Sie besann sich eine ganze Weile, wie um sich alles ins Gedächtnis zurückzurufen und als sie schließlich sprach, flossen die Worte danach klar und ohne Stocken. Sie begann mit dem wachsenden Gefühl der Bedrohung durch de Allinge und schilderte ausführlich alles, an das sie sich erinnerte. Während sie dabei in die kleine Kerzenflamme starrte, sah sie im Geiste alles noch einmal vor sich. Die gefüllte Kirche an Heiligtag. Das geöffnete Burgtor in der Dunkelheit. Ihre Ohnmacht im Angesicht des fremden Heeres. Der Verrat. Die Morde. Ihr sterbender Ziehvater am Boden. Und ihre Gefangennahme.
Vieles wusste der Ritter bereits von Albertinus, doch dieser hatte das wenigste selbst miterlebt. Von Aven graute nicht wenig davor, von Gertraud selber zu erfahren, was genau sie hatte durchleiden müssen. Aber er musste es hören. Von ihr. Angespannt und beklommen ließ er sie reden, ohne zu unterbrechen.
Dann, als sie vom abgetrennten Kopf Rudolf von Walows berichtete und von den Grausamkeiten gegen sie und ihr Ungeborenes, begann ihre Stimme zu brechen und sie hörte ihn in ihrem Rücken stöhnen und halb verständliche Flüche zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorstoßen. Seine Arme schlossen sich fester um sie und sein ganzer Körper verhärtete sich wie eine eiserne Faust.
Sie hielt inne und rang nach Atem. Zum einen, um ihre zitternde Stimme zur Ruhe kommen zu lassen. Und zu anderen in der Hoffnung und bangen Erwartung, dass er sein Mitgefühl äußerte, ihr Trost zusprach oder wenigstens irgendetwas sagte.
Doch er blieb stumm. Bis auf ein kaum hörbares Raunen.
„Oh, Frau. Frau..."
Sie meinte wohl, zu spüren, wie nah ihm das Gehörte ging, nichtsdestotrotz versetzte ihr sein Schweigen einen schmerzhaften Stich. Gegen ihre Enttäuschung ankämpfend sprach sich weiter. Von den finsteren Tage der Verzweiflung, de Allinges Hass und dem weißen Hexer. Und auch von Sardori Onjuk. Und wie ihr Wunsch nach Vergeltung ihr die Kraft und den Willen zum Weiterkämpfen gegeben hatte.
Schließlich kam sie zu dem Morgen, als man sie hinaufgebracht hatte in ihre Gemächer. Auch hier ließ sie nichts aus, erzählte vom Bade, der verhängnisvollen Tasse Tee und wie ihr danach die Sinne vernebelten.
„Was dann geschah, hat mir Wichard erst viel später erzählt. Das Nächste, was ich selbst weiß, ist, dass ich im Halbdunkel erwache. Im Stroh. Und zu meinem allergrößten Erstaunen – ich dachte wirklich ich müsse träumen – liegt da Wichard neben mir und..."
„Was?", unterbrach Hardrich scharf.
„Na, um warm zu bleiben, weißt Du? Wir wären sonst beide da draußen erfroren. Wir waren ja beide nass bis auf die Haut und es war eiskalt. Ich bin aufgewacht vom Schmerz in meinen Füßen. Meine Zehen taten so furchtbar weh und ich war noch immer ganz verwirrt! Wichard hat dann Feuer gemacht und mir in aller Eile berichtet, was geschehen war. Dass er den Khan getötet hat und mich irgendwie durch die überfluteten Gänge in der Mauer hinausgeführt hat. Und dass wir uns auf dem Heimweg in dem Heuschober verborgen hatten, weil wir am Ende unserer Kräfte waren. Ich hatte an all das überhaupt keine Erinnerung. Und es quälte mich, nicht zu wissen, was er getan hatte. Der Khan, meine ich. Ob er..."
Noch einmal holte sie tief Luft und fühlte, wie sich auch Hardrich anspannte und seine Hand unwillkürlich ihre Schulter drückte.
„Ob er sich vergangen hatte an mir", sprach sie endlich weiter, „Doch Wichard sagte, er wäre ins Zimmer gekommen, als der Unmensch sich gerade über mich beugte. Da sei er noch vollständig bekleidet gewesen. Und Schlimmeres, als dass er mich im Unterkleid dort hat sitzen sehen, wäre nicht geschehen. Aber ich sollte abends erfahren, dass das eine Lüge war. Gut gutgemeint wohl. Aber eine Lüge."
Vom ersten Treffen mit Melisande und den halb erfrorenen Zehen, erzählte sie weiter. Und wie sie abends beim Entkleiden zu ihrem allergrößten Entsetzen die Anzeichen der Gewalttat an sich entdeckt hatte.
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Die Tochter des Brauers
Romance"Ihr glaubt wirklich, Eure Küche hätte Zugang zum Baum der Erkenntnis?" "Gut pariert, Frau!", lachte er. Sie bewarf ihn mit dem Apfel, er fing ihn auf, zögerte noch einen Moment und biss hinein. Ein mittelalterlicher Roman. Um? Nun ja. Die Tochte...
