Kapitel 64

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Sie saß also am Ufer, klitschnass und zitternd, ihre Arme um ihre Knie geschlungen.

Jetzt wo diese Person weg war, fühlte sie sich noch leerer als zuvor.

Als hätte ihr erscheinen sie an etwas erinnert, dass sie verloren hatte.

An eine alte Wunde, die nun wieder aufgerissen war, und genauso blutete, wie all die anderen auf ihrem Körper.

Sie war ja so oder so schon übersäht damit.

Ein leises schluchzen entfuhr ihr.

Sie war so ein verfluchtes unfähiges kleines etwas.

Wieso war es soweit gekommen?

Wieso war sie nicht stärker gewesen?

Wieso hatte sie vertraut?

Wieso hatte sie sich überrumpeln lassen?

Wieso hatte sie sich schlagen lassen.

Sie hätte sich wehren müssen, aber sie war zu schwach gewesen.

Wieso nur?! Wieso?

Tränen tropften aus ihren Augen. Nicht viele jedoch, da sie nach wie vor komplett dehydriert war.

Na toll. Sie brauchte Wasser, und viel mitten in einen Fluss. Was für eine Ironie.

Sie schluchzte leicht, bevor sie auf knien und Händen ans Wasser kroch, ihre Hände zu einer Schale formte, mit ihnen Wasser schöpfte und es trank.

Es war angenehm und kühl, wie es ihre Kehle hinunter rann. Erst jetzt, wo sie Wasser trank wurde ihr eigentlich klar, wie unendlich durstig sie gewesen war.

Aber das trinken stoppte ihre Tränen nicht. Nach wie vor strömten sie ihre Wangen hinab, vermischten sich mit ihrem Blut und tropften zu Boden.

Nachdem ihr durst gelöscht war, zog sie die Beine wieder an, und blieb da sitzen.

Was sollte sie denn sonst machen?

Sie hatte keine Chance hier draußen.

Sie war blind, schwach, verletzt und abgemagert.

Wie sollte sie hier überleben?

‚Naja...' sagten ihre Gedanken zu sich selbst...

‚rumsitzen ist da aber auch nicht die beste Lösung'

Sie seufzte leise, und beschloss lieber, wie sie verhindern konnte ein weiteres mal in einenFluss zu fallen.

Der Boden um Flüsse herum war doch nasser als anderer, oder?

Langsam entledigte das Mädchen sich ihrer Schuhe.

Vielleicht konnte sie ja einfach spüren wann sie in die Nähe eines Flusses lief?

Es war auf jeden Fall einen Versuch wert.

Sie zischte leise auf, als sie mit einem Ruck ihren Fuß von dem Stiefel befreite. Sie hatte ein gutes Stück Schorf von ihren zerschnittenen Füßen mit abgerissen, aber das war ihr relativ gleich.

Sie befreite auch ihren zweiten Fuß, und war die Stiefel fort.

Dann, ohne einen wirklichen Grund, ließ sie ihre Füße ins Wasser gleiten.

Es war angenehm.

Das Wasser spielte um ihre Knöchel, und kühlte sie.

Es war wie einWundermittel, das den Schmerz davonspülte. Oder jedenfalls einen großen Teil davon.

Sie rutschte näher ans Wasser, bis ihre gesamten Schienbeine darin hingen.

Die Kälte, die sich entspannend durch ihren Körper arbeitete, weckte ihren Geist auf.

Er wurde lebhafter, und ihre Gedanken begannen zu kreisen.

Sie hatte ein weiteres Problem gelöst.

Vielleicht konnte sie auf diese Weise ja doch überleben?

Immer ein Problem nach dem anderen.

Eine Lösung nach der nächsten.

Schritt für Schritt.

Ohne einen Gedanken an das danach, oder das davor.

Ohne Vergangenheit.

Ohne Zukunft.

Nur im Jetzt.

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