Von Aven hängte seinen fleckigen Umhängebeutel an einen Wandhaken, trat mit einem erleichterten Aufatmen ans Küchenfeuer und streckte seine Hände der Wärme entgegen. Seine Frau umarmte ihn von hinten und presste sich an ihn.
„Weißt Du noch, am Tag bevor Du fortgingst? Als wir zusammen im Bade saßen und ich Dir die Bürste angedroht habe, wenn Du zurückkommst?", flüsterte sie.
„Du ahnst nicht, wie oft ich daran zurückgedacht habe", murmelte er.
„Denn dafür ist es jetzt an der Zeit, mein Lieber. Du riechst wie ein alter Iltis."
Er schnaubte.
„Ich hatte ganz vergessen, wie frech Du bist."
„Oh, heute bin ich noch viel frecher! Frag mal Wichard. Den habe ich so einiges an Nerven gekostet", antwortete sie lachend.
Da drehte er sich zu ihr um und in seinen Augen stand deutlich seine Missbilligung. Obwohl er es nicht aussprach, war ihr klar, was er dachte. Mit solchen Eskapaden wie Bierbrauen, Widerworten und Ausritten über Land würde jetzt Schluss sein. Ihre gute Laune flackerte und erlosch und eine unangenehme Stille folgte.
Bis er sich räusperte und brummte:
„Um die Bürste werde ich nicht herumkommen. So viel ist sicher."
Es kostete Gertraud einen Moment, ihre Ernüchterung herunterzuschlucken. Doch sie wollte an diesem ersten Abend nicht noch einen Streit vom Zaun brechen.
„Fangen wir mit einem Haarschnitt an", schlug sie vor und wies auf einen Schemel am Herd.
Er nickte und setzte sich und sie entzündete noch zwei Talgkerzen, um mehr Licht zu haben. Dann nahm sie eine Bürste und begann, seine verfilzte Mähne zu entwirren, wobei sie vorsichtig die vernarbte Kopfseite vermied. Geduldig arbeitete sie eine ganze Weile wortlos und brach dann das Schweigen.
„Wie schön Dein Haar nachgewachsen ist. So ohne Kappe. Wie kommt es, dass Du sie nicht mehr trägst?"
„Ich würd' sie tragen, wenn ich sie noch hätte."
Als er nach diesen Worten wieder beharrlich schwieg, fragte sie:
„Magst Du denn gar nichts erzählen?"
Der Ritter stöhnte.
Es war nicht so, dass er seine Erlebnisse nicht gerne mit ihr geteilt hätte. Ganz im Gegenteil. Aber er fühlte sich vollkommen außerstande, irgendwo zu beginnen. Jeder Satz, den er erwog, würde zehn neue Fragen aufwerfen und der Berg an Ereignissen türmte sich gerade vor ihm auf wie ein Gebirge, hoch wie die Alpen. All die schönen Dinge, die Abenteuer und Wunder. Und die Begegnungen mit all den außergewöhnlichen Menschen, die seinen Weg gekreuzt hatten. Er dachte an Gotthilf von Trebur, die Kaiserin, an Nubia und Ali Ibn-Qasim. An Veronica und Ubald. Und an Thorbjörn. Und an die vielen, vielen anderen Frauen und Männer.
Und dann waren da noch die Erinnerungen, die er so gut es ging, verdrängte. Sein Scheitern als Heerführer. Tausende Tote in seiner Verantwortung. Sein Siechtum und seine Schwäche. Ängste, entsetzliche Ohnmacht und Erniedrigungen, die er nie für erduldbar gehalten hätte.
Er wollte ihr all das erzählen, denn er wusste, es würde eine Wohltat sein, es sich von der Seele zu reden. Und doch graute ihm davor, es in Worte zu fassen. Das Sprechen strengte ihn zudem an und alles, was er jetzt wollte, war hier in der Wärme zu sitzen, Gertrauds Nähe und ihre sanften Bürstenstriche zu spüren und endlich den Dreck von Monaten von sich zu waschen.
Schweigend blieb Gertraud noch einige Augenblicke in ihr Tun vertieft, bevor sie noch einmal versuchte, ihn behutsam zum Reden zu bewegen.
„Ich habe eben mit Rupert gesprochen. Er hat gesagt, Onjuk hat mit allen Mittel versucht, Dich zu reizen, damit Du ihn erschlägst. Und Du hast es nicht getan. Erst als er Dich angefleht hat. Dafür danke ich Dir."
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Die Tochter des Brauers
Romance"Ihr glaubt wirklich, Eure Küche hätte Zugang zum Baum der Erkenntnis?" "Gut pariert, Frau!", lachte er. Sie bewarf ihn mit dem Apfel, er fing ihn auf, zögerte noch einen Moment und biss hinein. Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochte...
