Julia
Julia zog ihren großen Koffer aus dem Gästezimmer und gab ihm einen der Diener, welcher ihn verstaute. Ein Elf, mit durchsichtigen Libellenflügeln und schneeweißem, kurzen Haar. Wie alt er war, wusste sie nicht. Genau wie die Hexen und Zauberer, waren Elfen unsterblich und konnten nur Unfälle oder Mord und in sehr seltenen Fällen durch Krankheit sterben. Werwölfe waren, genau wie Menschen, sterblich.
Lea kam auf sie zu und drückte sie fest an sich: „Ich werde doch gaaaanz doll vermissen, aber an deinem Geburtstag sehen wir uns wieder! Hast du auch nichts vergessen? Ach und wenn... Dann finde ich es sicher und bringe es mit!"
„Ich habe alles, denke ich." Julia drückte ihre Schwester noch einmal fest und stieg dann in die Kutsche. Ein weiterer Diener, ein Werwolf mit hellbraunen Wolfsohren und freundlichen grauen Augen, hielt ihr dabei die Tür auf.
„Bis demnächst. Ich wünsche mir ganz viele Bücher zum Geburtstag und eine rosa Torte!", sagte Julia grinsend, während der Diener die Tür schloss. Sie winkte durch das Fenster der Tür noch einmal, dann fuhr die Kutsche los. Zurück zum Schloss. Fort von der Freiheit des Hauses ihrer Schwester. Julia sah das kleine Herrenhaus und ihre winkende Schwester noch einmal kurz, dann verschwand alles hinter dichten Bäumen und Büschen. Ihr kurzer Besuch war vorbei.
Ich hoffe, ich bleibe sterblich. Ich will keine Hexe sein. Ich will keine Heilerin sein, keine Seherin, keine Soldatin. Kein Militärboss wie Cleo. Bäckerin. Den ganzen Tag den Duft von Plätzchen in der Nase, das will ich! Keine Diener um mich, die keine andere Wahl haben und die ich nicht frei lassen kann, weil der Bindungszauber sie sonst ihr Leben kostet! Keine Grausamkeit. Keine Macht! Freiheit!
Die Fahrt zurück zum Schloss ging über alte Straßen und Wege. Es würde noch ein paar Stunden dauern, bis sie das Schloss erreichte, also schloss sie die Augen.
Ein Klopfen weckte Julia. Noch benommen öffnete sie die Augen. Neben ihr wurde die Tür geöffnet. Müde betrachtete Julia die junge Dienerin. Eine Elfe mit grünen Libellenflügeln und strohblonden Haaren. Grün. Blaugrüne Flügel, seltsamer Traum.
„Willkommen Prinzessin", murmelte die Dienerin schüchtern. Feine, blass weiße, verschnörkelte Linie zogen um ihr linkes Handgelenk. Das Zeichen, dass sie an das Schloss und die königliche Familie gebunden war. „Ihre Majestät erwartet Euch in ihrem Büro."
Noch nicht vollends wach nickte Julia nur und stieg leicht taumelnd aus der Kutsche.
„Schwesterherz!", hörte sie eine fröhliche, dunkle Stimme rufen. Ihr fünf Jahre älterer Bruder Peter eilte auf sie zu, hob sie etwas unbeholfen hoch und wirbelte sie im Kreis. „Willkommen zurück. Und? Magisches Erlebnis? Feuer? Wasser? Hypnose? Oder bist du weiterhin eine von uns Langweilern?" Peter zwinkerte lachend. „Willkommen Daheim!"
„Weiterhin eine Langweilerin. Eine besonderen Zu Vorkommnisse. Ich kann alleinstehen. Danke."
„Sicher?" Langsam stellte Peter sie zurück auf ihre eigenen Füße. „Eben sah es nämlich so aus, als wurdest du aus der Kutsche fallen wollen!"
„Nur fast. Und dann kam ein Irrer und hat mich herumgewirbelt. Hast du ihn zufällig gesehen?"
„Nein." Peter grinste breit. „Er muss entkommen sein. Keine Angst, ich beschütze dich!"
„Wundervoll!"
Julia sah, wie die Dienerin ihren Koffer in das Schloss trug. Blaugrün. Seltsamer Traum. „Mutter wartet auf mich. Wir können später reden."
„Dann auf, auf, Schwesterchen", winkte Peter sie davon. „Auf zum Mutter-Tochter-Wiedersehen. Soll ich die Partywimpel holen? Konfetti?"
„Natürlich! Und Knallbonbons!" Lachend ging Julia in das Schloss. Mehrere Treppen, Gänge und Flure führenten sie schließlich zum Büro ihrer Mutter Agathe. Ohne zu klopfen öffnete sie die Tür und... platzte ganz offensichtlich in ein wichtiges Gespräch ihrer Mutter und des Finanzministers.
„Ups. Ich kann auch später wiederkommen!"
„Nein, nein. Wir waren bereits fertig", widersprach die Königen mit einem amüsierten seufzen. Der Minister nickte und verließ mit einer kleinen Verbeugung das Büro. „Und? Wie war die Fahrt? Willkommen zurück. Hattest du eine schöne Zeit? Wie geht es Lea?" Die Königin eilte um ihren Schreibtisch und umarmte ihre Tochter herzlich. „Ich habe dich vermisst, Spätzchen."
„Lea geht es gut. Es war sehr schön. Die Fahrt habe ich verschlafen. Hallo Mama."
„Sind in den letzten Tagen besondere Dinge passiert", fragte Julias Mutter weiter.
Julia schüttelte den Kopf. „Nein. Nichts erwähnenswertes." Sie wusste genau, worum es ging. Ihre Mutter hoffte auf Magie. „Keine Magie, Mama. Nein."
„Oder Träume? Vielleicht? Manchmal verstecken sich Visionen in Träumen. Bilder der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft."
Seltsame Träume? Ja! „Nein." Es war nur ein Traum.
„Macht nichts. Es ist ja noch Zeit! Und ich habe Arbeit zu erledigen. Wir sehen uns beim Arbendessen. Außer du möchtest mir helfen? Die Briefe nach Wichtigkeit sortieren? Vielleicht?"
„Nicht wirklich. Hört sich langweilig an."
„Langweilig aber wichtig!", widersprach die Königin. „Aber du bist sicher erschöpft von der Fahrt.
„Mama?"
„Ja? Spatz?" Die Königin setzte sich zurück an ihren Schreibtisch und schaute bereits durch einige Briefe.
„Wärst du enttäuscht, wenn ich eine Sterbliche wäre?", fragte Julia die Frage, die ihr seit Wochen auf
„Ich werde nicht enttäuscht sein, Spatz", antwortete die Königin, ohne von ihren vielen Briefen aufzuschauen. „Gewiss nicht."
„Dann bis später." Julia verließ das Büro. Erleichtert ging sie durch viele Gänge, Treppen hinauf und hinab bis zu ihrem Zimmer. Dort erwarteten sie ihre goldenen Tapeten und ihr goldfarbenes Himmelbett. Ihr Koffer lag oben, auf einem ihrer Schränke. Ihre Kleidung war längst zur Reinigung fortgebracht worden und Julias Habseligkeiten waren bereits in die Richtigen Schubladen gelegt und und in die richtigen Regale gestellt worden. Selbst wenn ich wollte, ich könnte niemals unordentlich sein. Alles wird ja sofort weggeräumt. Vielleicht kann ich an der Akademie mein ganz eigenes Chaos erschaffen? ... Dort gibt es vermutlich mehr Treppen und Gänge als hier und hier sind es mir schon zu viele... Dieses Schloss ist lächerlich groß... Ich will keine Magie.
Peter
Peter schlenderte durch den Schlossgarten. Bunte Blumen blühten, überall standen Skulpturen und Springbrunnen. Vögel zwitscherten, Grillen zirpten. Der Garten war wunderschön. Ein paar Gärtner schnitten Rosenbüsche zurecht. Doch von all dem bekam Peter kaum etwas mit. Er war tief in Gedanken versunken. Würde Julia eine Hexe werden? Die Königin schien daran keinerlei Zweifel zu haben, obwohl Julias Geburtstag beinahe schon vor der Tür stand. Die letzten Tage hatte sie davon gesprochen Julia an der Akademie anzumelden und wie sehr sie sich bereits darauf freue.
Peter hatte keinerlei magische Begabung. Wünschte er, er hätte eine? JA! Natürlich. Sterblich zu sein, ein normaler Mensch zu sein, fand er langweilig. Das hatte wenig Stil. Selbst über eine schwache Begabung hätte er sich gefreut. Er konnte sich noch gut an seine Zeit als Teenager erinnern. Jeden Tag hatte er auf Magie gewartet, bis sein 16. Geburtstag kam. Er sah oft Cloe zu, wie sie Feuer manipulierte und wünschte sich, er könne das auch. Magie kam nie.
Er wusste, dass Julia sich wünschte langweilig zu sein; sterblich zu sein. Während er auf Magie gewartet hatte, wartete sie auf das Fehlen von Magie. Er liebte seine Schwester sehr, doch das konnte und wollte er nicht verstehen. Magie hatte Stil. Er wäre gern ein Zauberer. Stattdessen zwang seine Mutter ihn auf jede Feier mitzukommen, in der Hoffnung er würde dort eine junge Hexe zum Heiraten finden. Damit er Nutzen hatte.
Seine Mutter liebte ihn, dass wusste er, aber es interessierte sie wenig, was er wollte. So war es auch bei Ingried und Paul gewesen und die beiden hatten dem Schlossleben und ihrer Mutter den Rücken zugekehrt. Sie hatten auf ihre Adelstitel verzichtet, um ihr eigenes Leben zu führen. Was wollte Peter? Außer Magie? Er wusste es noch nicht.
(C: sasi)
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Hexe - Der Aufstand
FantasyJulia möchte ein normaler, sterblicher Mensch sein. Ihre ältesten Geschwister sind Hexen, Zauberer. Julia möchte nichts davon. Sie möchte alles hinter sich lassen. Doch das Schicksal hat anderes mit ihr vor: Kurz vor ihrem 16. Geburtstag zeigt sich...
