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 „Beat! Beat, da kommt jemand!"

Melisandes Stimme bebte, als sie ihren Neffen rief und sich dabei fieberhaft in der schwach erleuchteten Küche umsah.

Die Tür! Sie musste dringend die Tür absperren. Wo war der Riegel? Die Mägde verstauten ihn tagsüber irgendwo, aber Melisande wusste nicht, wo. Gehetzt suchte sie mit Blicken den halbdunklen Raum nach dem Querholz ab, bis von draußen dumpfe Schritte zu hören waren, die sich wie im Lauf rasch und polternd näherten. Sie stöhnte auf. Genau das hatte sie befürchtet.

Schon als der Mann dort draußen sie angesehen hatte, als wolle er sie verschlingen und seine riesige Hand nach ihr ausstreckte, war ihr klar gewesen, dass er nicht einfach am Haus vorübergehen würde. Melli stieß ein klägliches Ächzen aus und ließ die Tür notgedrungen unverschlossen. Sie lief weiter in den kleinen Speisesaal, Ännlin fest an sich gepresst. Ein Hustenanfall nahm ihr die nötige Luft, um noch einmal nach Beat zu rufen. Wahrscheinlich war der ohnehin mit Anka irgendwo draußen und hörte sie gar nicht. Und war es nicht sowieso besser, wenn der Junge sich nicht einmischte, dachte sie verzweifelt. Er war doch selbst fast noch ein Kind. Was sollte er denn ausrichten?

In diesem Moment wurde hinter ihr in der Küche die Hoftür von draußen aufgestoßen und schlug krachend an die Wand daneben. Melli zuckte zusammen und unterdrückte einen Aufschrei. Der Fremde hatte nicht einmal geklopft! Er war ihr einfach ins Haus hinein gefolgt. Niemand mit halbwegs lauteren Absichten tat so etwas, dachte sie entgeistert.

Die Furcht ließ sie schwanken, doch sie kämpfte die drohende Ohnmacht nieder. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Für Ännlin. Für ihre Tochter würde sie stark sein. Und klug. Vielleicht konnte sie etwas aushandeln, überlegte sie auf das Höchste angespannt. Reden. Geld anbieten. Zeit gewinnen. Zeit, bis Rupert aus der Stadt zurückkehrte oder die Mägde und Josef wieder hier waren, die zu einem ihrer versteckten Vorratslager unterwegs waren. Und ohne, dass sie es bewusst entschied, verlagerte sich auch ihr Griff um das Kind, so dass ihre rechte Hand das Tischmesser an ihrem Gürtel erreichen konnte.

Derweil durchquerten schwere Schritte die Küche nebenan. Melisande schlug das Herz bis zum Halse. Dennoch zwang sie sich zu einer leidlich aufrechten Haltung und wich in eine Ecke zurück, sodass der Tisch, an dem sie vorhin noch mit einer Handarbeit gesessen hatte, zwischen ihr und der Küchentür lag.

Dann schwang die Tür auch schon auf. Und aus der dunklen Küche heraus trat der Fremde ins Zimmer. Er war sogar noch größer, als er ihr draußen erschienen war, und musste sich bücken, um durch den Türrahmen zu gelangen. Das spärliche Licht, das durch die schmalen Butzenscheiben fiel, beleuchtete abgetragene, verdreckte Arbeitskleidung und ein wettergegerbtes Gesicht, halb verdeckt von struppigem, schwarzem Bart und einer klobigen Fellmütze. Und die Augen... die Augen, die sie bereits draußen mit solcher Intensität angestarrt hatten, waren auch jetzt unverwandt auf sie gerichtet.

Nach einem weiteren Schritt in den Raum blieb der Hüne stehen und sah sie stumm und wie in inständiger Erwartung an. Doch als sie weiter schwieg, da sie ihrerseits darauf wartete, dass er, der Eindringling, sich erklärte und sie ihn nur kalt und abweisend anblickte, brach schließlich er das Schweigen.

„Frau... tu mir das nicht an", murmelte er rau.

Das war nicht das, was Melisande erwartet hatte. Und zu ihrer Verwunderung lag in diesen Worten zudem nicht die Spur von Bedrohlichkeit. Im Gegenteil. Es klang am Boden zerstört. Verwirrt ließ Melli die angespannten Schultern ein kleines Stück sinken. Trotz seiner beängstigenden Erscheinung schien keine unmittelbare Gefahr von diesem Mann auszugehen. Ein Hauch von Mitgefühl regte sich in ihr und sie nahm all ihren Mut zusammen, um ihn zu fragen, was ihn denn herführte.

Die Tochter des BrauersWo Geschichten leben. Entdecke jetzt