Liebes Tagebuch,
heute habe ich Mama gar nicht aus dem Bett bekommen. Sie lag einfach da, mit dem Gesicht zur Wand, und sagte nur, ich solle sie in Ruhe lassen. Kein Lächeln, kein Guten Morgen, kein „Schlaf gut, Marlene?" – nur Stille. Und dann: Wut.
Als ich versucht habe, das Bild von Papa abzunehmen, hat sie mich angeschrien. Wirklich angeschrien, Tagebuch. So etwas hat sie noch nie getan. Sie rief: „Lass das Bild da hängen! Geh raus! Lass mich einfach in Ruhe! Und geh zur Schule!"
Aber heute ist Samstag. Es war keine Schule. Ich bin trotzdem aus dem Zimmer gegangen. Und habe geweint.
Dieses verfluchte Bild! Es zieht sie zurück in diese Welt, in der er noch da war. Ich weiß nicht, warum sie es aufgehängt hat. Es tut ihr nicht gut, das sieht doch jeder.
Am Nachmittag bin ich nochmal zu ihr. Da war sie wach. Sie hat sich entschuldigt – leise, zögerlich, so, wie sie es immer tut, wenn sie etwas verdrängen will. Sie meinte, sie brauche einfach nur einen Tag Ruhe, und dass wir morgen etwas unternehmen könnten. Ich habe sie angesehen. Sie hatte sich nicht gewaschen, nicht angezogen. Ihre Haare lagen wirr auf dem Kopfkissen. Und trotzdem wollte ich ihr glauben.
Ich sagte ihr, dass sie aufstehen muss. Dass ich das nicht nochmal kann – dieses langsame Abgleiten, dieses Schweigen, dieses Liegenbleiben. Sie sagte nur, es sei doch nichts dabei, wenn man mal einen Tag länger schläft.
Aber es war 15 Uhr, Tagebuch. Das ist nicht „ein bisschen länger". Das ist... zu lang. Zu dunkel.
Ich habe gefragt, ob wir Paulina anrufen sollen. Paulina, ihre Psychologin. Sie hat damals auch mir geholfen, als alles auseinandergefallen war. Aber Mama schüttelte den Kopf. „Mir geht's gut", sagte sie. „Das ist nicht nötig."
Aber ich glaube ihr nicht.
Ich traue der Sache nicht, Tagebuch.
Ich habe Angst.
Sie hat versprochen, morgen früh wach zu sein, wenn ich aufstehe. Sie will Frühstück machen. Ich will ihr glauben. Ich will es so sehr. Aber ich weiß nicht, ob ich es kann.
Ich will nicht wieder wegmüssen. Ich kann das nicht nochmal durchstehen. Nicht nochmal.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
Aktuelle LiteraturDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
