Kapitel 84

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Die Wochen verliefen nicht wirklich ruhig und Steffi war im Büro permanent unter Strom. Ständig wollte jemand etwas von ihr oder das Telefon klingelte. Von allen Seiten wurde an ihr gezerrt und etwas verlangt. Und Steffi versuchte natürlich, es allen irgendwie gerecht zu machen. Das führte wiederum dazu, dass sie immer erst spät abends zuhause war, und sich dann einfach nur noch erschöpft aufs Sofa schmiss, wo sie meistens direkt einschlief. Den nächsten Tag fuhr sie morgens wieder ins Büro und hielt unterwegs nur kurz beim Bäcker an, um sich ein Brötchen für den Tag zu holen. Zum Kochen hatte sie überhaupt keine Zeit mehr und bestellte höchstens abends nochmal eine Pizza oder traf sich mit Freunden zum Essen. Aber auch da kam sie später nach und haute relativ früh wieder ab. An den Gesprächen nahm sie kaum teil, weil sie einfach nicht mehr aufnahmefähig war. Am Wochenende hatte sie sich mal wieder seit langem für eine Schicht im Escape Room gemeldet. Sie dachte, das würde sie wenigstens ablenken und auf andere Gedanken bringen. “Sag mal Steffi, brauchst du nicht auch mal ein bisschen Ruhe, besonders am Wochenende?” fragte Micha besorgt, als sie am Samstag nach einer 10 Stunden Schicht gemeinsam den Laden verließen. “Ich arbeite doch gerne hier, ich war richtig froh, mal wieder hier zu sein. Und bevor ich zuhause rumsitze, komme ich lieber her.” In Wahrheit wollte sie eigentlich nur vor ihrer Wohnung flüchten. Sie hatte in den letzten zwei Wochen nichts im Haushalt getan. Die Pizzakartons stapelten sich im Abstellraum, Das Geschirr in der Spüle. Im Wohnzimmer stand seit einer Woche der Wäscheständer, die restliche Wäsche hatte sie in ihrem Schlafzimmer auf dem Klavier und dem Fußboden verteilt. Der Küchentisch war voll mit Briefen, Rechnungen, Zeitschriften und allem, was sie sonst so in ihre Wohnung schleppte. Aber das war Steffi im Moment alles egal und sie nahm das Chaos billigend in Kauf. Aktuell bekam sie eh kein Besuch, für wen sollte sie also aufräumen? Sie war froh, wenn der Weg zum Sofa noch frei war. Auf das schmiss sie sich jetzt auch wieder und schaltete im TV irgendeine Trash-TV Show an, bei der sie nicht nachdenken musste.

[2] Sie musste nur noch irgendwie bis nächste Woche Mittwoch überstehen, dann konnte sie zum Glück endlich mal wieder zwei Tage Home Office nehmen und sie würde Wincent in Hamburg für ein paar Tage wiedersehen. Eigentlich wollte sie an diesem Wochenende schon mal nach Hamburg fahren, um die Blumen zu gießen und nach dem Rechten zu sehen. Aber da hatte sie keine Lust zu und hatte sich dann dazu entschieden, eben lieber zu arbeiten. Als sie nach der Arbeit auf dem Sofa lag, hatte sie nichtmal mehr Lust, fernsehen zu gucken. Sie bekam stechende Kopfschmerzen und wollte eigentlich nur noch schlafen. Ihr Handy blinkte auf, aber sie hatte keine Lust, auch nur eine WhatsApp Nachricht zu lesen. Nicht mal von Wincent. Der würde ihr wahrscheinlich eh wieder nur einen Vortrag darüber halten, dass sie nicht so viel arbeiten sollte. Das musste gerade er ihr sagen. Sie wusste ja selber, dass das auf Dauer nicht gutgehen kann, aber jetzt gerade hatte sie keinen Elan und keine Kraft, etwas an der Situation zu ändern. Im neuen Jahr würde sie sich wieder aufraffen, das nahm sie sich fest vor.

[3] Wincent machte sich wirklich Sorgen um Steffi. Auch wenn sie ihm immer wieder versicherte, dass es ihr gut gehe, kaufte er ihr das nicht ab. Sie sah müde aus, wenn sie per Videocall telefonierten und hatte dunkle Schatten unter den Augen. Wenn er sie darauf ansprach, blockte sie ab oder spielte das Thema runter. Es tat ihm weh, sie so zu sehen und er fühlte sich schlecht, dass er ihr gerade nicht wirklich helfen konnte. Die Plattenfirma stand ihm mit der nächsten Single im Nacken, die unbedingt fertig werden musste. Ihn nervte dieser Druck extrem, aber er wusste auch, dass er es sich gerade nicht mit Universal verscherzen sollte, wenn er darüber im April sein neues Album veröffentlichen wollte. Also hoffte er einfach, das Steffi noch ein wenig durchhalten würde und wenn sie dann wieder zusammen Zu Hause waren, würde er ganz in Ruhe mit ihr reden. Trotzdem ließ ihm das alles keine Ruhe, und das bekamen auch Kevin und alle anderen im Studio mit. “Wenn du quatschen willst, sag immer Bescheid, Wince. So unkonzentriert bringst du uns hier auch nichts.” “Ich weiß ja, aber ich habe absolut keine Ahnung, was ich machen soll. Ich sehe doch, dass es ihr schlecht geht. Aber sie ist auch echt ein Sturkopf und will sich nicht helfen lassen.” “Na, damit solltest du dich doch am besten auskennen.” Fabi klopfte ihm auf die Schultern. “Ach ja, ich weiß. Aber irgendwann war ich auch dankbar, dass meine Freunde mich immer weiter genervt haben.” Apropos Freunde. Vielleicht hatten ja Steffis Freunde etwas mitbekommen oder mit ihr gesprochen. Hatte sie nicht noch erzählt, dass sie mit Micha heute den ganzen Tag zusammen gearbeitet hatte? Er zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte seine Nummer. Etwas irritiert nahm dieser das Gespräch an. “Wincent? Hallo. Was gibts denn?” “Hey, Micha. Du, eigentlich mache ich sowas ungern, aber ich wollte mal fragen, wie Steff heute drauf war und ob sie was gesagt hat oder so?” “Mh, naja besonders gut drauf war sie nicht. Wieso? Habt ihr Streit?” “Nein, das nicht. Aber ich mache mir Sorgen. Sie spricht nicht wirklich mit mir und ich habe das Gefühl, dass sie völlig überarbeitet ist.” “Da täuscht dich dein Gefühl nicht. Wir waren letztens essen und sie kam locker ne Stunde zu spät, total abgehetzt von der Arbeit. Und wirklich erzählt hat sie uns auch nichts. Heute auf der Arbeit wirkte sie auch ziemlich müde, wollte sich das aber auch nicht anmerken lassen. Darüber sprechen wollte sie mit mir auch nicht. Sie verkrümelt sich gerade ziemlich.”

[4]  Das zu hören, versetzte Wincent einen Stich. “Danke Micha! Ich komme am Mittwoch hoch, könntet ihr so lange vielleicht noch ein Auge auf sie haben?” “Das würden wir gerne, aber Lara und ich fahren morgen selber in die Heimat und Collin und Liv sind auch nicht zuhause.” “Mh, okay. Danke trotzdem.” beendete Wincent das Gespräch. betrübt schaute er auf sein Handy. “Keiner weiß so wirklich, was los ist.” sagte er dann zu Kevin. Dieser sah in verständnisvoll an und legte ihm eine Hand auf seinen Oberschenkel. “Fahr hin, wenn du willst. Wir kriegen das hier schon hin. Zur Not musst du noch ein paar weitere Passagen in Hamburg einsingen. Daran soll es jetzt nicht scheitern.” Wincent schaute ihn dankbar an und beschloss, gleich morgen ganz früh loszufahren. Erst wollte er Steffi schreiben, entschied sich dann aber, sie zu überraschen. So konnte sie ihm das auch nicht ausreden oder ihm wieder ausweichen. Um fit für die Fahrt zu sein, verabschiedete er sich rechtzeitig aus dem Studio und machte sich am nächsten Morgen um 07:00 auf den Weg von München nach Bremen. Zum Glück hatte er inzwischen einen Schlüssel. Als er Sonntag Nachmittag die Wohnungstür öffnete, traf ihn fast der Schlag.

Auf Halbem Weg - Steffi (1)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt