Auch Wincent lag noch eine Weile grübelnd im Bett wach. Es gab Zeiten, da hätte er viele der Frauen, mit denen er sich tagsüber getroffen hatte, abends nach ein paar Bier mit auf sein Hotelzimmer genommen. Mit Steffi hätte sich das aber komplett falsch angefühlt. Nicht, weil sie nicht attraktiv war. Ganz im Gegenteil. Durch ihre natürliche und offene Art hatte sie eine ganz besondere Ausstrahlung, die er sehr an ihr mochte. Sah er sie vielleicht doch nicht nur als eine Freundin an? Der Moment auf dem Skatepark war schon sehr intim, so eng, wie sie dort beieinander saßen. Steffi hatte bei ihm definitiv die Neugier geweckt, wie sich das noch entwickeln konnte. Er war froh, am nächsten Morgen nochmal die Möglichkeit zu haben, ihr nach dem Abend nochmal nüchtern zu begegnen. Hoffentlich hatte es nichts an der Beziehung geändert, die sie bisher aufgebaut hatten. Am nächsten Morgen klingelte es pünktlich um 9 Uhr an Steffis Haustür. Schnaufend kam Wincent an ihrer Wohnungstür an. “Also die Treppen muss ich wohl noch öfter hochlaufen, um oben nicht mehr so kaputt zu sein” pustete er. Steffi grinste ihn an: “Du kannst gerne öfter mit Brötchen vor der Tür stehen, dann hast du dich irgendwann dran gewöhnt. Bist du denn sonst fit?” “Joar, es geht so. War doch ein bisschen wenig Schlaf” Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und wuschelte sie durch. Dafür sah er aber trotzdem verdammt gut aus, dachte Steffi. “Du siehst auch nicht so richtig fit aus” Wincent klang fast ein bisschen besorgt. “Das bin ich auch nicht. Ich glaube, ich bekomme eine Erkältung. War nicht so clever, bei der Kälte ohne Jacke draußen zu sitzen.” “Und das obwohl du so einen heißen Typen neben dir sitzen hattest” sagte Wincent, während er sich am Hinterkopf kratzte und den Kopf schief legte. Steffi lachte auf. “Du Charmeur. Aber ich fands trotzdem schön gestern.” “Ja das fand ich auch!”
[2] Wincent schaute Steffi mit seinen braunen Augen an. Dann schob er sich an ihr vorbei in die Küche. Beim Frühstück waren sie heute beide etwas schweigsamer, was sicherlich auch an der langen Nacht gestern lag. Immer wieder tauschen sie kurze Blicke aus. “Sag mal, hast du nächstes Wochenende schon was vor?” fragte Wincent in die Stille hinein. “ Ich habe das Wochenende und die Woche danach frei und werde die Zeit in Lübeck bei meiner Familie sein. Wenn du Lust hast, komm mich doch gerne besuchen. Dann kriegst du von mir mal eine kleine Stadtführung.” Steffi überlegte kurz, was für das kommende Wochenende geplant war. Bisher war sie nur mit den Mädels verabredet, aber die würden das sicher verstehen. Sie würde einfach vorher mit Jula sprechen. “Klar, ich komme gern” “Das freut mich. und was liegt heute noch an? Ich muss in 1,5 Stunden wieder am Hotel sein.” Steffi sah kurz auf ihr Handy. “Na das passt ja, ich muss auch in etwas zwei Stunden bei der Arbeit sein.” Wincent sah sie mit einem fragenden Blick an. Es war doch Wochenende, oder hatte er die Wochentage schon wieder durcheinander gebracht? “In dem Escape Room, wo ich nebenbei noch arbeite.” schob sie schnell hinterher. “Achja, das machst du ja auch noch. Ist das nicht ganz schön stressig, zusätzlich zu deinem 40 Stunden Job noch am Wochenende zu arbeiten?” “Das musst du gerade sagen, Mister ‘ich arbeite immer und weiß nie welchen Tag wir haben’. Nein, das ist kein Stress. Bei meinem Nebenjob kann ich total abschalten. Ich liebe meine Kollegen, sie sind wir eine zweite Familie für mich geworden. Außerdem finde ich den Kontakt mit den Kunden toll, ständig trifft man Leute, die Freude an dem haben, wofür ich arbeite. Im Grunde werde ich für mein Hobby bezahlt. Das sollte dir doch bekannt vorkommen.” Wincent merkte die Leidenschaft, die bei ihr zu hören war, wenn sie von ihrem Nebenjob im Escape Room sprach. Und das konnt er sehr gut nachvollziehen. Als Vollblutmusiker ist es natürlich das größte Geschenk, mit seinem Hobby Geld zu verdienen.
[3] Er konnte es sehr gut nachvollziehen, warum sie das nebenbei noch machte. “Ja, da hast du Recht. Hast du eigentlich noch andere Leidenschaften? Ich hab in deinem Schlafzimmer ein E-Piano gesehen. Spielst du, oder ist das nur Klamottenablage?” “Hey, nicht so frech” rief Steffi empört. “Wenn ich mal Zeit habe, und es freigeräumt ist, dann spiele ich hin und wieder. Habe vor Jahren aufgehört und wollte jetzt wieder anfangen und mir auch ein bisschen selber was beibringen. Ich bin dabei tatsächlich auf die Seite von Manu gestoßen und hab mir auch schon ein paar Tutorials angeschaut. Der hats echt drauf.” Wincent nickte eifrig. “Dann hast du bestimmt auch schon meinen kläglichen Versuch gesehen, als er mir Feuerwerk beibringen wollte, oder? Das will ich jetzt mal testen, vielleicht kann ich es noch.” Wincent sprang auf und ging in Steffis Schlafzimmer. Steffi kam schnell hinterher und wollte gerade die Klamotten und Noten wegräumen, aber dafür kam sie eine Sekunde zu spät. Wincent saß schon auf dem Hocker und hatte sich eins der Notenblätter gefischt. “Hast du das gespielt?” Er wedelte mit dem Blatt herum. Steffi warf einen Blick drauf und wurde ein bisschen rot. Auf dem Blatt stand mit Bleistift geschrieben “Kein Lied” und darunter waren einige Akkorde und Notizen gekritzelt. “Ähm ja. das habe ich mal angefangen. Ich fand das Lied so schön, gerade die Version, bei der du es live selber am Klavier gesunden hattest. Das Lied hat mich irgendwie an meinen Ex-Freund erinnert. Die Beziehung ist zwar schon 4 Jahre her, aber immerhin waren wir 6 Jahre zusammen, und manchmal kommen da einfach immer noch Erinnerungen hoch.” Steffi versuchte, gelassen zu wirken, aber merkte selber, wie versuchte, sich zu rechtfertigen. Es war ihr etwas unangenehm. Wincent sollte nicht denken, dass sie pausenlos auf Youtube hing und sich mit seiner Musik beschäftigte. WIncent sah einen Moment auf das Blatt. “Genau das waren auch meine Gedanken, als ich das Lied geschrieben hatte. Ich war mit meiner Ex-Freundin schon auseinander, aber wie du schon sagst. Manchmal kommen einfach Erinnerungen und Gefühle hoch, und dann entsteht eben sowas. Magst du es mal spielen? Mich würde interessieren, was du daraus gemacht hast.” Steffi zögerte. Noch nie hatte sie vor jemandem gespielt, seit sie wieder angefangen hatte. lediglich ihr Cousin, der über ihr wohnte, kam ab und zu in den Genuss. “Ach komm schon, ich würde mich freuen. Und vor mir brauch es dir auch nicht unangenehm sein. Ich musste das ja auch erstmal lernen und habe mich auch während der Konzerte mal verspielt.” “Na gut, aber versprich mir, dass du nicht lachst.” Wincent und Steffi tauschten die Plätze und Wincent stellte sich hinter sie. Ihre Finger zitterten und sie musste 3x neu ansetzen, bis sie die richtigen Akkorde gefunden hatte. Wincent legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Steffi setzte erneut an und merkte, wie sie jetzt reingekommen war. Und plötzlich schienen ihre Finger wie von alleine zu spielen. Sie war total in das Lied eingetaucht. Dann hörte sie, wie Wincent leise mitsang.
[4] Als der letzte Akkord ausklang, herrschte für einen kurzen Moment Stille. “ Richtig schön” flüsterte Wincent ihr zu. Dann war bei Steffi alle Aufregung verflogen. “Ich hatte beim Spielen zu Anfang so viele Fragen im Kopf. In welchen Akkorden hast du es gespielt? Ist die Youtube Version eine andere als auf dem Album? und die hast du die Begleitung geändert? Das konnte man so schwer raushören.” Steffis Fragen sprudelten nur so aus ihr raus. “Rutsch mal ein bisschen rüber, dann zeige ich dir meine Version. Wincent erklärte ihr, wie er die einzelnen Abschnitte gespielt hatte. “Einige von deinen Passagen fand ich aber richtig gut, die könnte man gut einbauen. Wie war das nochmal beim ersten Refrain?” Nun waren sie beide in ihrem Element. Sie probierten verschiedene Versionen aus, bis Wincent meinte “Ich glaube, jetzt habe ich es. Lass es mich einmal durchspielen.” Steffi beobachtete ihn, wie er gefühlvoll die ersten Töne anspielte und begann im Kopf, den Text mitzusingen. Wincent schaute sie kurz an und begann dann, laut den Text zu singen. Am Ende des Liedes strahlte er sie an. “Du hast mir noch gar nicht erzählt, dass du auch singen kannst” Oh shit, hatte Steffi etwas laut mitgesungen. Was war denn nur los? Wieso war sie davon so peinlich berührt? So kannte sie sich gar nicht. “Naja meistens sind Dusche oder Auto meine Zuhörer, die haben mir noch kein positives Feedback gegeben.” Versuchte sie, ihre Verlegenheit mit einem Witz zu überspielen. “Dann hast du jetzt von mir offiziell dein erstes positives Feedback.” “Danke, aber ich glaube ich bleibe doch eher dabei, vor und mit Leuten zu reden als ihnen vorzuspielen oder vorzusingen. Das konnte ich früher schon in der Musikschule nicht. Ich bewundere dich wirklich, wie du das so easy machst.” “Naja, das ging bei mir ja auch alles so schnell und irgendwann gewöhnt man sich auch daran. Am Anfang hab ich mir auch fast immer in die Hose gemacht vor Aufregung. Inzwischen kann es kaum erwarten, morgen wieder auf der Bühne zu stehen. Das ist wie eine Sucht. Und morgen ist schon das Abschlusskonzert, das wird nochmal was ganz besonderes. Aber tatsächlich freue ich mich auch darauf, endlich meine Familie und Freunde für ein paar Tage zu sehen. Die sind in der letzten Zeit leider viel zu kurz gekommen.” “Das glaube ich. Aber ist es denn wirklich in Ordnung, wenn ich dann am Wochenende komme? Die freuen sich doch bestimmt auch total endlich mal Zeit mit dir zu verbringen, oder?” “Ach die haben mich doch schon die ganze Woche an der Backe. Und wenn du Lust hast, können wir Samstag abend auch zu Marco, meinem besten Kumpel fahren. Da findet eigentlich am Wochenende immer ein Sit-In statt, seit er nicht mehr mit seiner Alten, äh sorry, Freundin oder äh, Ex-freundin zusammen ist. Und das du ganz gut mit fremden Leuten feiern kannst, hast du ja gestern bewiesen.”
[5] Da hatte Steffi in der Tat kein Problem mit. Sie lernte gerne neue Leute kennen. Auch wenn es schon etwas komisch war, einen Typen zu besuchen, den sie noch gar nicht lange kannte und dann direkt mit seinen Freunden zu feiern. Aber sie sah es Kompliment an, dass Wincent sie scheinbar für sehr kontaktfreudig hielt. Lass dich einfach mal auf dieses Abenteuer ein, so oder so ähnlich hätte Alina ihr jetzt sicher geraten. “Oh fuck, ich muss los. Man, warum rennt denn die Zeit immer so?” Wincent sprang auf. “Sorry, ich hätte hier echt noch gerne mit dir weitergemacht. Also mit dem Klavierspielen und so.” Steffi begleitete Wincent zur Tür. “Schreibst du mir nochmal, wo ich Freitag genau hin muss?” “Na klar. Ich freu mich. und viel Spaß gleich auf der Arbeit.” Dann zog er Steffi an seine Brust und drückte sie fest. Kam es Steffi nur so vor, oder wanderten seine Hände gerade etwas ihren Rücken runter? Egal, einfach geschehen lassen, dachte sie sich und strich mit ihren Händen über seinen Rücken. Scheiße, fühlte er sich gut an. Und das obwohl er noch einen Hoodie trug. Wie würde es sich erst anfühlen, wenn...Stop, das ging jetzt zu weit ermahnte sie ihre Gedanken und wich einen Schritt zurück. Wincents linke Hand glitt dabei langsam über den rechten Arm von Steffi, bis er bei ihrer Hand angekommen war. Er drückte sie noch kurz und lächelte ihr noch einmal zu. Dann drehte er sich um und joggte die Stufen runter. Steffi schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Was war nur an diesem Wochenende mit ihr passiert? Sie musste unbedingt Jula anrufen und ihr alles erzählen!
DU LIEST GERADE
Auf Halbem Weg - Steffi (1)
FanfictionTeil 1 Steffi und Wincent Steffi (28) gerät durch einen dummen Streich in Kontakt mit Wincent Weiss, den sie bis dahin so gut wie kaum kannte. Wie kam es zu diesem Treffen und wie wird es ausgehen?
