So ging es die nächsten drei Wochen während der Konzertabende weiter. Inzwischen hatte sich eine Art Ritual bei den beiden eingespielt. Wincent schickte Steffi mach jedem Konzert ein Telefon Emoji und sobald Steffi dies gelesen hatte, antwortete sie mit einem Daumen hoch. keine 5 Minuten später klingelte ihr Handy und die beiden quatschten kurz über das Konzert, den Tag von Steffi und die verschiedensten Themen. Ansonsten hatten sie aber keinen Kontakt. Steffi hatte zwischendurch mal überlegt, ihm zu schreiben, wie seine Offdays zwischen den Konzerten so sind, aber davon erzählte er ihr eh beim nächsten Telefonat. So hatte sie wenigstens knapp jeden zweiten Tag etwas, auf das sie sich freuen kann. Auch für Wincent haben sich die Telefonate zu einem entspannten Ritual entwickelt und er genoss es, dass da jemand war, dem er seine Gedanken und Gefühle direkt nach einem Konzert mitteilen konnte. Und mit Steffi war das so einfach. Sie waren auf der gleichen Wellenlänge und hatten sich jeden Abend viel zu erzählen. Lange hatte er nicht mehr das Gefühl, sich einer Person so schnell so öffnen zu können. Je nach Stimmung sprachen die beiden auch mal ernstere und persönliche Themen an. Und das, obwohl sie sich doch kaum kannten. Aber vielleicht machte es das auch so einfach. Man hatte die Chance, ganz man selber zu sein, ohne dass das Gegenüber sich schon ein spezielles Bild bilden konnte. Deswegen traf Wincent auch so gerne auf neue Leute.
Auch wenn Steffi die Telefonate sehr genoss, fragte sie sich manchmal, wie es wohl wäre, wenn sie sich nochmal treffen würden. In drei Tagen war Wincent In Bremen zum Konzert und bisher hatten die beiden noch nicht darüber gesprochen, ob sie sich an dem Tag vielleicht sehen oder wie gewohnt abends telefonieren. Am Tag danach hatte er zwar kein Konzert, jedoch ein paar Interviewtermine in Hamburg, weswegen die Abreise aus Bremen schon für die Nacht geplant war. Wann er in Bremen ankommen würde, wusste sie nicht. Sie war sich auch unsicher, ob sie das Thema überhaupt ansprechen wollte. Dadurch würde in gewisser Weise ja das Ritual gebrochen werden. Aber wollte sie das vielleicht auch? Egal, jetzt freute sie sich erstmal auf den nächsten Anruf aus Hannover. Doch dieser Anruf war irgendwie anders. Wincent wirkte nicht so fröhlich und locker wie nach den anderen Konzerten. “ Hey was ist denn heute los? Lief das Konzert nicht so gut?” “Mh, wie kommst du denn darauf, das Konzert war gut.” “Ach komm, das kannst du mir nicht erzählen. Wenn man nur auf einen Sinn angewiesen ist, merkt man viel schneller, wenn etwas nicht stimmt. Ich kann doch an deiner Stimme hören, dass dich irgendwas bedrückt. Du musst da natürlich nicht drüber reden. Aber kannst du gerne” redete Steffi auf ihn ein. “Okay, ich merke schon, dass ich aus der Nummer nicht mehr raus komme. Ich hab dir doch erzählt, dass ich eine Phase hatte, in der es mir nicht so gut ging. Eigentlich hatte ich das ganz gut im Griff, aber bei bestimmten Liedern kommen bei mir eben in solchen DownPhasen wieder alte Gefühle hoch, die ich dann nur schwer kontrollieren kann. Bei ‘Pläne’ hatte ich heute so einen kurzen Moment. Das ist natürlich dann schwierig, einigermaßen die Fassung zu behalten, wenn ich das Konzert danach noch weiterspielen will.” er klang wirklich bedrückt. “Ach man. Ich kann natürlich nur bedingt nachvollziehen, wie es dir in so einem Moment geht, auf der Bühne zumindest. Aber ich kenne das sehr gut. In gewissen Phasen können die kleinsten Dinge auf einmal unschöne Gefühle und Erinnerungen auslösen und man wird völlig überrannt. Aber das ist auch okay, sich davon mal überrollen zu lassen. Du bist doch auch nur ein Mensch. Und deswegen ist es ja auch gut, dass du da jetzt drüber sprichst.” “Du hast Recht, es tut echt ganz gut, mit jemanden darüber zu sprechen. Das muss ich wohl noch ein bisschen lernen. Obwohl ich ja sonst so gerne und so viel quatsche. Danke, dass du dir das von mir anhörst” “Ach das ist doch selbstverständlich. Und es ist ja auch irgendwo mein Job. Da sitzen mir viele Menschen gegenüber, denen es ähnlich geht”. In Ihrem Hauptjob arbeitet Steffi in einem großen Unternehmen und kümmert sich dort um das Gesundheitsmanagement. Dazu gehören eben auch Gespräche mit Mitarbeitern. Und besonders psychische Erkrankungen sind bei den jungen Leuten sehr viel geworden. Wie gerne würde sie jetzt aber Wincent gegenüber sitzen, denn sie wusste auch, dass ein persönliches Gespräch durch Blicke und Geesten in so einem Moment noch hilfreicher sein kann. Auch Wincent sehnte sich genau in diesem Moment nach einer Person, mit der nicht nur reden konnte, sondern sie auch in den Arm nehmen konnte.
Aber Steffis Worte hatten gerade eine ähnliche Wirkung und er merkte, wie er langsam entspannter wurde. Trotzdem freute er sich darauf, morgen wieder unter Leute zu kommen und nicht mehr allein mit seinen Gedanken zu sein. “Versuch dich einfach auf morgen zu konzentrieren. Da triffst du deine Fans wieder, die dir Kraft geben und dich auf andere Gedanken bringen.” Als hätte Steffi gerade seine Gedanken gehört! “ Ja das werde ich tun. Nach dem Konzert habe ich auch noch etwas Ablenkung, da ich in einer Night Show beim Radio noch ein Interview geben werde. Aber keine Sorge, zwischen Konzert und dem Interview rufe ich auf jeden Fall nochmal kurz durch. Und dann geht es am nächsten Morgen ja auch schon nach Bremen.” Bremen, ja da war der Punkt, den Steffi ungern ansprechen wollte. Und sie tat es auch nicht. Sie hatte erst überlegt, aufs Konzert zu gehen, hatte sich dann aber dagegen entschieden. Auch wenn Jula sie schon fast dazu gedrängt hatte. Wincent hatte aber auch nicht nachgefragt, also war es für ihn wohl auch gar keine Option, sich dort wieder zu treffen. “Dann schlaf jetzt mal schön und dann wird es dir auch morgen schon wieder besser gehen. Und wenn du nochmal vor dem Konzert quatschen willst, melde dich gerne.” “Das mache ich. Schlaf du auch gut, Steffi.” Als sie aufgelegt hatten, fragte Wincent sich kurz, warum Steffi so schnell über das Thema Bremen hinweg gesprungen war. Bisher hatten sie nicht darüber gesprochen, ob sie sich dann auch persönlich treffen, schließlich wohnte sie nicht weit von der Konzerthalle entfernt. Andererseits wollte er sich auch nicht aufdrängen. Sie hatte sicher auch genug zu tun mit ihrer Arbeit. Aber nach dem Telefonat hatte er irgendwie das Bedürfnis, sie einfach fest in den Arm zu nehmen. Wie konnte sie ihn so gut verstehen und dann auch noch genau das richtige sagen, damit es ihm besser ging? und warum hatten sie eigentlich noch nie vor den Konzerten telefoniert oder geschrieben? Musste diese Routine mal gebrochen werden? Im Bett grübelte er noch eine Weile darüber nach und traf dann eine Entscheidung.
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Auf Halbem Weg - Steffi (1)
FanfictionTeil 1 Steffi und Wincent Steffi (28) gerät durch einen dummen Streich in Kontakt mit Wincent Weiss, den sie bis dahin so gut wie kaum kannte. Wie kam es zu diesem Treffen und wie wird es ausgehen?
