Kapitel 28

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Endlich war Mittwoch Nachmittag und Steffi machte sich auf den Weg zum Bahnhof.  Im Zug nahm sie ihr Handy in die Hand und checkte ihre Nachrichten. Eine war von ihrer Mama: "Hallo mein Spatz. Hast du Lust, am Freitag zum Essen zu kommen?" Sie schrieb ihr kurz zurück, dass sie gerade auf dem Weg nach München war, um Wincent zu besuchen. "Was machst du denn da schon wieder? Pass auf dich auf." Sie musste ihr wohl bald mal erzählen, dass sie sich nicht nur freundschaftlich mit ihm traf. Eine weitere Nachricht war von Jan "Hey Sweetie, hab eine schöne Zeit in München. Ich habe Sonntag Abend Zeit, falls du dann quatschen willst." Ach Jan war einfach toll. Die letzte Nachricht war von Wincent: "ich hoffe, es klappt alles mit deinem Zug. Kevin holt dich wieder ab. Ich freue mich wahnsinnig auf dich. Kuss 😘" In dem Moment waren alle Zweifel der letzten Tage wie weggeblasen. Sie freute sich auch sehr.

[2] Angekommen, wartete Kevin wie beim letzten Mal am Ende des Bahnsteiges. Sie begrüßten sich herzlich und gingen zum Auto. "Wie kommt ihr voran? Wincent hatte nicht viel erzählt" Fragte Steffi neugierig. "Ganz gut. Wir haben viele Ideen, die noch ausgebaut werden müssen. Wie war es bei dir? Wincent hat erzählt, dass du viel Stress hattest." "Ohja, das waren Horrorwochen. Deswegen bin ich auch echt froh, jetzt bei euch zu sein und auf andere Gedanken zu kommen." "Na das sollten wir, bzw. Wincent schon hinbekommen. Wir haben die Tage zwar noch einiges auf dem Zettel aber es stört nicht, wenn du dabei bist! Fabi hatte mir letztes Mal erzählt, dass du ihm ein paar Tipps gegeben hast. Neuen Input von Außenstehenden können wir manchmal auch gut gebrauchen. Und du scheinst da ja ein bisschen was von Musik zu verstehen." Steffi fühlte sich geschmeichelt. "Naja, ich mache Musik, seit ich 5 bin und war sogar schon 2x mit der Musikschule früher im Studio. Das hat mir damals schon Spaß gemacht. Aber mir fehlte immer etwas das Talent und vielleicht auch der Mut, das professioneller zu verfolgen. Also erwarte nicht zu viel." "Aber du hast das Grundverständnis und die Leidenschaft. Das ist das wichtigste. Mit mehr hat Wincent auch nicht angefangen." 

[3] Als sie im Studio ankamen, war es total ruhig. Es schien keiner mehr da zu sein, außer Wincent. Man hörte ihn aus dem Aufnahmezimmer summen. "Wir wollen noch einen Song aufnehmen und dann reicht es für heute." Sie gingen ins Zimmer, wo Wincent mit Kopfhörern am Mikro stand. "Hey, da bist du ja endlich!" Er nahm die Kopfhörer ab und gab ihr einen Kuss zur Begrüßung. "Setz dich gerne aufs Sofa, wir nehmen jetzt noch was auf." Dann setzte er die Kopfhörer wieder auf und öffnete auf seinem Handy seinen Text. Irgendwie kam er ihr etwas abwesend vor, sie hatte sich irgendwie eine herzlichere Begrüßung gewünscht. Aber er war sicher gerade mit seinen Gedanken noch beim Song. Kevin gab ihm ein Zeichen und dann ging sie Musik los. Wincent atmete ein und sang los:" Aus ab und zu mal schreiben, wurde über Nacht bleiben Ich lieg' hier in deinem Arm, ja. Aber aus meinem Schweigen, hörst du manchmal noch Zeilen die ich so gar nicht sag' und vielleicht liegt's daran dass es alles so neu ist, noch 'n bisschen verträumt ist zwischen dir und mir, zwischen dort und hier. Ich will nur, dass du weißt, was mir das alles bedeutet…" bei der letzten Zeile sah er von seinem Handy auf und schaute Steffi an. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als sie begriff, was er da sang. Er hatte nicht wirklich ein Lied für sie geschrieben? "Auch wenn noch nicht ganz klar ist, was schon zwischen uns da ist Und wir's noch nicht kapier'n, ey, vielleicht liegt's daran dass es alles so neu ist, noch 'n bisschen verträumt ist zwischen dir und mir, zwischen dort und hier. Ich will nur, dass du weißt, was mir das alles bedeutet." Doch, er sang es für sie. Ihr Herz schlug plötzlich ganz schnell und sie stützte ihren Kopf auf ihre Hände. Sie war gerührt und fassungslos. Ihre Augen wurden glasig und die ersten Tränen suchten ihren Weg über ihr Gesicht. Wie er da stand, sie anschaute und mit einer so klaren Stimme und so viel Gefühl nur für sie sang. Ihre Knie wurden ganz weich. "Wir sind immer noch, immer noch, immer noch Auf halbem Weg." 

[4] Kevin stoppte die Aufnahme und ging wortlos aus dem Raum. Steffi stand auf und schaute Wincent an. Ihr kullerte immer noch eine Träne über die Wangen. Noch nie hat jemand so etwas romantisches für sie gemacht. Seine Worte trafen sie tief im Herzen und sie war mehr als gerührt. Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Wincent nahm die Kopfhörer ab. "Und? Gefällt es dir?" "Ich...ich bin sprachlos. Wow. Ist das für mich?" Fragte Steffi verwirrt. "Ja, für wen denn sonst?" Wincent schaute sich im Raum um und grinste sie an. Dann ging er noch einen Schritt auf sie zu und legte seine Arme auf ihre Schultern. Er schaute sie mit ihren braunen Augen tief an. "Du verdrehst mir echt den Kopf. Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben und das du den Weg mit mir bis hier gegangen bist. Ich kann meine Gefühle einfach am besten mit Musik ausdrücken, also habe ich direkt nach deinem letzten Abschied angefangen, das Lied zu schreiben." "Du bist doch verrückt" strahlte Steffi ihn an. "Verrückt genug, um dich jetzt zu fragen, ob du Lust hast, mit mir den Weg als Paar weiterzugehen?" Er blickte sie erwartungsvoll an. Steffis Körper begann zu kribbeln und ihr wurde plötzlich ganz warm. Sie wusste, dass das hier gerade der perfekte Moment war und sie sich gerade nichts sehnlicher wünschte, als endlich eine Beziehung mit diesem Mann vor ihr einzugehen. "Du glaubst gar nicht, wie sehr ich Lust dazu habe." Sie hob ihren Kopf ein Stück, legte ihre Arme um seine Hüfte und ganz langsam bewegten sich ihre Köpfe aufeinander zu. Die Magie zwischen den beiden war förmlich zu spüren und sie wollten den Moment so lange wie möglich genießen. Wie in Zeitlupe trafen ihre Lippen aufeinander und verschmolzen zu einem langen, sehnsüchtigen Kuss. Wincent fiel in dem Moment die ganze Anspannung ab und bei dem Gedanken, dass er gerade seine Freundin im Arm hielt, fühlte er sich so unbeschwert und glücklich wie lange nicht mehr. 

[5] Nach einer gefühlten Ewigkeit lösten sie sich voneinander. "Dann muss ich jetzt nur noch lernen, was es bedeutet, die Freundin von Wincent Weiss zu sein." Steffi setzte sich wieder aufs Sofa. Wincent ließ sich neben sie fallen. "Also in erster Linie wirst du als Wincent Weiss Freundin den besten Sex mit dem besten Typen der Welt haben." "Du Spinner, den hatte ich doch schon vorher." Lachte sie und stieß ihn in die Seite. "Okay, mal ernsthaft. Wir müssen nichts überstürzen. Für mich ist es völlig okay, wenn wir das erstmal für uns behalten oder nur unseren Familien und Freunden erzählen. Aber ich möchte dich als meine Freundin irgendwann schon mal mit auf Events nehmen oder dich im Restaurant küssen."  "Das sollst du auch alles, ich habe auch keine Lust auf ein ewiges Versteckspiel. Ich würde mich aber freuen, wenn du zuerst meine Familie kennenlernst, bevor sie aus der Presse davon erfahren." "Natürlich, das kriegen wir hin. Ich werde natürlich auch versuchen, dein Privatleben so gut es geht zu schützen. Aber darüber können wir nochmal sprechen, wenn wir uns dazu entscheiden, das wirklich öffentlich zu machen. Vielleicht hast du ja auch nach ein paar Wochen schon gar kein Bock mehr auf mich." "Ja genau, so wird's wahrscheinlich kommen, Doofi. Eigentlich hatte ich nicht so schnell vor, dich wieder herzugeben. Jetzt wo du offiziell mir gehörst!" Sie packte seinen Kragen des Hoodies und zog ihn an sich ran, um ihm einen sanften Kuss zu geben. "Das höre ich gerne! Und es wird sich sicher bald eine Möglichkeit ergeben, dass ich deine Familie kennenlerne. Ich habe nächsten Monat zwei Termine in Hamburg und habe mich schon bei Johannes einquartiert. Den musst du dann auch unbedingt kennenlernen. Ich quatsche mal mit Amelie, ob noch was ansteht oder ob ich ein paar Tage in Bremen dranhängen kann." Steffi quieckte vor Freude. Sie konnte es jetzt schon kaum erwarten, Wincent endlich ihrer Familie vorzustellen.

Auf Halbem Weg - Steffi (1)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt