Stumm beobachtete ich meinen Mann, wie er mit schockierend blasser Gesichtsfarbe den kurzen Artikel las und anschließend verletzt seine Augen schloss. „Harry?", sprach ich ihn an. Ich musste wissen, was er dachte. „Ich... das ist echt... ich bin wirklich überfallen worden, Lou", sagte er leise vor sich hin. „Natürlich hast du das nicht inszeniert. Ich werde gleich Jack schreiben, dass er das richtigstellen soll. Spätestens wenn die Detectives aufhören, uns zu beschuldigen und den echten Täter finden, wird dein Name ohnehin wieder reingewaschen."
Ich blickte zu meinem Sohn hinab, der den letzten Milchrest im Fläschchen wohl nicht mehr trinken wollte. Daher stellte ich das Fläschchen zur Seite, sorgte dafür, dass er ein Bäuerchen machte, und spazierte dann mit ihm durch den Raum. Er war so unglaublich neugierig, dass es für mich eine wahre Freude war, seine strahlenden Augen anzusehen. „Na, kleiner Mann? Gehen wir mal zu Daddy, ich glaube, er braucht etwas Aufmunterung", flüsterte ich Freddie ins Ohr, dann schnappte ich seine Rassel vom Tisch und stellte mich neben Harrys Bett.
Als mein Ehemann unseren Sohn ansah, merkte ich, wie gut ihm diese Ablenkung tat. Zwar sah Harry noch immer verletzt aus, doch ich merkte, wie seine Augen aufblitzten, als er Freddie dabei beobachtete, wie er die Rassel ansah. Schnell bewegte ich diese immer wieder hin und her, um unseren Sohn zu unterhalten. Währenddessen atmete ich tief durch, denn so langsam merkte ich, wie mich die ganze Situation schlauchte.
Gerade, als sowohl Harry als auch Freddie eingeschlafen waren, klopfte es an der Tür und meine Schwester kam herein. „Hey Lou", begrüßte sie mich im Flüsterton, nachdem sie meine schlafende Familie entdeckt hatte. „Hey Lottie, wie geht's dir?", erwiderte ich die Begrüßung. „Mir geht's gut. Wie ist es bei euch?", wollte meine Schwester nun wissen, woraufhin ich ihr stumm den Teil der Zeitung reichte, in welchem der Artikel über Harry's Sunflowers abgedruckt war. Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah ich ihr dabei zu, wie ihr Blick über das Papier wanderte. „Geht's eigentlich noch? Was fällt denen ein?", äußerte sie sich schließlich empört, jedoch immer darauf bedacht, nicht zu laut zu sein, um Freddie und Harry nicht zu wecken.
„Nett, dass du uns besuchen kommst", sagte ich nach einer ganzen Weile der Stille. Schon früher hatten Lottie und ich uns auch anschweigen können, ohne, dass es unangenehm wurde. Und im Augenblick tat mir ihre bloße Anwesenheit einfach gut. „Natürlich wollte ich vorbeischauen und nachsehen, wie es deinem Mann geht", erklärte sie. Dabei fiel mir auf, dass ich Harry zwar oft so bezeichnete, dies aber selten bis nie von anderen Personen so gehört hatte. Es war schön, diese Worte zu hören. „Bei ihm geht's deutlich bergauf. Er muss zwar noch bis nächste Woche bleiben, aber soweit ich das verstanden habe, nur wegen der Brandwunden im Gesicht."
Lottie nickte nachdenklich, dann begann sie, in ihrer Handtasche zu kramen. „Ich habe heute Morgen bei euch die Post reingeholt und da ist mir aufgefallen, dass ihr einen Brief vom Jugendamt habt. Ich dachte, das sei vielleicht wichtig", erklärte sie und reichte mir einen weißen Briefumschlag. Überrascht und gleichzeitig skeptisch nahm ich den Brief an mich und besah die Adresszeile. Dann bat ich Lottie um ihren Schlüsselbund, nahm ihren Hausschlüssel in die Hand und schlitzte damit den Brief auf. Anschließend gab ich den Schlüsselbund zurück und legte den leeren Umschlag neben Harry auf den Beistelltisch.
Langsam, fast schon andächtig faltete ich das Blatt Papier auseinander und las den Betreff. Dabei fiel mir auf, dass der Brief gar nicht an mich, sondern an Harry adressiert war. Doch die wenigen Worte, die in der Betreffzeile standen, sorgten schon dafür, dass mein Herz Sprünge machte und ich einfach weiterlesen musste. Dann, als ich schwarz auf weiß die Bestätigung hatte, sprang ich von meinem Stuhl auf, machte einen Satz zu Harrys Bett hinüber und streichelte ihm sanft über die gesunde Haut in seinem Gesicht. „Harry, aufwachen. Harry, mein Sonnenschein, genug geschlafen", versuchte ich ihn zu wecken und spürte dabei, wie mein Grinsen immer breiter wurde.
„Lou?", murmelte Harry, machte jedoch keine Anstalten, seine Augen aufzumachen. „Lottie ist hier, also los, wach auf", versuchte ich es erneut. Das schien zu fruchten, denn Harry öffnete nun langsam seine Augen, blinzelte einige Male und sah sich dann im Raum um. Während er das tat, blickte ich ebenfalls kurz hinter mich, wo noch immer meine Schwester stand und mich nun verwirrt ansah. „Harry, Sonnenschein, es ist offiziell", freute ich mich und drückte meinem Mann einen schnellen, aber sanften Kuss auf die Lippen. Ich merkte, wie ich kurz die Augen geschlossen hatte, um die Berührung genießen zu können, bevor ich kurz vor Harrys Gesicht verharrte und ihm tief in die Augen sah.
„Was ist offiziell?", fragte mein Mann, während ich bereits von meinen Gefühlen vollkommen überwältigt wurde. „Du bist ab heute ganz offiziell Freddies Vater. Hier", erklärte ich und sah, wie Harry ungläubig die Augen aufriss. Schnell reichte ich ihm den Brief und noch während Harry die Zeilen überflog konnte ich sehen, wie sich ein Strahlen auf seinem ganzen Gesicht ausbreitete. „Die Adoption ist durch. Ich bin Freddies Vater", stellte er beinahe atemlos fest, dann ließ er den Brief auf seine Bettdecke sinken. Sanft legte ich meine Hände an seinen Hals und streichelte ihm vorsichtig über die Haut. Dann konnte ich mich nicht länger zurückhalten und legte endlich wieder meine Lippen auf die meines Mannes und küsste ihn mit aller Liebe, die ich für ihn empfand.
Es war, als befänden Harry und ich uns in einem Strudel aus Glücksgefühlen, der uns immer weiter in dieses Glück hineinzog, je mehr wir es zuließen und je länger wir uns küssten. Irgendwann löste ich mich schwer atmend von ihm und blickte ihm mit erhitzen Wangen wieder in die Augen. Da kam Lottie auf uns zu und stellte sich auf die, von mir aus gesehen, andere Seite von Harrys Bett. „Harry, ich freue mich sehr für euch. Du bist ein großartiger Vater. Ich habe es dir vielleicht nie ausdrücklich gesagt, aber ich bin dir wirklich dankbar, dass du an der Seite meines Bruders bist und ihn so glücklich machst. Nun zu sehen, dass ihr beide gemeinsam Eltern seid, ist auch für mich überwältigend", sagte meine Schwester und streichelte ihrem Schwager dabei vorsichtig eine Locke aus dem Gesicht.
Glücklich wechselte ich mit meiner Schwester einen Blick, der keiner weiteren Worte bedarf. Ich sah genau, dass sie mir sagen wollte, wie stolz sie auf mich war. Und ich konnte ihr dabei nicht widersprechen. Ich hatte, was unsere Familie anging, auch endlich wieder das Gefühl, für meine Geschwister der Bruder zu sein, auf den sie stolz sein konnten. Heilfroh, dass ich es Dank der Hilfe meines Mannes es geschafft hatte, mich auszusöhnen, lächelte ich meine Schwester nun an. Diese erwiderte es noch für einen Augenblick, dann verabschiedete sie sich von uns.
Vorsichtig setzte ich mich auf der Höhe von Harrys Beinen neben ihn ins Bett. Ohne meinen Blick von meinem persönlichen Sonnenschein zu wenden, streichelte ich sanft mit meinem Daumen über meinen Kiefer. Harry erwiderte noch für einen kurzen Moment den Blick, dann sah er voller Liebe hinüber zu dem Kinderbettchen, wo unser gemeinsamer Sohn gerade tief und fest schlummerte.
________________________________
[1182 Wörter, 11.08.2026]
Hallo, leider schaffe ich das mit den regelmäßigen Updates absolut nicht. Aber ich bin an der Geschichte dran und ihr erhaltet hoffentlich bald auch einen runden Abschluss. Etwas müsst ihr euch allerdings noch gedulend ;)
Was denkt ihr über dieses Kapitel? Sollte etwas fürs Herz sein:)
Was denkt ihr über Lotties Entwicklung in der Geschichte? Wir erinnern uns, sie hatte zwischenzeitlich gar keinen Kontakt mehr zu ihrem Bruder.
DU LIEST GERADE
Only The Brave || Larry AU
Fan-FictionLouis ist Profi-Fußballer, dessen Leben zur Zeit nicht besser laufen könnte. Wäre da nicht eine Begegnung, die ihn nicht loslassen wollte. [ziemlich lange Larry Au] ACHTUNG TRIGGERWARNUNG: Diese Geschichte thematisiert Suizid und Missbrauch. Diese K...
