Lily und Sam nickten sich unauffällig zu, als sich ihre Blicke kurz trafen, während sie sich am frühen Nachmittag am Santa Monica Pier aufhielten. Sam saß auf einer der Bänke mit einer Zeitschrift in der Hand, während Lily mit einem kleinen Becher Eis in der Hand am Geländer entlang schlenderte, aufs Meer sah und sich immer wieder unauffällig umsah. Ihre Kollegen vom FBI trudelten nach und nach und ebenfalls in zivil ein und verhielten sich ebenso unauffällig.
Glücklicherweise war der Santa Monica Pier aufgrund des Wetters nicht gut besucht. Es regnete zwar nicht, was den Einsatz erschwert hätte, aber am Himmel hingen dicke, graue Wolken, was für LA ungewöhnlich war. Trotzdem hätte es an diesem Tag nicht besser sein können.
Lily schob sich einen Löffel Eis in den Mund, als ihr Blick auf Liam fiel, der ihr mit einer kleinen Reisetasche in der Hand und mit gesenktem Kopf entgegen kam. Eins musste sie ihm lassen, an ihm war ein toller Schauspieler verloren gegangen. Sie sah ihm nach, als er zu einer Bank ging, die in der Nähe von Sams war, und sich setzte. Die Reisetasche schob er sich zwischen die Füße.
Sam sah zu Liam und hob kurz fragend die Augenbrauen, was er erwiderte, indem er ebenso kurz und unauffällig den Daumen hob.
Mittlerweile waren noch mehr Personen aufgetaucht, die Touristen oder aber verdeckte Polizisten sein konnten. Sam und Lily kannten die Kollegen vom LAPD noch nicht, daher mussten sie sich darauf verlassen, dass die Personen tatsächlich Polizisten waren und keine Touristen. Als eine der Frauen ihr im Vorbeigehen kurz zunickte, atmete sie erleichtert auf.
„Die Zielpersonen nähern sich dem Pier."
Über den Knopf in ihrem Ohr hörte Lily Sam, die leise sprach. Diesen Knopf im Ohr trugen sie alle, damit sie unauffällig miteinander kommunizieren konnten.
„Alle bereithalten," hörte sie nun eine Männerstimme sagen, die sie nicht kannte.
Sie nahm noch einen Löffel von ihrem Eis, ehe sie zu einem Mülleimer schlenderte und den Becher reinwarf. Als sie sich umsah, war nichts davon zu sehen, dass alle ihre Kollegen nun in Alarmbereitschaft waren. Ein Außenstehender hätte nichts Ungewöhnliches bemerkt und sie hoffte, dass es bei Michelle und ihren Komplizen nicht anders war.
Sam legte die Zeitschrift weg, stand auf und streckte sich kurz, bevor sie zum Geländer ging und sich die Beine vertrat, wobei sie die kleine Gruppe, die sich nun Liam näherte, aus den Augenwinkeln her beobachtete. Michelle schritt ihnen voran, aufgestylt wie immer mit hoch erhobenen Kopf und einem siegessicheren Lächeln auf den Lippen. Ihr folgten vier Kerle, denen Sam am liebsten nie im Dunkeln begegnen wollte. Es war nicht so, dass sie besonders muskulös oder groß waren. Sie sahen aus wie ganz normale Kerle, die vielleicht ab und zu mal ein Fitnessstudio von innen sahen. Sie würden leicht zu überwältigen sein. Was sie gefährlich aussehen ließ, war ihr ganzes Auftreten und ihr Gesichtsausdruck, der schon von weitem verriet, dass mit ihnen nicht zu spaßen war. Sie hatten stechende Blicke, mit denen sie ihre Umgebung aufmerksam beobachteten und Sam hoffte, dass sie nicht bemerkten, dass sie von Polizisten und FBI-Agents umringt waren. Ihr Blick blieb plötzlich an den Waffen hängen, die die Kerle im Hosenbund stecken hatten. Sie hatten sich noch nicht mal annähernd die Mühe gemacht, sie zu verstecken.
Sam drehte ihnen den Rücken zu und sah aufs Meer hinaus, während sie auf den Knopf auf ihrem Ohr drückte und leise sagte: „Die Kerle sind bewaffnet bis unter die Zähne. Seid vorsichtig."
Lily lehnte sich ans Geländer und schloss die Augen, ehe sie durch die halb geschlossenen Augenlider zu Liam blinzelte, der inzwischen aufgestanden war und die Reisetasche wieder in der Hand hielt.
„So sieht man sich wieder," begrüßte Michelle ihn grinsend.
Liam schnaubte verächtlich.
„Das ist ein ganz mieses Spiel, das du da treibst, weißt du das?" fragte er.
Michelle zuckte mit den Schultern.
„Irgendwie muss ich ja zu Geld kommen. So ein Lebensstil, wie ich ihn führe, bezahlt sich nicht von selbst. Ach, und ich habe auch ein Kind, das gefüttert werden will."
Sie machte eine wegwerfende Geste und Lily merkte, wie Wut in ihr hochstieg, die sie jedoch mit aller Gewalt unterdrückte. Die gehörte nicht hierher und sie konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen.
Michelle wollte nach der Reisetasche greifen, aber Liam zog sie weg. Sam sah, wie die Kerle beinahe gleichzeitig ihre Hände auf die Griffe ihrer Waffen legten.
„Spiel nicht den Helden, Liam," murmelte sie und sah sich um.
Sie sah Chris, der nicht weit von ihr gegen dem Geländer lehnte und eine Hand unter seiner Jacke hatte.
„Woher weiß ich, dass das die einzigen Fotos sind und dass du die Negative vernichtet hast?" wollte er wissen.
Michelle lachte tatsächlich.
„Ich finde das nicht witzig. Wer sagt mir, dass meine Freundin diese Fotos nicht irgendwann aus dem Briefkasten holt?" fragte Liam weiter.
„Schätzchen, da musst du mir schon vertrauen."
„Ttz.. dir vertrauen? Du hast mich reingelegt und ich soll dir vertrauen? Ich glaube, es ist verständlich, dass mir das ein wenig schwerfällt," erwiderte Liam.
„Genug Geplauder. Rück das Geld raus," forderte ihn einer der Kerle auf, der einen Umschlag in der Hand hielt.
Michelle nahm den Umschlag an sich und hielt ihn Liam hin.
„Die restlichen Fotos und die Negative," teilte sie ihm mit.
Als Liam nach dem Umschlag griff, hielt er ihr gleichzeitig die Reisetasche hin, die einer der Kerle an sich nahm.
„Warte noch einen Moment, bis wir sichergestellt haben, dass das Geld auch komplett da ist," meinte sie gespielt liebenswürdig.
„Wobei du 50000 Dollar sicher aus der Portokasse bezahlst."
Sam beobachtete, wie der Kerl, der die Reisetasche an sich genommen hatte, sie auf der Bank abstellte. Die anderen drei behielten Liam und Michelle im Auge, immer noch die Hände an den Waffen. Sie ließ ihren Blick über den Pier gleiten und sah, dass ihre Kollegen inzwischen alle näher gekommen waren. Anschließend sah sie wieder zu dem Kerl, der damit beschäftigt war, am Reißverschluss der Reisetasche herumzufriemeln. Ihr war klar, dass sie nun zuschlagen mussten, ehe er sah, dass sich in der Tasche nur Papierfetzen befanden und misstrauisch wurde.
Sie drückte auf den Knopf in ihrem Ohr.
„Zugriff," befahl sie und zog gleichzeitig ihre Waffe aus dem Holster.
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Undercover
FanfictionSam Walker und Lily Morgan sind zwei FBI-Agentinnen aus New York, die ihren Kollegen aus LA bei einem Gang-Problem unter die Arme greifen sollen. In LA wird ihnen schnell klar, dass sie nicht nach Anhaltspunkten für die Schuld der Southside Serpent...
