Agathe
Am Samstagmorgen saß sie mit Lea am Tisch. Ihre Tochter war angereist, als sie von der Entführung ihrer Schwester gehört hatte.
„Und Friedrich ist jetzt im Sumpfland?", fragte Lea und rührte bedrückt in ihrem Kaffee. „Seine Tochter ist fort und er geht feiern? Sollte er nicht hier sein?"
„Er ist da, wo er sein muss. Nicht zu der Hochzeit seines Sohnes zu erscheinen, wäre ein Skandal."
„Mir kommt es eher so vor, als würde er Julia nicht lieben. Ist ein entführtes Kind nicht wichtiger als eine Hochzeit?" Lea schnaubte und wischte sich eine einsame Träne aus dem Gesicht.
„Ich bin mir sicher er liebt Julia nicht weniger als ich." Agathe seufzte. „Aber er hat Pflichten. Genau wie ich. Egal, wie sehr wir unsere Kinder lieben. Das verstehst du doch? Lea? Schatz? Für dich ist es nicht anders. Auch du hast Pflichten."
„Natürlich Mama. Das verstehe ich. Wir müssen das Königreich repräsentieren. Jederzeit."
„Und Hochzeiten gehören dazu. Vorteilhafte Hochzeiten." Agathe lächelte ihre Tochter an. Es war ein trauriges Lächeln. „Wir werden Julia zurückbekommen."
„Vorteilhaft..." Lea überlegte einen Augenblick. „Fritz heiratet eine Sterbliche. Eine Bürgerliche. Das ist alles andere als vorteilhaft, oder? Und was ist mit Babette? Niemand von uns mochte sie, besonders Peter nicht. Doch du hast darauf bestanden, dass es eine vorteilhafte Ehe sei. Warum? Auch Paul hat eine Bürgerliche geheiratet, soweit ich weiß. Genau wie Ingried."
„Ingried und Paul haben sich geweigert, unsere Linie fortzuführen... Was Fritz betrifft: Ich habe ihn zur Vernunft verpflichtet. Er bekommt keine Kinder mit der Sterblichen, wie ich es von ihm verlangt habe. In einigen Jahren kann er dann eine Hexe heiraten und seiner Aufgabe gerecht werden! Was Babette betrifft. Sie ist die Tochter meines besten Freunds. Sie ist ambitioniert. Höflich. Sie war bereit ihre Pflichten zu erfüllen und ihr Vater war unter unseres Gleichen immer hoch angesehen. Er ist ein Kriegsheld."
Nun machte Lea einen bekümmerten Eindruck. „Das willst du wirklich von Fritz verlangen? Und wenn die beiden sich Kinder wünschen? Sollte eine Mutter nicht ihre Kinder in ihren Entscheidungen unterstützen? Und es mag ja sein, dass Babettes Vater hoch angesehen ist... Aber was war mit Peters Willen? Seine Entscheidungen?"
„Nicht, wenn es die falschen sind. Falsche Entscheidungen unterstütze ich nicht. Es war meine Bedingung dafür, dass ich mich Fritz' Hochzeit nicht in den Weg stelle. Es war die Bedingung dafür, dass er die Sterbliche heiraten darf. Ich bin nicht nur eure Mutter, Lea. Ich bin auch eure Königin! Es ist meine Pflicht dafür zu sorgen, dass unsere Familie stark ist. Schwäche kann ich nicht gestatten. Babette hätte unsere Familie gestärkt! Sie ist eine begabte Heilerin, ihr Vater ist ein bedeutender Mann innerhalb unserer Gesellschaft und was das Wichtigste ist, sie war bereit unsere Familie mit weiteren Hexen und Zauberern wachsen zu lassen."
„Das klingt fast so, als würdest du uns nicht lieben." Lea seufzte. „Aber du musst ja auch an das Königreich denken, nicht wahr?"
„Natürlich liebe ich euch, mein Schatz."
Lea nickte. „Ich hoffe nur, Julia geht es gut."
Agathe sah aus dem Fenster. Irgendwo dort draußen war ihr kleines Mädchen.
Agathe hatte schon viele Verluste erlitten. Die Liebe ihres Lebens, Leas Vater. Zwei Kinder, die sich gegen sie wandten und allen voran der größte Verlust: Es war schon so lange her, dass sie konnte es nicht vergessen. Nachts verfolgten sie die Erinnerungen.
Als sie fünfzehn war, schlossen sich die Elfen den Werwölfen an. Die Hungersnot war über die Jahre schlimmer geworden und die Elfen erhofften sich einen großen Vorteil von der Zusammenarbeit mit den Wölfen. Große Teile ihres Waldes waren aufgrund der Hitze vertrocknet. Sie wollten das Land der Menschen. Und der Hexen und Zauberer natürlich, auch wenn sie damals nur eine kleine Gruppe ohne Einfluss waren. Der König forderte alle Männer des Landes auf, sich der Armee anzuschließen. Auch einige Frauen zogen in den Krieg. Agathes Vater war der Aufforderung gefolgt. Eines Abends, als Agathe und ihre Mutter ihr bescheidenes Abendessen versuchten zu genießen, klopfte es an der Tür. Ein Bote war zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass ihr Vater im Krieg gefallen war. Ab dem Abend wich sämtliche Lebensfreude aus den Augen ihrer Mutter. Die beiden zogen bald darauf um, da auf den Äckern ihres Dorfes kaum noch etwas wuchs. Sie wohnten von nun an in einer der größeren Städte, wo es genügend Nahrung und Wasser gab. Ihre Mutter arbeitete Tag für Tag, damit es Agathe an nichts fehlte, bis eines Nachts Elfen und Wölfe in die Stadt einfielen. Agathe sah ihre Mutter vor ihren Augen sterben. Ein Elf war in ihre kleine Wohnung eingedrungen und tötete sie kaltblütig. Ihre Heimat stand kurz darauf in Flammen. Auch Agathe wurde verletzt, doch sie überlebte.
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Hexe - Der Aufstand
FantasiaJulia möchte ein normaler, sterblicher Mensch sein. Ihre ältesten Geschwister sind Hexen, Zauberer. Julia möchte nichts davon. Sie möchte alles hinter sich lassen. Doch das Schicksal hat anderes mit ihr vor: Kurz vor ihrem 16. Geburtstag zeigt sich...
