Bonuskapitel 14

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Die Sonne ging unter und überzog die kargen Wiesen der Steppe in orangenes Licht. Die Hütten des kleinen Dorfes schienen einsam in der weiten Landschaft. Zentauren waren Nomaden. Ihre Hütten waren nicht mehr als stabile Zelte in welchen oft große Familien auf engen Raum miteinander lebten.

Natürlich gab es auch einige feste Dörfer. Doch diese waren oft am Rand der Steppe, nah an den angrenzenden Wäldern und wurden von Menschen bewohnt. Ein einziger Fluss zog sich durch das Land, der bis in das Gebirge der Drachen reichte und dessen Quelle im Sumpfland lag. Am Waldrand nährte der Fluss einige Bäche, die nicht bis in die weite Steppe reichten, an welchen die Menschen siedelten. Es gab auch kleine Sielungen von Elfen und Werwölfen. Manche lebten mit den Menschen zusammen. An den Ufern des Flusses, dort wo keine Menschen, Elfen und Werwölfe lebten, war die Steppe am lebendigsten. Hier gab es hohe Büsche, saftige Gräser und Blumen in allen Formen und Farben. Das Dorf lag nicht weit vom Fluss entfernt. Ein paar Teenager saßen an seinem Ufer. Die drei Zentauren lagen im hohen Gras und betrachteten die Wolken. Dabei versuchten sie Formen zu erkennen. Kalle, der mit seinen neunzehn Jahren der älteste der Gruppe war, hatte gerade eine Wolke entdeckt, die wie ein Stern aussah. Sein bester Freund Aurel, der zwei Jahre Jünger war, war begeistert über den Fund, da er selbst eine Mondwolke entdeckt hatte. Seine zwölf Jahre alte Schwester Amarillis trabte am Flussufer entlang und forderte die beiden Jungen zu einer Wasserschlacht auf. Die beiden hatten dazu keine Lust.

„Dann komm wenigstens du, Flordelis!", rief das Mädchen dem anderen Mädchen der Gruppe zu.

Flordelis stöhnte. „Warum ist deine Schwester noch einmal mitgekommen?"

Aurel seufzte. „Sie hat sich bei Mama beschwert, dass ich sie nicht mitnehmen wollte. Tja, da musste ich dann. Kleiner Plagegeist!"

Flordelis war sechzehn Jahre alt und hatte langes, blondes Haar, während ihr pferdeähnlicher Köper schwarz war, im Kontrast zu ihrer blassen Haut. Aurel fand sie hübsch, genau wie Kalle. Doch noch hatte keiner der beiden Jungen sich getraut, ihr das zu sagen. Aurel und Kalle hatten beide braunes Haar. Ihre Pferdekörper waren ebenso braun. Sie sahen sich ähnlich, fast wie Zwillinge, obwohl sie nicht miteinander verwandt war. Zumindest behaupteten ihre Eltern das. Die Erwachsenen ihrer Gruppe waren sich da nicht so sicher.

Amarillis war inzwischen klitschnass. Ihre schwarzen Haare klebten an ihr und ihr brauner Pferdekörper glänzte. „Mir ist langweilig! Ich will mit euch spielen! Mama hat gesagt, ihr sollt mit mir spielen!", nörgelte sie aufgebracht. „Aber ihr sitzt nur da und starrt in den Himmel."

„Du könntest mit uns Figuren in den Wolken suchen", schlug ihr Bruder vor.

„Das ist langweilig!" Die Zwölfjährige zog einen Flunsch. „Nie machst du, was ich will! Jetzt komm schon! Eine Wasserschlacht!"

„So nass wie du bist, brauchst du keine Wasserschlacht mehr", bemerkte Kalle amüsiert. „Vielleicht solltest du mal aus dem Wasser rauskommen, bevor du dich erkältest. Es ist Herbst!"

„Mir ist nicht kalt!" Selbst die Kleidung, die Amarillis an ihrem menschlichen Oberkörper trug war durchweicht. Sie erinnerte inzwischen mehr an ein Kelpie, als an eine junge Zentaurin. Ihr Bruder vermutete, dass sie in Wahrheit eines war. Kelpies lebten weit weg. Weit hinter der Wüste der Drachen. Doch es sollte auch einige in den sumpfigen Gewässern der Vampire geben.

Plötzlich hörten sie einen lauten Schrei. Erschrocken galoppierte das kleine Mädchen aus dem Wasser zu den anderen Jugendlichen. „Was war das?", fragte sie.

„Ein Drache", antwortete Kalle. Sein Blick fuhr über den Himmel. „Dort!" Er hatte einen Schatten zwischen den Wolken entdeckt und zeigte darauf. Die anderen drei Zentauren sahen nach oben.

„Wo will er hin?" Amarillis starrte wie gebannt auf den Schatten.

„In der Richtung liegt das Sumpfland", beantwortete Flordelis die Frage. „Was will er da? Dort leben keine Drachen."

„Soweit wir wissen", murmelte Aurel.

„Vielleicht hat der Drache da Freunde!" Amarillis grinste. „Oder er macht einen Ausflug? So wie wir letztens mit Papa? Als er uns mit in eines der Menschendörfer genommen hat? Um dort Schmuck gegen Gemüse zu tauschen?"

„Euer Vater sollte nicht mit Menschen handeln", schnaubte Kalle. „Sie sind Eindringlinge. Sie sollten dankbar sein, dass sie hier leben dürfen!"

„Sie tun uns nichts, Kalle!" Flordelis schnaubte und warf ein Büschel Gras nach ihm, welches auf seinem Kopf landete. „Und sie leben schon fast so lange hier, wie wir! Außerdem kommen sie nicht so weit in die Steppe. Das Land ist hier zu karg."

„Mein Vater sagt, andere Stämme gehen anders mit Menschen um!" Kalle wischte sich das Gras aus den Haaren. „Er sagt, wir sind zu friedlich. Wenn wir nicht aufpassen, versuchen sie irgendwann uns zu vertreiben! Oder schlimmeres!"

„Dein Vater sieht Gespenster!", murmelte Aurel.

„Ach ja? Elfen und Werwölfe werden von Menschen versklavt! Das hat Papa mir erzählt! Was ist, wenn sie das mit uns versuchen?" Nun war Kalle verärgert.

„Genau genommen sind das die Hexen und diese gibt es hier nicht", wand Flordelis ein. „Und was sollen Menschen gegen uns tun? Wir sind kräftiger und schneller als sie. Und wir leben länger. Wie lange leben Menschen? Achtzig Jahre? Wir können vierhundert werden! Und ihren Willen manipulieren. Was sollen sie uns also tun?"

Zentauren wurden von vielen Menschen gefürchtet. Diejenigen, die am Waldrand lebten, waren Flüchtlinge, die der Herrschaft der Königin entkommen wollten. Genau wie die Elfen und Werwölfe. Zentauren galten als unerbittlich und gefährlich. Ein ausgewachsener Zentaur konnte den Willen mehrerer Menschen gleichzeitig seinem Willen unterwerfen. Auch den Willen anderer Zentauren. Dabei waren sie nicht alle gleich stark. Die Stärke variierte. Die stärksten waren die Anführer ihrer Stämme. Wenn es Streit zwischen zwei Stämmen gab, und dieser nicht einfach gelöst werden konnten, traten die Anführer mental gegeneinander an. Gewinner des Streits war, wer den Willen das anderen brach und so zum Aufgeben zwang.

Kinder und Jugendliche waren noch nicht in der Lage, den Willen anderer zu manipulieren und sie waren dagegen noch immun. Die Fähigkeit erwachte, zwischen ihrem fünfzigsten und hundertsten Lebensjahr, wenn sie als erwachsen galten. Im Stamm selbst war es verboten, den Willen anderer zu manipulieren. Die jungen Erwachsenen nutzten Wettkämpfe, um ihre Gabe zu schulen und sobald sie ausgewachsen waren ihren Rang im Stamm zu erhalten. Je talentierter ein Zentaur war, desto höher war sein Ansehen. An diesen Wettkämpfen nahmen häufig alle Erwachsenen Teil. Die Jungen, um ihren Platz zu erkämpfen oder um zu lernen und die Älteren, um ihren Platz zu halten. Sobald das Talent erwachte, durften die Jungen mit ihren Eltern und Freunden üben. Dies galt nicht als offizielle Manipulation, da es abgesprochen war. Die vier Jugendlichen konnten es kaum erwarten, an den Wettkämpfen teilzunehmen, auch wenn sie noch viele Jahre darauf warten mussten.

„Jetzt sehe ich den Drachen nicht mehr", bedauerte Amarillis. Die Sonne war inzwischen untergegangen und ein kalter Wind wehte. Das kleine Mädchen zitterte daher etwas. Ihre nasse Kleidung verbesserte die Situation nicht im geringsten. Sie fror.

„Lass uns nach Hause gehen", schlug Aurel daher vor.


(c: sasi)


Hexe - Der AufstandGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt