Nur einen Fingerbreit von seiner Wange entfernt fing Hardrich ihr Handgelenk ab. Im allerersten Augenblick mehr verblüfft als erzürnt. Doch schon im nächsten Moment stieg ihm helle Zornesröte ins Gesicht. Obwohl sie sein Gesicht nicht berührt hatte, schmerzte ihn die Enttäuschung und die Entrüstung mehr, als es ihre Ohrfeige getan hätte. Und noch viel härter traf ihn die Ehrverletzung. Er wollte sie anbrüllen, fand aber keine Worte, die seiner Empörung auch nur annähernd Ausdruck verliehen hätten.
Es entfuhr ihm lediglich ein bitterböses „Was fällt Dir ein!" und er packte das Heft des Schwertes unwillkürlich so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Gertraud erschrak und erst in diesem Augenblick wurde ihr mit eisiger Klarheit bewusst, was sie gerade Unverzeihliches getan hatte. Fast hätte sie ihren Mann geschlagen. Den Markgrafen. Vor Zeugen noch dazu. Alle Farbe wich aus ihren Wangen, die eben noch vom Ritt in der Kälte rosig geglänzt hatten.
Doch es war falsch, was er getan hatte, dachte sie trotzig und spürte heiße, zornige Tränen in sich aufsteigen.
„Ein unbewaffneter Gefangener! In Ketten!", fuhr sie ihn an, „Er ist für mich dagewesen, als ich am dringendsten Hilfe brauchte! Und Du schlachtest ihn ab wie ein Tier? Hatten wir noch nicht genug Tote?"
Dann sank sie neben dem Kumanen zu Boden und ergriff dessen im Tod entsetzlich schwere Hand. Die allerletzte Lebenswärme entwich eben daraus und mit ihr verpuffte auch Gertrauds Wut mit einem Mal und ließ sie mit nichts als maßlosem Kummer zurück.
„Er war völlig wehrlos!", schluchzte sie mit brüchiger Stimme und stieß ein freudloses Lachen aus, „Nicht einmal eine gottverdammte Scherbe hatte er!"
Und über den Toten gebeugt, begann sie zu weinen.
Hardrich riss wutentbrannt das Schwert in die Höhe. Doch statt damit auf Gertraud einzuschlagen, schleuderte er die Klinge mit einem unterdrückten Fluch von sich. Hinein ins Dunkel des winzigen Kerkerraumes, wo sie Funken stiebend gegen die steinerne Wand prallte und laut klirrend liegen blieb. Rupert und Beat waren ängstlich zurückgewichen und drückten sich noch weiter in die Schatten, als der Markgraf jetzt zu ihnen herumfuhr.
„Sollte ich erfahren, dass einer von Euch über das redet, was er hier gesehen hat, reiße ich ihm eigenhändig die Zunge raus", fauchte er leise drohend.
„Wir haben gar nichts gesehen, Herr. Nicht wahr, Beat?", versicherte ihm der Verwalter eilig und legte die Hand auf die Schulter des Jungen. Der nickte hastig und schluckte.
Der Ritter bedachte beide mit einem finsteren, warnenden Blick und knurrte dann:
„Raus."
Rupert ließ sich das nicht zweimal sagen und schob Beat eilig vor sich her zur Treppe. Beide hasteten an Gertraud vorbei, wobei Rupert ihr noch einen eindringlichen Blick zuwarf, den sie nicht zu deuten vermochte. Und sie hatte jetzt auch keine Muße, darüber zu grübeln. Im nächsten Moment blieb sie mit ihrem Mann allein im Keller zurück und wappnete sich mit zusammengebissenen Zähnen für das, was nun unweigerlich folgen würde. Versprechen hin oder her. Hierfür würde sie bluten. Davon war sie überzeugt.
Eine Berührung an der Schulter ließ sie zusammenzucken und sie blickte sich erschrocken um. Der Mann, der dort über ihr stand, war nicht nur bedrohlich. Er war ihr fremd. Halb verhungert, abgerissen und verwildert. Selbst der Geruch, der von ihm ausging, war vollkommen unvertraut und stieg ihr scharf und beißend in die Nase. Wie der einer Raubtierhöhle. In Hardrichs Miene lag mit Mühe niedergerungener Zorn. Doch was sie auch sah, war eine so tiefe Niedergeschlagenheit, dass es ihr einen Stich versetzte.
„Steh auf, Frau", sagte er und streckte ihr seine Hand mit langen, schmutzigen Fingernägeln entgegen.
Als sie diese nach kurzem Zögern ergriff, zog er sie auf die Füße und fasste sie an beiden Schultern.
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Die Tochter des Brauers
Romantik"Ihr glaubt wirklich, Eure Küche hätte Zugang zum Baum der Erkenntnis?" "Gut pariert, Frau!", lachte er. Sie bewarf ihn mit dem Apfel, er fing ihn auf, zögerte noch einen Moment und biss hinein. Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochte...
