Epilog

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Langsam lege ich den Stift zur Seite und blicke auf die noch glänzende blaue Tinte auf dem Papier. Sonntag, 11. November 2018. Das ist heute. Der Tag, an dem ich die letzten Einträge meiner alten Tagebücher gelesen habe. Der Tag, an dem ich mich ein letztes Mal durch meine Kindheit gelesen habe. Seite für Seite. Jahr für Jahr.

Ich habe mich erinnert  und verabschiedet. Vom kleinen Mädchen, das ich einmal war. Von der ständigen Angst. Von der Verantwortung, die nie meine war. Von der Vorstellung, dass ich nur dann etwas wert bin, wenn ich stark bin.

Es klingelt an der Tür. Ich stehe von der Couch auf, noch ganz versunken in den letzten Gedanken, da flitzt Jaron, der kleine Wirbelwind, schon an mir vorbei.  Seine Jacke hängt halb offen, in den Händen hält er einen Papierflieger, den er mir stolz zeigt, ehe er weiter in Richtung Wohnzimmer rennt. Hinter ihm treten Liv und Nala ein. Beide lächeln.

„Und? Wie fühlt man sich in den ersten eigenen vier Wänden?", fragt Nala lachend und umarmt mich fest. Ihr Blick wandert an mir vorbei zu den halb ausgepackten Umzugskartons, die sich in der Ecke stapeln.

„Ich dachte, du wärst längst fertig", sagt sie neckend.

Sie hat recht. Gestern hatte sie mir geschrieben, gefragt, ob ich Hilfe brauche. Ich hatte abgelehnt. Nicht, weil ich keine Hilfe wollte. Sondern weil ich tief in etwas versunken war, das ich lange weggeschoben hatte, meine Vergangenheit. Ich wollte eigentlich längst fertig sein. Aber die letzten Tage habe ich nur gelesen. Mich wiedergefunden. Mich neu sortiert. Ich wollte wissen, wer ich war und wer ich geworden bin.

Liv bleibt stehen und schaut auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. Elf Tagebücher liegen dort, aufgereiht wie ein Zeitstrahl. Daneben drei leere Pappkartons  von den letzten drei Tagen, die peinlicherweise jedesmal von dem selben Lieferboten gebracht wurden, ein paar leere Tassen, zerknüllte Taschentücher – und eine Decke, die ich kaum verlassen habe.

„Marlene... geht's dir gut?", fragt sie sanft.

Ich nicke. Und dieses Mal ist es ein echtes, ruhiges Nicken.

„Ja. Vielleicht ging es mir noch nie besser", sage ich. Und ich meine es so.

Ich nehme die Tagebücher in die Hand, eins nach dem anderen und trage sie zum Regal. Dieses Regal ist neu, leer, ein Symbol für den Neuanfang. Ich stelle die Bücher hinein. Offen. Sichtbar. Nicht mehr in der Kiste unter dem Bett versteckt, wo sie so lange lagen. Ich habe keine Angst mehr vor dem, was in ihnen steht. Denn ich habe alles gelesen. Und heute, mit Abstand und Verständnis ,sehe ich nicht nur das Leid. Ich sehe auch den Mut.

Meine Geschichte ist nichts, wofür ich mich schämen muss.
Sie ist der Beweis, dass ich gelebt habe. Dass ich überlebt habe.

Früher dachte ich, ich müsse sie verstecken. Heute weiß ich, dass das Lesen ein Geschenk war  an mich selbst. Ein Akt der Versöhnung.

Ich habe Fehler gemacht. Ich habe geschwiegen, obwohl ich hätte reden sollen. Ich habe geholfen, obwohl ich selbst Hilfe gebraucht hätte. Ich habe getragen, was kein Kind tragen sollte. Aber ich war auch stark. Ich habe geliebt. Ich habe nie aufgegeben.

Und ich habe geschrieben.

Das Schreiben hat mir geholfen, nicht zu zerbrechen. Vielleicht bin ich deshalb heute hier. In dieser Wohnung. Mit dieser Kraft.

Vielleicht werde ich diese Tagebücher irgendwann jemandem zeigen. Vielleicht werde ich sie für mich behalten. Aber eines ist sicher: Sie sind nicht mehr mein Geheimnis. Sie sind mein Fundament.

Ich sehe zu Jaron, der durch den Flur rennt. Er lacht laut, stürzt sich auf ein Kissen und ruft: „Hier wohne ich jetzt!", wie selbstverständlich, wie frei.

Ich lache leise.

Und ich spüre es tief in mir:

Die Vergangenheit ist nicht vergessen.
Aber sie hat mich nicht mehr im Griff.

Ich bin angekommen.

Und ich bin bereit, weiterzugehen.


Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändernGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt