Wie sich nur allzu bald herausstellte, war es ein Fehler gewesen, das Licht zu löschen. Gertrauds Haube war zwar im Nu vom Kopf gezogen, aber die Flechten ihres Haares und auch die Bänder und Knöpfe des Kleides boten im Dunkeln erheblich mehr Widerstand. Er fluchte und sie bemühte sich, zu helfen, aber jetzt war sein Verlangen so weit angeschwollen, dass er sie kurzerhand rittlings auf seinen Schoß zog und ihre Röcke in die Höhe raffte. Was folgte, war hastig. Und heftig.
Hardrich wünschte, er hätte ihr dabei in die Augen sehen können, aber Gertraud war froh, dass es dunkel war. Alles ging so schnell, dass sie es nicht zu genießen vermochte. Stattdessen dachte sie bei jedem seiner Stöße, er möge bloß alle Spuren des Scheusals aus ihr tilgen.
„Treib ihn aus! Treib ihn mir aus!", dachte sie immer wieder und als Hardrich befreit aufstöhnte und sie hitzig an sich drückte, spürte sie, dass ihr Gesicht tränennass war. Erst da wurde ihr bewusst, wie tief die Wunden des Missbrauchs doch reichten. Nicht so sehr körperlich, wie seelisch.
Im Anschluss ließ ihr Mann sich zurücksinken und zog sie mit sich, um mit ihr im Arm einzuschlafen. Doch die kantigen, kurzen Bettkästen schienen mit fast schon boshafter Genugtuung etwas dagegen zu haben. In keiner Lage war da nicht irgendeine Leiste oder Ecke, die ihnen in Rücken oder Rippen stieß und nach kurzer Zeit immer unerträglicher drückte. Irgendwann gab er es mit einem ärgerlichen Knurren auf, wälzte sich herum und nur mit ihrer Hand in der seinen war er im nächsten Moment eingeschlafen. Sie dagegen kam nicht zur Ruhe und als sein Griff im Schlaf erschlaffte, zog sie ihre Hand sachte zurück und unter ihre warme Decke. Eine ganze Weile lauschte sie auf seine tiefen Atemzüge und versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.
Sie war überglücklich und unendlich erleichtert, dass er zurück war und halbwegs unversehrt neben ihr lag. Noch gestern Nacht hätte sie davon nicht zu träumen gewagt.
Doch es war ein holpriges Wiedersehen gewesen. Gar nicht so, wie es sich in ihrer Vorstellung immer abgespielt hatte, dachte sie bekümmert. Im Gegenteil. Es hatte sie erschreckt, wie fremd ihr Mann ihr im ersten Moment gewesen war und dann war alles so furchtbar fehlgegangen. Das Geheimnis um Ännlins Abstammung war nicht lange eines geblieben und sie hatte sich zu einem zutiefst beschämenden Wutausbruch hinreißen lassen. Vor allem aber lastete Onjuks Tod auf ihr.
Sie seufzte tief. Schon morgen würden ihren Mann zudem alle anderen Verantwortlichkeiten wieder einholen und beide würden schwerlich Zeit haben, bald wieder zueinander zu finden. Bereits heute hatte Hardrich Wichards brennende Fragen kaum zurückstellen können. Selbstverständlich würde er es sein, der ab morgen wieder die Verantwortung schulterte. Die Führung übernahm. Die Entscheidungen traf. Und sie alle würden sich wieder einreihen. Hinter ihm. Wichard und Wilhelm und die Lehnsleute, die noch lebten. Und auch sie selbst. Und es beunruhigte sie ein wenig, dass sich bei diesem Gedanken in ihrem Inneren ein leichtes Widerstreben bemerkbar machte.
Als sie wach wurde, war das Zimmer nur ganz schwach von der ersten Wintermorgensonne erhellt, die durch die Ritzen der verhängten Fenster drang. Es war still im Haus. Und kalt. Noch halb im Schlaf fiel ihr erst nach einigen Augenblicken auf, dass ihr Bett anders stand als sonst und die Erinnerung an den gestrigen Tag stellte sich schlagartig ein. Sie fuhr herum. Da war der zweite Bettkasten. Aber leer.
„Hardrich?", entfuhr ihr erschrocken.
„Hier. Hier bin ich", hörte sie ein verschlafenes Murmeln und etwas bewegte sich in den Schatten hinter dem leeren Bett.
Er hatte offenbar den Strohsack aus dem engen Bettrahmen gezogen und auf dem Fußboden ausgebreitet. Sie sprang auf, huschte über die eisigen Holzdielen und kroch zu ihm. Seine Wärme umfing sie, als er rasch die Decke wieder um sie beide herumschlug und sie in die Arme schloss.
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Die Tochter des Brauers
Romance"Ihr glaubt wirklich, Eure Küche hätte Zugang zum Baum der Erkenntnis?" "Gut pariert, Frau!", lachte er. Sie bewarf ihn mit dem Apfel, er fing ihn auf, zögerte noch einen Moment und biss hinein. Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochte...
