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Der Ritter erkannte Marianne und sein Blick schnellte zum Fenster hinauf. Gertraud stand immer noch dort und hob die Hand. In diesem Augenblick trat von Trettin vor den Braumeister und das Mädchen.
Er senkte sein graues Haupt und sagte:
"Herr, hier kommt Euer Lehnsmann und bittet um die Gunst einer Unterredung."
Dies war jetzt ein offizielles Anliegen und in aller Form geäußert worden. Der alte Mann wartete noch immer auf eine Antwort, den Blick gesenkt.Hardrich stieg mit versteinertem Blick vom Pferd und schleuderte Till, der bereitstand, die Zügel zu.
Er kochte vor Wut, aber von Trettins respektvoll vorgetragene förmliche Bitte konnte er nicht übergehen.
Er trat vor ihn hin, ließ ihn noch einen Moment länger warten, als nötig gewesen wäre und sagte dann steif:
"Der Lehnsherr gewährt die Bitte. Folgt mir."
Hardrich funkelte dann Meister Kerner und Marianne zornig an und knurrte böse:
"Und ihr beide kommt auch mit!"

Anschließend schritt er rasch auf das Portal zu, so dass die drei Mühe hatten, ihm zu folgen. Gertraud hatte nicht verstehen können, was gesprochen wurde, aber sie fing einen bangen Blick von Marianne auf.
Innen riss Hardrich die schweren Türen des großen Saales auf, brüllte nach einem Stuhl für den alten Mann und durchquerte den langen Raum mit großen Schritten.
Staub tanzte in den goldenen Strahlen der Nachmittagssonne, die schräg durch die hohen Fenster schien. Ein leichter Wind blähte die blauen Vorhänge. Er warf sich auf seinen hohen Sessel. Ein Stuhl wurde gebracht. Hardrich war müde und hungrig und von Trettins Auftauchen verdross ihn. Was kümmerte den Alten das Mädchen? Denn das sie der Grund seines Erscheinens war, daran zweifelte er nicht mehr. Ohne eine Regung zu zeigen, beobachtete er den alten Herrn, der endlich herangekommen war und sich ächzend setzte.
"Ihr wartet an der Tür!", bellte Hardrich Kerner und die Magd an, die daraufhin ängstlich zurückwichen.
"Nun, Lehnsmann? Was ist Euer Anliegen?", fragte der Ritter spöttisch und von Trettin sah seine Augen kalt unter dem Helmrand leuchten.
Von Trettin hatte die ganze Nacht und noch die Fahrt über gegrübelt, wie er seine Bitte vortragen sollte. Doch nun, da sie den Ritter bereits so verärgert hatten, lagen die Dinge anders. Er musste umdenken, und zwar rasch.
Er beschloss, es mit der Wahrheit zu versuchen.
"Zuallererst will ich Gott danken, dass sich bereits der größte Teil unserer Sorgen zerstreut hat", sage er und faltete die Hände, "Denn wir hatten uns heute morgen in großer Sorge um die Tochter dieses guten Mannes hierher aufgemacht. Er ist Wirt bei mir im Ort. Ein redlicher, fleißiger Mensch, der ein vortreffliches Bier braut. Wir haben übrigens, mit Verlaub, ein paar Fässer mitgebracht. Und als wir nun heute eintrafen, fanden wir das Kind hier bei Euch und wohlbehalten vor. Gerne hätten wir sie sofort in unsere Arme geschlossen, aber euer Verwalter hieß uns warten. Und so standen wir im Hof, begrüßten sie von ferne und erwarteten Eure Ankunft."
Er seufzte und sprach mit gedämpfte Stimme weiter.
"Ihr wisst, ich bin ein alter Mann und habe, wie auch Ihr, lange Zeit eine Familie entbehren müssen. Doch diese junge Frau ist mir in vielen Jahren so sehr ans Herz gewachsen, als wäre sie mein eigen Fleisch und Blut. Ich kenne sie von Kindesbeinen an und habe sie sogar eine ganze Weile unterwiesen. Latein und Geographie, Astronomie und viele Dinge mehr. Und wie oft hat sie mir dabei meinen grauen Tag mit ihrem Lachen erhellt. Ihre Mutter verstarb früh, und sie hat für die Geschwister gesorgt all die Jahre. Es ist nicht mehr dasselbe Haus, in das man einkehrt, seit sie nicht mehr da ist. Die Familie ist wie gelähmt. Jedermann vermisst sie. Als mich ihr armer Vater gestern weinend um meine Hilfe bat, da konnte ich gar nicht anders, als ihn hierher zu begleiten. Ich habe ihm gesagt, wir werden sehen, was wir tun können. Herr von Aven, sagt mir bitte... was können wir tun?"
Schweigend hatte der Ritter ihn angehört.
Dann sagte er fast sanft, aber für alle Anwesenden hörbar:
"Ihr könnt gar nichts tun. Zumindest nichts, um sie mit Euch zu nehmen, wenn Ihr das meint. Sie bleibt hier und Schluss. Aber Ihr sollt sie sehen und mit Ihr sprechen, um Euch von ihrem Wohlergehen zu überzeugen."
Er winkte Marianne heran.
"Lauf sie holen. Sag den Wachen, dass ich dich geschickt habe", trug er ihr auf.
Marianne nickte erleichtert und rannte aus dem Saal. Als sie fort war, wandte sich Hardrich auch Gertrauds Vater zu.
"Komm näher", befahl er.
Meister Kerner trat zögernd vor ihn hin und fiel auf die Knie. Hardrich betrachtete ihn schweigend eine Weile.
"So, Ihr seid also der Braumeister, der so ein ausgezeichnetes Bier zu brauen versteht. Eure Tochter hat sich bei mir schon über das Klosterbier beschwert. Zu sauer, sagt sie", bemerkte er trocken und beobachtete amüsiert den entsetzten Ausdruck auf Kerners Gesicht.
"Oh Herr, dass hat sie sicher nicht so gemeint... ", versuchte dieser auszuweichen.
"Doch, doch. Ich denke schon, dass sie meint, was sie sagt. Und nun werde ich auch endlich selber kosten können, ob sie die Wahrheit gesprochen hat. Da kommt sie ja. Steh auf, Mann", sagte er zu Kerner.
Gertraud war mit Marianne bis vor die offene Tür gerannt, hielt dann aber inne und schöpfte noch einmal Atem, bevor sie allein weiterlief. Sie fiel ihrem Vater in die Arme. Über seine Schulter hinweg strahlte sie den Ritter an und ihre Lippen formten ein stummes Danke. Von Trettin war diese Geste nicht entgangen, und überrascht sah er den Ritter an, der den Blick nicht von der jungen Frau wenden konnte. Gertraud löste sich vom Vater und begrüßte auch von Trettin.
"Wie schön, dass Ihr beide da seid!", sagte sie, "Und Bier habt ihr auch mitgebracht?", fuhr sie mit einem Augenzwinkern fort.
"Diese geschwätzige Magd! An ihrer losen Zunge aufhängen sollte man sie", brummte der Ritter, aber Gertraud lachte nur.
Von Trettin und Kerner wechselten besorgt einen nervösen Blick.
"Ich lasse Euch eine Weile allein. Danach werden wir essen und dann werdet Ihr wieder fahren. Zu zweit. Wie Ihr gekommen seid", sagte der Ritter, drehte sich um und ging.
Einen Moment später stellten sich zwei Wachen vor die geöffnete Tür, aber außerhalb Hörweite.Gertraud setzte sich mit den beiden Männern auf eine Bank gegenüber der Fensterfront. Der Vater ergriff ihre Hand.
"Ach Kind! Geht es dir auch wirklich gut?", fragte er verlegen und sah sie verzweifelt an.
"Aber ja. Mach Dir keine Sorgen. Keiner hat mir irgend etwas zuleide getan. Es ist mir immer noch ein Rätsel, was man mit mir vorhat, aber irgendeinen Sinn wird es wohl haben, dass es mich hierher verschlagen hat. Ich habe eh keine Wahl. Wie geht es denn zu Hause?", wechselte sie das Thema.
Die Zeit verging wie im Flug und schon bald sahen sie den Ritter zurückkommen.
Gertraud flüsterte von Trettin zu:
"Sagt mir bitte noch rasch. Was bedeutet superat noch einmal?"
Verdutzt sah der alte Freund sie an.
"Superat? Bezwingt, überwindet. Aber was...", antwortete er.
"Oh, nichts! Nichts von Bedeutung", winkte sie lächelnd ab und stand auf.
Auch von Trettin und der Braumeister erhoben sich.

Die Tochter des BrauersWo Geschichten leben. Entdecke jetzt