüsterte:
„Mein Schirm hat viele Löcher."

Frau Schuster nickte und sagte:
„Deine Mama hat Glück, dass sie ihren Schirm noch hat. Viele verlieren ihn ganz. Und weißt du, warum sie ihn noch hat? Weil sie für dich stark sein will. Du bist der Grund, warum sie ihn nicht losgelassen hat."

Dann erklärte sie, dass es trotzdem passieren kann, dass Mama ihren Schirm verliert – oder dass er so kaputt wird, dass er sie gar nicht mehr schützt. Dann bleibt Mama vielleicht tagelang im Bett, weil der Regen einfach nicht aufhört.

Aber es gibt auch wieder Tage, an denen die Sonne scheint.
Frau Schuster versprach, dass sie Mama helfen will, ihren Schirm zu flicken – oder sich einen neuen zu bauen.

Ich glaube, jetzt habe ich es verstanden.
Aber es gefällt mir nicht.

Mama darf ihren Regenschirm niemals verlieren!

Ich habe Angst davor.
Ich brauche Mama.
Und Mama braucht mich.

Ich glaube, ich habe mich geirrt. Ich bin doch noch nicht so groß, wie ich dachte.
Gerade fühle ich mich klein. Ganz klein.
Wie eine Ameise zwischen Elefanten.
Machtlos.

Frau Schuster hat danach noch mit Mama gesprochen. Und dieses Mal bin ich wirklich in mein Zimmer gegangen – so, wie sie es wollte.

Ich will ab jetzt machen, was Mama sagt.
Ich bin froh, wenn sie überhaupt etwas sagt.
Ich will nicht, dass sie sich Sorgen um mich machen muss. Sie hat im Moment schon genug Sorgen.

Bevor Frau Schuster ging, hängte sie einen Zettel an den Kühlschrank. Darauf stand eine Telefonnummer. Sie sagte, ich könne da anrufen, wenn es Mama mal schlechter geht – wenn sie gar nicht mehr aufstehen will.

Jetzt gehe ich schlafen.

Gute Nacht, liebes Tagebuch.
Ich hoffe so sehr, dass es Mama bald besser geht.

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Wenn ich diese Zeilen heute lese, spüre ich noch immer, wie verzweifelt ich damals war. Ich hatte das Gefühl, den einzigen Menschen zu verlieren, der mich wirklich liebte – und das alles nur wegen eines Mannes, dem sie einmal vertraut hatte. Der ihr das Herz brach und ihr damit den Boden unter den Füßen wegriss. Und obwohl ich damals vieles nicht verstand, spürte ich, dass etwas zerbrach. Nicht nur in Mama – auch in mir.

Und trotzdem: Ich bin stolz auf sie. Stolz, dass sie sich Hilfe geholt hat. Dass sie den Mut hatte, jemandem zu sagen, dass sie es alleine nicht mehr schafft. Denn es ist nicht schlimm, wenn man mal einen dieser dunklen Tage hat – die hat jeder. Wichtig ist nur, dass man jemanden hat, der einem dabei hilft, durchzuhalten. Der einem den Regenschirm hält, wenn man selbst zu schwach ist.

Damals war der Regenschirm nur ein Bild in meinem Kopf.
Heute weiß ich, was er wirklich bedeutet: Resilienz.

Resilienz ist die psychische Widerstandskraft eines Menschen. Sie hilft uns, mit schwierigen Lebenssituationen, traumatischen Erfahrungen oder starkem Stress umzugehen. Sie ist wie ein innerer Schutzschild –vergleichbar einem inneren Regenschirm, der uns davor bewahrt, ganz durchnässt zu werden, wenn das Leben regnet.

Je stabiler der Regenschirm, desto stärker die Resilienz.
Je höher die Resilienz, umso größer die Chance, nicht an den Anforderungen des Lebens zu zerbrechen.

Aber Resilienz ist nicht angeboren und dieser Rettungsschirm ist nicht bei allen gleich. Manche Menschen haben von klein auf gute Bedingungen: liebevolle Eltern, stabile Verhältnisse, Menschen, die zuhören und da sind. Dadurch wächst die Resilienz – der Schirm wird stark und zuverlässig.
Andere hingegen wachsen in schwierigen Verhältnissen auf. Ohne Rückhalt. Ohne Schutz. Sie lernen nie, wie man so einen Schirm aufspannt. Oder sie bekommen einen, der schon von Anfang an Risse hat.

Resilienz wird gelernt.
Durch Fürsorge. Vertrauen. Sicherheit.
Durch Eltern, die trösten, wenn man fällt, und zuhören, wenn man weint.
Durch Menschen, die sagen: „Du bist wertvoll, so wie du bist."

Können Menschen keine Resilienz lernen, zerbrechen manche an Situationen, die andere scheinbar leicht wegstecken.
Nicht, weil sie schwach sind – sondern weil ihnen niemand beigebracht hat, wie man stark sein kann.

Für sie fühlt sich jeder Regentropfen an wie ein Sturm. Wenn sie älter werden, sind sie besonders verletzlich. Besonders anfällig für psychische Erkrankungen – wie Depressionen.

Mama war stark – so stark, wie sie eben sein konnte.

Durch meinen Vater wurden die Risse in ihrem Schirm zu einem riesigen Loch. Sie war plötzlich nicht mehr geschützt.
Und sie wurde nass.
Ganz nass.
So nass, dass sie tagelang nicht mehr aufstehen konnte.

Heute weiß ich:
Sie hat sich nicht einfach gehen lassen.
Sie hat gekämpft – jeden Tag. Mit einem löchrigen Schirm, mitten im Sturm.
Und ich war ihr Grund,nicht ganz aufzugeben.

Und ich?

Ich war sieben.
Ich verstand nicht viel.
Aber ich wollte nur eines:
Dass Mama wieder lacht.
Dass sie aufsteht.
Und - dass der Regen aufhört.

Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt