Er ging heute fast ohne Erwartungsdruck in die Kämpfe und hatte außerdem den Vorteil, dass seine Gegner ihn überhaupt nicht einschätzen konnten. Und er schlug sich gut.
Er hatte weder Schwierigkeiten das fremde Pferd zu führen noch schien er viel von seiner schwer erworbenen Kampfkunst verlernt zu haben. Ausdauer war bei kaum einem der Durchgänge gefragt und so überwand er fast schon zu mühelos einen Gegner nach dem anderen. Und mit jeder Runde wurde er sicherer. Und entschlossener. Der Ritter wäre stolz auf ihn, dachte er manches Mal und grinste in sich hinein. Er hatte nach der Hälfte der Kämpfe den Eindruck, der einzige zu sein, der das Ganze wirklich ernst nahm.
In der vorletzten Runde hob er beim Lanzenreiten den Sohn des Grafen von Winterthur aus dem Sattel und die Zuschauer kannten kein Halten mehr. Jubel brandete auf und wollte nicht enden. Wichard versuchte einen Blick auf die Tribüne zu werfen, um seine Gemahlin zu sehen, aber die durch den Helm eingeschränkte Sicht erlaubte es nicht.
Er wendete am Ende der Bahn, ritt zurück zu dem Unterlegenen und stieg ab. Dann reichte er dem Gestürzten die Hand und half ihm auf die Beine. Verletzt war der Mann nicht, aber die Prellungen, die er sich bei seinem deftigen Sturz zugezogen haben musste, würden ihm noch eine Weile zu schaffen machen. Wichard war selber durch eine harte Schule gegangen und hatte das oft genug am eigenen Leib erfahren.
Auch heute war er nicht ohne Blessuren bis hierher gekommen. Er hatte Etliches einstecken müssen und würde morgen ein hübsches Muster von Blutergüssen und blauen Flecken vorweisen können. Beim vorherigen Durchgang im Lanzenreiten war sein Gegner nach Wichards Treffer auf seiner Seite vom Pferd gestürzt, gerade als er ihn passierte. Und dessen gepanzerte Schulter hatte Wichards Knie mit voller Wucht gerammt. Er war hinterher kaum heile vom Pferd gekommen und das Auftreten schmerzte höllisch bei jedem einzelnen Schritt. Doch es war natürlich unklug, sich im laufenden Turnier seine Schwachpunkte anmerken zu lassen. Also hatte er die Zähne zusammengebissen.
Jetzt verbeugte er sich noch einmal höflich vor dem jungen Herrn von Winterthur. Der funkelte ihn voller Unmut an, konnte so aber nicht anders, als die zuvorkommende Geste mit einer angedeuteten Verbeugung zu würdigen.
Das, was Wichard heute von den Kämpfen des anderen gesehen hatte, war eher dürftig gewesen und er war überrascht, dass der Mann überhaupt soweit gekommen war. Wahrscheinlich hatten einige Gegner aus Kalkül oder sonstigen Abhängigkeiten heraus ihn den Sieg davontragen lassen.
Doch Wichard war hier in Winterthur niemandem etwas schuldig und dachte gar nicht daran. Er winkte gelassen zur Tribüne hinüber, wo in der Ferne die schmale, weiße Silhouette von Melisande zu erkennen war. Und erneut jubelte und klatschte die Menge auf den Rängen, genauso wie auch das einfache Volk, das hinter den Absperrungen stand.
Beschwingt durch den anhaltenden Applaus, der ihm galt, führte er den hübschen Schimmel zurück in Richtung seines Zeltes und klopfte ihm dankbar den Hals. Das Tier war im Gegensatz zu der Stute, die Wichard für gewöhnlich auf dem Gut ritt, das Tragen des schweren Rossharnischs und das Laufen in der Bahn gewohnt. Ein kräftiges, ausgeglichenes Streitross, das ihm heute hervorragend gedient hatte.
Beat kam ihm entgegen gelaufen. Der Junge strahlte ihn begeistert an und nahm ihm dienstfertig die schwere Lanze ab.
„Das war trefflich, Onkel! Oh, ich wünschte, Vater würde mich das auch erlernen lassen!", sagte er sehnsüchtig.
„Glaub mir, Beat. So sieht das alltägliche Leben nicht aus, wenn Du irgendwo als Knappe in Diensten stehst. Und später auch nicht", erwiderte Wichard, lächelte aber.
Es fühlte sich gut an, wieder eine Waffe zu führen. Und dazu noch so erfolgreich in diesem Wettkampf dazustehen, war unglaublich befriedigend.
Ihm wurde plötzlich bewusst, wie sehr er sein altes Leben vermisst hatte. Er seufzte und ließ sich vorsichtig auf einem Hocker im Zelt nieder. Pochende Schmerzen im Knie machten ihm zu schaffen und er musste die Stelle nicht sehen, um zu wissen, dass gerade alles dabei war, dick anzuschwellen. Er steckte jetzt seit Stunden in der fremden Rüstung und langsam begann das Gewicht schwer auf ihm zu lasten. Außerdem spürte er, dass seine Haut an mehreren Stellen im Schulterbereich und seitlich am Brustkorb aufgerieben war und die offenen Wunden bei jeder Bewegung beißend schmerzten.
Die Rüstung passte zwar leidlich, war aber eben nicht wirklich für ihn gemacht. Doch er war entschlossen, die Unterbrechung zu nutzen, um Kraft zu schöpfen und verdrängte die Schmerzen und seine beginnende Erschöpfung. Er war heute so weit gekommen, wie noch nie im Leben bei irgendeinem Wettkampf zuvor. Und er wollte jetzt auf Gedeih und Verderb gewinnen.
Draußen auf dem Platz wurde derweil die schönste Erntekrone der Gilden gekürt.
„Bring mir Bier. Und was zu essen", wies er den Jungen an.
Beat hatte die Lanze verstaut und wollte gerade nach dem Pferd sehen, doch er nickte und lief hinaus, um vom Proviantwagen, den der Fürst für die Turnierteilnehmer hatte aufstellen lassen, das Gewünschte zu holen.
Wichard hatte seit dem frühen Morgen nichts gegessen und war ausgehungert und durstig. Trotzdem zwang er sich, langsam zu essen und gut zu kauen, um ja keine Magenkrämpfe zu bekommen. Er aß drei Scheiben des dunklen, kräftigen Brotes mit dick Schmalz darauf und zwei Stück Apfelkuchen. Dann spülte er alles mit dem Krug Bier herunter. Bisher hatte er Wasser getrunken, aber er wusste, dass ein wenig Alkohol zum jetzigen Zeitpunkt gut gegen die Schmerzen war und auch seinen Kampfgeist und die Laune heben würde. Nur zuviel durfte es nicht sein.
„Hast Du eine Ahnung, wer der Sieger aus dem anderen Durchgang ist? Dieser Eckhard Sowieso?"
„Von Gerdsberg? Na ja. Ich hab geradehin bei den anderen Jungs gestanden und wir haben so erzählt... Die sagen, er ist wohl seit ein paar Jahren Hauptmann der Leibwache. Hat einen steifen Fuß. Ich hab aber vergessen, welcher..."
„Rechts", unterbrach ihn Wichard, „Ich hab ihn vorhin vom Platz gehen sehen. Aber den Kampf habe ich leider verpasst. Das ist ärgerlich Das hätte mir jetzt geholfen."
Beat besann sich und er fuhr eifrig fort:
„Er führt das Schwert mit der Linken, haben sie alle erzählt. Und er ist nicht schlecht. Er hat die letzten drei Jahre das Turnier gewonnen. Das weiß ich von Großvater."
„Linkshänder... Das ist in der Tat selten. Und wichtig zu wissen. Und wenn er mit einem lahmen Fuß Hauptmann geworden ist, muss er wahrlich gut sein. Er ist erfahren und gewiss auch ausdauernd, denn er hat fraglos wochenlang auf diesen Tag hin trainiert. Und er weiß, dass ich das nicht habe. Mmh. Wie wird er wohl vorgehen?", erwiderte Wichard nachdenklich.
Tief beeindruckt sah Beat seinen Onkel mit großen Augen an und wartete andächtig schweigend darauf, dass dieser weitersprach.
„Wahrscheinlich wird er versuchen, den Kampf in die Länge zu ziehen. Damit mir die Kraft ausgeht und er seine Vorteile sicher ausspielen kann, ohne meine Erfahrung fürchten zu müssen. Also sollte ich tunlichst dagegen halten und die Entscheidung möglichst rasch suchen. Genau wie mein Ritter es gemeinhin tut. Ich muss sofort und mit aller Härte in den Kampf gehen und die Linkshändigkeit bedenken. Das wird nicht leicht werden", erläuterte er dem Jungen grimmig.
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Die Tochter des Brauers
Romance"Ihr glaubt wirklich, Eure Küche hätte Zugang zum Baum der Erkenntnis?" "Gut pariert, Frau!", lachte er. Sie bewarf ihn mit dem Apfel, er fing ihn auf, zögerte noch einen Moment und biss hinein. Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochte...
