Liebes Tagebuch,
Heute war einer dieser Tage, an denen sich alles gleichzeitig schwer und leicht anfühlt.
Ich bin nach der Schule mit Karla in die Stadt gefahren. Wir waren in der Buchhandlung, weil sie sich ein neues Notenheft für ihre Querflöte kaufen wollte. Ich habe mir in der Zeit die Notizbücher angeschaut. Es gab so viele – mit Glitzer, mit Sprüchen, mit Blumen, mit schwarzen Seiten, auf denen man nur mit silbernem Stift schreiben kann. Früher hätte ich nie gedacht, dass ein leeres Buch so viel sagen kann.
Karla hat gesagt: „Du brauchst ein neues Tagebuch. Eins, das nach vorne schaut."
Ich habe ein schlichtes, himmelblaues genommen – ohne Aufdruck. Einfach nur blau, wie der Himmel an guten Tagen. Ich glaube, ich bin bereit, eine neue Geschichte zu schreiben. Eine, in der es auch um mich geht.
Am Nachmittag bin ich mit Luana auf der Terrasse gesessen. Es war zwar kalt, aber wir hatten Decken und Tee. Ich habe ihr erzählt, dass Mama die Tagebücher gelesen hat – und dass sie will, dass ich erstmal hierbleibe. Luana hat lange nichts gesagt. Dann meinte sie:
„Ich glaube, das ist das größte Geschenk, das sie dir gerade machen kann. Dich nicht festhalten zu wollen, sondern dir Raum zu geben."
Ich habe genickt. Und dann habe ich etwas gesagt, was ich vorher nie laut ausgesprochen hatte:
„Ich will nicht mehr immer nur stark sein müssen."
Luana sah mich an, ganz ruhig, und antwortete:
„Dann fang an, weich zu sein. Es ist okay, nicht alles zu tragen. Es ist okay, einfach nur Marlene zu sein."
Heute Abend, liebes Tagebuch, habe ich zum ersten Mal verstanden, dass es nicht egoistisch ist, an sich selbst zu denken. Es ist notwendig. Mama kämpft, aber ich kämpfe auch. Und während sie ihren Weg geht, gehe ich meinen. Vielleicht ist das die beste Art, füreinander da zu sein – jeder auf seinem eigenen Weg, aber mit Blickkontakt.
Ich werde Mama weiter besuchen. Und ich werde weiter zur Schule gehen, mit Karla lachen, mit Luana Tee trinken und vielleicht sogar anfangen, wieder zu träumen. Kleine Träume, wie ein Besuch in einem Café nur für mich allein, ein Wochenende ohne Albträume oder ein Sommer, in dem alles leicht ist.
Gute Nacht, liebes Tagebuch. Danke, dass du mich gehalten hast.
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Mama hat ihren Regenschirm verloren - Wie Depressionen eine Familie verändern
General FictionDepressionen betreffen nicht nur den Menschen, der sie trägt. Sie sickern in alles, was ihn umgibt. In Beziehungen. In Kinder. In Liebe. Marlene ist sieben Jahre alt, als ihre Welt zu kippen beginnt. Mama verändert sich. Mal ist sie wie früher, mal...
