Donnerstag, 01. Oktober. 2009

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Liebes Tagebuch,

ich habe kaum geschlafen. Ich glaube, ich war müde, aber mein Kopf war einfach zu voll. Immer wieder hörte ich Mamas Stimme in meinem Ohr, immer wieder sah ich ihr Gesicht, als ich das letzte Mal bei ihr war. Ich habe geweint. Viel. Ich glaube, so viel habe ich noch nie geweint. Nicht mal damals, als Felix das erste Mal zugeschlagen hat.

Ich bin irgendwann eingeschlafen, ohne es zu merken. Jetzt ist es früh am Morgen. Ich weiß es nur, weil jemand an der Tür geklopft hat. Erst ganz leise, dann fester. Ich habe nicht geantwortet. Dann hat dieselbe Stimme von gestern gesagt, dass es Frühstück gibt und ich herzlich eingeladen bin. Dass ich auch einfach nur schauen kann, wenn ich noch nicht essen mag.

Ich habe nichts gesagt.

Später habe ich mich leise zum Fenster geschlichen. Draußen ist ein Garten. Ich kann ein paar Kinder sehen. Zwei rennen über den Rasen. Eines sitzt auf einer Bank und isst ein Brot. Ich frage mich, ob sie hier wohnen oder ob sie wie ich einfach von jemandem abgeholt wurden. Ich frage mich, wie lange sie hier schon sind und ob sie auch lieber nach Hause wollen.

Sophie hat irgendwann wieder geklopft und gesagt, dass sie später nochmal kommt. Sie meinte, sie habe ein paar Sachen für mich besorgt. Kleidung, Zahnbürste, sowas. Ich habe wieder nichts gesagt, aber sie hat trotzdem eine Tüte vor die Tür gestellt. Ich hab sie irgendwann reingeholt. Ganz still, damit niemand es hört.

Ich hasse es, dass ich mir diese Sachen anschauen muss, obwohl ich doch lieber meine eigenen hätte. Meine Sachen. Meine Kleidung. Meine Zahnbürste. Zuhause.

Tagebuch, alles hier fühlt sich falsch an. Es riecht fremd. Es klingt fremd. Und es fühlt sich fremd an. Ich habe Angst, dass ich mich daran gewöhne. Dass ich irgendwann vergesse, wie es sich anfühlt, wenn Mama mich umarmt. Wenn ich mit ihr Wackelpuddingkuchen esse. Oder wenn sie mir die Haare kämmt, auch wenn sie das in letzter Zeit nie mehr getan hat.

Ich habe Mucki ganz fest gehalten. Die ganze Nacht. Ohne Mucki wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden. Und ohne dich, Tagebuch, wüsste ich nicht, wohin mit meinen Gedanken.

Ich will nicht mit den anderen reden. Ich will keine neue Familie. Ich will auch keine Hilfe. Ich will nur, dass alles wieder so ist wie früher. Ich weiß, dass das nicht geht. Aber trotzdem wünsche ich es mir so sehr.

Vielleicht schreibe ich dir später nochmal. Im Moment weiß ich nicht weiter. Ich weiß nur, dass ich hier bin – und Mama nicht.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt