Bonuskapitel 17

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Cleo wollte ein Ritter sein, wie die Ritter aus ihren Märchenbüchern, aus denen eines der Kindermädchen ihr und ihrem großen Bruder Fritz abends vorlas. Das fünf Jahre alte Mädchen bekämpfte gerade einen gefährlichen Drachen, der eine Prinzessin entführt hatte. Mutig trat sie mit ihrem Schwert gegen das Ungeheuer an. Der Drache wollte aus der Prinzessin Suppe kochen. Mit Erbsen! Das durfte sie nicht zulassen! Der Drache war groß und sehr stark, doch Cleo war stärker.

„Was machst du mit meinem Holzschwert, Cleo?", unterbrach Fritz den Kampf um Leben und Tod.

Cleo schnaubte. „Ich bekämpfe einen Drachen! Siehst du das nicht? Ich bin gerade beschäftigt!"

„Drache?" Fritz runzelte die Stirn. Er war zwei Jahre älter als Cleo und heute war sein siebter Geburtstag. Das Holzschwert hatte er beim Frühstück bekommen. Die anderen Geschenke würde es bei der Feier am Nachmittag geben. Ein kleines Kaffeetrinken mit ein paar ausgewählten Gästen und ihren Kindern. Cleo hatte das Schwert aus seinem Zimmer geholt, da sie nun einmal ein Schwert brauchte, um die arme Prinzessin zu retten!

„Das ist mein Schwert Cleo. Ich will es wiederhaben!" Fritz verzog das Gesicht.

„Aber ich muss doch den Drachen bekämpfen!" Cleo zeigte auf eine große Vase, die ihr als Drache diente. „Siehst du nicht, wie gefährlich er ist? Ich muss die Prinzessin retten!" Nun zeigte sie auf einen Wischmobb, der an der neben der Vase an der Wand lehnte. Diener hatten ihn wohl dort vergessen.

„Cleo! Du hast eigenes Spielzeug! Spiel mit deinen Sachen!" Fritz entriss ihr das Holzschwert und marschierte damit verärgert davon.

„Du bist gemein! Wegen dir macht der Drache aus der Prinzessin Suppe. Mit Erbsen!", rief sie ihrem Bruder hinterher. Dann sah sie zu dem Wischmobb. „Es tut mir leid Prinzessin, doch der Drache hat gewonnen! Er hat mich besiegt!" Theatralisch ging sie vor der Vase zu Boden.

„Was macht Ihr da Prinzessin?" Eine Dienerin sah amüsiert auf Cleo herab.

„Sterben!" Cleo streckte ihr die Zunge raus. „Stör mich nicht dabei!"

„Wenn das so ist. Ich hole nur schnell den Wischmobb, dann könnt Ihr in Frieden sterben!"

„In Frieden?" Cleo runzelte die Stirn. „Was heißt das?"

„Ungestört", antwortete die Dienerin lachend. „Aber vielleicht wollt Ihr in Eurem Zimmer sterben? Wo niemand versehentlich auf Euch tritt? Oder Ihr spielt stattdessen mit Euren Puppen?"

Cleo setzte sich auf. „Puppen sind doof!"

„Oh, sicher nicht. Ihr habt doch so entzückende Puppen. Ihr könntet mit Ihnen Tee trinken." Mit einem Zwinkern ließ die Dienerin Cleo allein.

Cleo ging beleidigt zurück in ihr Zimmer. Es gefiel ihr nicht. Die Stofftapeten zeigten bunte Blumen und überall waren Puppen und Stofftiere. Sie wollte ein Holzschwert. So eines, wie Fritz hatte! Was sollte sie denn mit Puppen spielen?

Einige Stunden später saß sie in einem hellgrünen Kleid mit hässlichen Rüschen am Kaffeetisch und beobachtete schlecht gelaunt, wie ihr Bruder die tollsten Geschenke bekam. Schöne Schuhe, neue Kleidung - keine blöden Kleider mit Rüschen! -, Bücher und noch ein Holzschwert und ein Schild aus Holz. Zum Tee und Kaffee gab es Fritz' Lieblingsgebäck und Erdbeertorte. Die Erwachsenen unterhielten sich über langweilige Themen.

Gegenüber von Cleo saß ein Mädchen, dass ebenso genervt wirkte wie sie selbst. Sie trug ein gelbes Kleid und ihre Haare waren aufwändig hochgesteckt. Anstatt ihren Kuchen zu essen, nahm sie ihn auseinander und untersuchte die einzelnen Schichten. Cleo sah ihr interessiert zu.

„Charlotte! Hör auf mit dem Unfug!", tadelte die Mutter des Mädchens. „Kuchen ist zum Essen da! Du machst dir noch dein Kleid schmutzig!"

Das Mädchen schnaubte und sah zu Cleo, deren eigener Teller ebenfalls einem Schlachtfeld glich.

Ein lautes Kreischen unterbrach den Kaffeeklatsch. Cleos zwei Jahre alte Schwester Lea hatte genug vom Sitzen und versuchte von ihrem Stuhl zu kommen, was ihre Mutter nicht zuließ. „Schluss Lea. Wir essen jetzt!", sagte diese zu dem wütenden Kleinkind, dass davon nichts hören wollte und schließlich von ihrem Vater weggetragen wurde.

Endlich durften die Kinder den Tisch verlassen, um im Garten zu spielen. Natürlich fehlte die Ermahnung an alle Mädchen nicht, ihre Kleider nicht schmutzig zu machen.

Cleo und das Mädchen, Charlotte, fanden schnell zueinander. Die anderen Kinder ignorierend, auch den blöden Fritz, der sein Schwert nicht teilen wollte, spielten sie in einem der Brunnen. Die beiden Mädchen zogen ihre Schuhe aus, kletterten in den Brunnen und widmeten sich einer ordentlichen Wasserschlacht.

„Mama wird schimpfen!" Charlotte kicherte und spritze Cleo nass.

„Meine Mama auch! Aber das macht nichts. Ich mag das Kleid nicht!"

„Ich mag mein Kleid auch nicht!", stimmte Charlotte zu. „Ich wollte das blaue Kleid anziehen! Das ist viel schöner als dieses!"

Der Tag endete damit, dass beide Mädchen Stubenarrest bekamen, doch das war ihnen egal. Sie waren jetzt Freunde.

Als Cleo einige Jahre später auf dem Weg zur Akademie war, um endlich mit dem Unterricht zu beginnen, konnte sie es kaum erwarten, drei Jahre lang jeden Tag mit ihrer besten Freundin zusammen zu sein. Zu ihrem großen Glück waren die beiden in derselben Klasse und Charlottes Zimmer war nicht weit von Cleos Wohnung entfernt, welche sie sich mit Fritz teilen musste, der nun im dritten Jahr war. Leider teilte Charlotte sich ihr Zimmer mit einer anderen Schülerin, die Charlotte nervig und Cleo zu ‚unmädchenhaft' fand. Daher verbrachten die beiden die meiste Zeit in Cleos Wohnung, wo eine Haushälterin und eine Dienerin, die sich ein kleines Zimmer teilen, über sie wachten wie zwei Anstandsdamen. Alles, was Spaß machte, wussten die beiden zu verhindern. Im Auftrag der Königin. Dennoch schaffte Fritz es regelmäßig zu Feiern. Wo, wollte er Cleo nicht verraten.

„Wir müssen die zwei irgendwie loswerden!", murmelte Charlotte, die einen von Cleos grauen Strickpullovern über ihre Schuluniform gezogen hatte. Die beiden Mädchen hatten es sich auf Cleos Bett gemütlich gemacht.

„Und wie?" Cleo trug die Schuluniform für Jungen, da sie sich von niemandem überzeugen ließ, die richtige Uniform zu tragen. Der Schulleiter hatte schließlich eingewilligt, sie die Jungenuniform tragen zu lassen, nachdem sie eine Woche lang aus Protest im Schlafanzug im Unterricht erschienen war.

Ihre Mutter hatte natürlich davon gehört, die Lehrer waren Petzen, und ihr einen sehr langen, ausführlichen Strafbrief geschrieben. Cleo hatte ihn stolz eingerahmt und neben ihrem Bett aufgehängt.

„Ich weiß nicht... Aber wenn wir und in eine Kneipe in Schlossstadt schleichen wollen, dann müssen wir sie irgendwie ablenken..." Charlotte seufzte. „Das klappt nie, oder?"

„Uns spät abends in die Hauptstadt schleichen? Wir müssten zu Fuß gehen. Die Kutschen fahren so spät nicht mehr... Und wenn ich die Diener eine Kutsche bestellen lasse, dann erfährt Mama davon."

„Aber es wäre so lustig! Rebellisch! Wir sind sechzehn! Wir sollten solche dummen Sachen machen!" Charlotte seufzte.

„Wir könnten stattdessen morgen einen nassen Schwamm auf die Tür unseres Klassenzimmers legen", überlegte Cleo. „Und wenn unsere Klassenlehrerin kommt... Ups!"

Charlotte lachte und legte ihren Kopf in Cleo Schoß. „Das sollten wir definitiv machen!"


Hexe - Der AufstandGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt