Unverhofft

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Nach einer kurzen, fast schlaflosen Nacht hatte ich mich dann doch dazu durchgerungen, Ralf's Idee, Jimmy einfach hinterher zu fahren in die Tat umzusetzen.
Mittlerweile fuhr ich im jetzt schon gute zwanzig Minuten hinterher, bis er letztlich am Tierpark Hagenbeck seinen Wagen parkte. Etwas abseits stellte ich ebenfalls Ralfs Auto ab, denn die Mirtwagen hatte ich schon nach unserem Urlaub an der Nordsee wieder abgegeben.
Jimmy holte Rose aus ihrem Kindersitz und begab sich zum Eingang. Von Patrick war allerdings nicht wirklich was zu erkennen. Zuerst überlegte ich noch, ihnen unauffällig nachzulaufen, verwarf den Gedanken aber dann ganz schnell wieder, denn das hätte ich nicht geschafft. Ich hatte zwar keine Beschwerden, oder war einem Risiko mehr ausgesetzt, nichts desto trotz viel es mir aber immer schwerer weite Strecken zu laufen und brauchte viele Pausen. Also blieb ich erstmal im Wagen sitzen... als sich aber nichts tat und mich gerade dazu durchgerungen hatte, zurück zu fahren, versperrte mir plötzlich ein Taxi den Weg... ausgerechnet jetzt, wo ich auch immer dringender zur Toilette musste, da die Bauchzwergin mir mal wieder ordentlich auf die Blase drückte. Leise fluchte ich vor mich hin, während ich darauf wartete, dass das Taxi endlich weiter fuhr, als mir das Blut in den Adern gefror. Ebenso wie ich ihn gesehen hatte, hatte er das auch getan und er starrte mich einfach an. Ich musste schwer schlucken ihn gerade so zu sehen und in mir zig sich alles zusammen, während ich zu zittern begann.
Das Taxi war schon längst gefahren und immer noch stand er vor meinem Wagen, sah mich an, während ich feste das Lenkrad umklammerte. Rose hatte es also richtig erzählt. Sie hatte gestern bereits ihren Papa gesehen... und nun war er tatsächlich hier. Total durch den Wind, wusste ich nicht, was ich tun sollte, spielte unbewusst mit meinem Ehering, und als ich das bemerkte und kurz zu ihm sah und wieder zu Patrick blickte, ging er zum Eingang. Seine Haltung war geduckt und tief hatte er seine Hände in den Taschen vergraben.
Nein, so sollten wir nicht auseinander gehen, Schoß es mir durch den Kopf. Ich schnallte mich ab und brauchte gefühlt Ewigkeiten mit der Kugel mich aus Ralfs Sportwagen zu schälen.
„Patrick!", rief ich noch halb in den Schalensitzend hängend und zog mich gerade hoch, als er abrupt stehen blieb, sich aber nicht zu mir drehte und wieder Richtung Eingang lief.
„Patrick... bitte...", erneut blieb er stehen und ich spürte, wie sehr er mit sich zu kämpfen hatte. Zögerlich drehte er sich zu mir und ich sah sofort, das er Tränen in den Augen hatte. Die Aufregung war aber auch nicht gut für mich, denn ich spürte plötzlich, wie unruhig meine kleine Mitbewohnerin wurde und stark um sich tritt, das ich mir kurz an den Bauch fasste und etwas das Gesicht verzog.
„Lilly... alles ok?", plötzlich fand ich mich in Patricks Armen wieder. Wo war er denn plötzlich so schnell hergekommen... das ganze hatte doch gerade nur ein Paar Sekunden gedauert, als.... „Scheisse!", stieß ich hervor, denn auf einmal lief mir etwas warmes nasses die Beine herunter. „Lilly?!", sprach mich Patrick energisch an. „Die Fruchtblase...", mehr brachte ich nicht hervor. Patrick handelte  und schaffte es irgendwie mich auf den Beifarersitz zu bekommen. „Welches Krankenhaus ist in der Nähe?", fragte er, aber ich konnte nichts sagen, den plötzlich bekam ich starke, krampfende Schmerzen. „Lilly! Du kennst dich hier aus! Welches Krankenhaus!" „Geburtshaus...", presste ich nur hervor. „Fahr Richtung Altona...". Wimmerte ich, als mich erneut dieser zerreißende Schmerz durchzog. „Du bekommst unser Kind nicht hier im Auto, hörst du!", zischte er und fuhr wie von einer Tarantel gestochen durch die Stadt. „Links!", gab ich ihm kurz als Hilfe und kauerte mich wieder zusammen. „An der Ampel rechts! Dann rechte Seite...", stöhnte ich. Es waren definitiv Wehen... und diese kamen relativ häufig, auch wenn ich kein Gefühl für die Abstände hatte. Wie von geistern fuhr Patrick um die kurze und Parkte fast im Eingang des Geburtshaus. „Wo muss ich hin?" „Gott... tut das weh!", stöhnte ich. „Lilian Maria Weber! Wo muss ich hin?" „Noch heiße ich Kelly!"schrie ich ihn schmerzerfüllt an. „Frag nach Anna..", stöhnte ich erneut und Patrick flitzte los, während ich versuchte, ebenfalls aus dem Auto zu kommen.
Gerade als ich es geschafft hatte, kamen auch schon meine Hebamme Anna mit Patrick im Schlepptau angelaufen und griffen mir unter die Arme. „Lilian, wie oft kommen die Wehen?", fragte Anna sofort. „Keine Ahnung... aber oft...." „Wir bringen dich ins Kreiszimmer, dann untersuche ich dich erstmal... da du eigentlich noch zu früh bist müssen wir schauen, ob du hier bleiben kannst oder wir dich ins Krankenhaus bringen lassen...", erwiderte Anna ruhig, aber bestimmt. „Du bist bestimmt der werdende Papa...", sprach sie nun Patrick an, der völlig hilflos neben uns her lief. „Park mal deinen Wagen um, so kannste da nicht stehen bleiben. Wir sind in der Vier... kommst dann einfach rein!", und Patrick nickte ihr zu.
Sie half mir aufs Kreisbett und schloss das CTG an. „Schön, dass ihr das klären konntet!" Ich hatte ihr etwas über meine aktuelle Situation erzählt. „Anna... nein... nicht wirklich.... vor tut das immer so scheisse weh?", stieß ich hervor, als Patrick zurückkam und unschlüssig im Türrahmen stehen blieb. „Komm rein... setz dich zu Lilian... sie braucht jetzt deine Unterstützung!" Patrick nickte ihr nur zu, zog sich die Jacke aus und setzte sich auf den Stuhl der am anderen Ende des Zimmers stand. „Nein Paddy... nicht dahinten... setz dich zu Lilian aufs Bett... ich glaub das gibt hier heute ne schnelle Geburt!", sanft lächelte sie mich an und zog mir meine Hose etwas runter um mich zu untersuchen. „Respekt Lilian... und das fürs Erste... du bist schon bei 9 cm... die Wehen kommen durchgehend laut CTG... so... eigentlich ist die kleine Maus noch etwas zu früh dran, da wir es aber nicht mehr ins Krankenhaus schaffen würden, informiere ich den hiesigen Kinderarzt. Der wird jetzt auch gleich kommen. Alles ist in Ordnung, wir müssen nur schauen, ob sie schon ohne Hilfe atmen kann, ob es ihr gut geht, und dann entscheidet der Arzt. Normalerweise müsste die kleine noch auf die Frühchenstation...", erklärte uns Anna. „Ich will nicht ins Krankenhaus...", wimmerte ich, denn ich hatte mich bewusst für das Geburtshaus entschieden.

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