Der Ritter musste trotz allem eingeschlafen sein, denn irgendwann schreckte er mit schmerzendem Nacken und eiskalten Gliedern auf. Noch war es stockdunkel, doch seinem grummelnden Hunger nach war es bereits früh am nächsten Morgen. An einem Glutrest entfachte er das Feuer neu und wärmte sich ein wenig auf. Er aß und trank etwas und wartete dann ungeduldig, dass die Sonne stieg und es hell genug war, um aufzubrechen. Wenn er heute stramm marschierte und die Pausen kurzhielt, konnte er es bis zum Abend bis Rettow schaffen, hatte er sich ausgerechnet.
Von Aven hasste es, untätig auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Unterwegs mit dem Tross hatte es immer etwas zu tun gegeben und auch die Gesellschaft von Snö und Torbjörn war heilsam gewesen. Hier müßig auszuharren, war schwer erträglich, denn sofort begannen seine Gedanken wieder zu rotieren und vor ihm türmten sich die offenen Fragen und Schwierigkeiten auf wie ein weiteres Gebirge, das es zu überqueren galt.
Er hatte die Ostmark erreicht und übermorgen Nacht würde er in der Stadt sein. Er dankte Gott dafür. Aber er war allein und die einzige Klinge, die er besaß, war ein daumenlanges Taschenmesser. Geblieben war ihm lediglich sein Verstand. Und ein Leib, dessen Zerbrechlichkeit er sich inzwischen sehr bewusst war und dem er im letzten Jahr alles abverlangt hatte. Er brauchte dringend Unterstützung. Um Gertraud und sein Kind zu finden und um sie und die Mark zu befreien.
Und da war noch etwas, das schwer auf ihm lastete. Etwas vor dem ihm zutiefst graute. So sehr graute, dass er nicht einmal mit Torbjörn darüber gesprochen hatte. Er kehrte als Verlierer zurück. Tausende Männer waren unter seinem Kommando gefallen. Er hatte sie alle in eine verheerende Niederlage geführt. Was, wenn ihm, dem Versager, nun niemand mehr folgte?
Um sich abzulenken, nahm er noch einmal all die Dinge zur Hand, die er seit seiner Rettung am See Genezareth bei sich trug. Das winzige Fläschchen mit dem Wasser des Sees, das der Abt des Klosters ihm mit auf den Weg gegeben hatte und das noch immer an einer Schnur um seinen Hals hing. Und die beiden winzigen Pergamentstreifen. Einer entrollt. Einer noch versiegelt. Beide waren unterwegs mehrmals nass geworden. Die kurze Botschaft auf dem geöffneten Streifen war blass und verwaschen, aber noch immer zu erkennen. Es war gute Tinte und von Aven hoffte, dass er auch Vater Georgios zweite Botschaft an ihn irgendwann würde lesen können. Doch er wollte das winzige Siegel erst brechen, wenn er wirklich angekommen war. Zuhause an seinem Schreibpult. Oder vor dem Kamin in der Bibliothek. Zusammen mit Gertraud. Auf dem Fell des Bären... Er seufzte.
Dann war da die nur fast heile Holzschüssel mit der schönen Maserung. Der Löffel, den er für seine Hilfe mit dem kleinen Jungen am Brunnen bekommen hatte. Das Stoffpäckchen mit seinen abgetrennten Gliedern, dem abgebissenen Finger und die erfrorenen Zehen. Dazu gekommen war das gestohlene Klappmesser und der abgegriffene Geldbeutel aus den Taschen des Toten. Und zu jedem einzelnen Stück würde er Gertraud eine lange Geschichte zu erzählen haben. Und noch so viel mehr. Stück für Stück packte er die Sachen wieder ein und ihm schien, als habe er in diesem letzten Jahr so viel erlebt und erfahren, dass es für mehrere Leben reichte.
Ein zarter Schimmer erhellte schwach den östlichen Horizont und er erhob sich mit knirschenden Gelenken. Zuerst zwang das wenige Licht ihn noch, langsam zu gehen, aber je heller es wurde und je sicherer er Gräben und Schlaglöcher erkennen konnte, umso rascher schritt er voran. Die Dörfer, durch die er kam, muteten an wie immer und er war froh, nicht noch mehr Zerstörung sehen zu müssen. Auch hier vermied er es, Leute anzusprechen und füllte nur hin und wieder seinen Wasserschlauch an einem Brunnen. Er rastete nur kurz und aß im Gehen.
So näherte er sich am Nachmittag Gertrauds Heimatdorf und ganz plötzlich fuhr ihm ein berückender Gedanke durch den Kopf. Konnte es sein, dass sie dort war? War es nicht denkbar, dass seine Frau hatte entkommen können und sich hier bei ihrer leiblichen Familie verborgen hielt? Würde er sie womöglich gleich im Arm halten? Sein Herz begann in einem heftigen Wirbel zu schlagen und seine humpelnden Schritte beschleunigten sich, noch bevor er den Gedanken wirklich zu Ende durchdacht hatte. Und es spielten sich vor seinem geistigen Auge wunderbare Szenen ihres Wiedersehens ab.
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Die Tochter des Brauers
Romance"Ihr glaubt wirklich, Eure Küche hätte Zugang zum Baum der Erkenntnis?" "Gut pariert, Frau!", lachte er. Sie bewarf ihn mit dem Apfel, er fing ihn auf, zögerte noch einen Moment und biss hinein. Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochte...
