Teil 130

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Er saß auch noch dort, als Sam etwa anderthalb Stunden später langsam aufwachte und sich streckte, bevor sie sich aufsetzte. Ihr Blick fiel auf ihn und Chris erwiderte ihn schweigend, bis Sam wegsah und aufstand, um ins Bad zu gehen.
„Weißt du, ich kann dich verstehen. Ich kann verstehen, dass es für dich ein Schock war, dass plötzlich eine Frau mit einem Baby vor der Tür stand und behauptet hat, dass es mein Sohn sei. Allerdings war es nicht nur für dich ein Schock, sondern für mich auch," fing Chris an, als sie wieder aus dem Bad kam.
„Und ich würde mir wünschen, dass du hinter mir ständest anstatt mich mit Nichtachtung zu strafen. Egal, was es für ein Schock für dich war.. Die ganze Sache hat mit uns beiden nichts zu tun. Es war lange vor dir und ich habe dich weder betrogen noch belogen. Der Grund, weshalb ich dir nichts davon erzählt habe, dass ich damals scheinbar One-Night-Stands nicht abgeneigt war, ist ganz einfach der, dass ich mich an das Meiste gar nicht mehr erinnere. Selbst wenn ich es doch täte, ich war damals Single. Ich habe nichts Verbotenes getan, auch wenn es für dich vielleicht unverständlich ist. Manche Menschen haben nunmal Sex ohne Gefühle, weil sie ganz einfach Bock darauf haben. Dafür werde ich mich nicht entschuldigen. Hätte ich es in meinem betrunkenen Zustand lieber lassen sollen? Ganz sicher, aber es ist nunmal passiert und ich lasse mir deswegen kein schlechtes Gewissen einreden. Ich wünsche mir einfach nur, dass meine Freundin, die sich hier als Moralapostel aufspielt, hinter mir steht und mich in der Sache unterstützt. Im Moment fühlt es sich nämlich danach an als wenn ich komplett alleine dastehe und das ist verdammt enttäuschend."
Er stand auf und sah zu Sam, die sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank nahm. Sie schloss schweigend die Tür und öffnete die Flasche, von der sie einen Schluck nahm, ohne irgendeine Reaktion auf sein Gesagtes zu zeigen. Chris sah noch eine Weile zu ihr.
„Ich muss in die Bar," murmelte er getroffen, griff nach seiner Lederjacke und verließ den Trailer.

„Mit dir ist ja heute gar nichts los. Willst du nicht lieber einen freien Tag einlegen?" fragte Snake ein paar Stunden später, nachdem er mit angesehen hatte, wie Chris auf seinem Schreibtisch die Papiere nur von einer Stelle zur anderen schob und mehr grüblerisch vor sich hinstarrte als alles andere.
„Nein, ich muss die Buchhaltung fertigkriegen," antwortete Chris und griff nach einem Stapel Belege.
„Außerdem brauche ich die Ablenkung."
„Immer noch Zoff oder wieder?" fragte Snake wissend.
„Wieder," erwiderte Chris.
„So habe ich mir das wirklich nicht vorgestellt."
„Das legt sich wieder. Ich glaube, es ist Vollmond. Da drehen die Frauen immer ein bißchen ab," grinste Snake, stellte ihm ein Glas Whiskey hin und verließ das Büro wieder.
„Wenn es nur der Vollmond wäre," murmelte Chris vor sich hin und fuhr sich erschöpft mit einer Hand über das Gesicht.
Sein Blick fiel in die Bar, wo Sam plötzlich aufgetaucht war und am Tresen stand. Er stand auf und wollte zu ihr gehen, blieb jedoch stehen, als sie ihm einen kurzen, kalten Blick zuwarf und nach der Flasche Jack Daniels und den Gläsern griff, die Snake ihr hingestellt hatte. Anschließend ging sie zu einem der Tische, wo ein paar der anderen Serpents, darunter Cobra und Mustang, saßen und setzte sich.
Chris ging zurück zu seinem Schreibtisch und setzte sich ebenfalls wieder. Sein Blick fiel auf seinen Unterarm mit dem Tattoo, das er sich hatte stechen lassen, um zu zeigen, dass er und Sam zusammengehörten. Er schnaubte kurz, als ihm klar wurde, dass es wohl viel zu voreilig gewesen war.

„Du sag mal, wie kommen die Serpents eigentlich an ihre Spitznamen?" fragte Lily FP, als sie etwas später um ein kleines Lagerfeuer saßen, über dem ein paar Würstchen auf einem Gitter brutzelten.
Am Horizont zeigte sich ein atemberaubender Sonnenuntergang, der alles in ein goldenes Licht tauchte. Lily konnte sich daran nicht sattsehen.
„Die bekommen sie von den anderen Serpents," antwortete FP.
„Hhm.. schade, ich habe gedacht, die könnte man sich selbst aussuchen," meinte Lily.
„Das ist nicht der Sinn von Spitznamen. Die bekommt man normalerweise immer von anderen," grinste FP leicht und warf noch ein paar kleinere Stöcke ins Feuer.
„Wobei du eigentlich keinen hast," stellte Lily fest.
„Es ist nur die Abkürzung deiner Vornamen."
„Klar habe ich einen. Serpent King," warf FP ein und sah sie schmunzelnd an.
„Was dich automatisch zur Serpent Queen macht. Ich glaube, was Spitznamen angeht, könntest du es wesentlich schlechter treffen."
„Das stimmt allerdings," gab Lily zu und sah ihn lächelnd an.
„Es gefällt mir übrigens, deine Serpent Queen zu sein."
„Das will ich doch hoffen," grinste FP leicht und küsste sie kurz.
„Übrigens liebe ich es, dass du Mitglied der Serpents bist und dass du das hier mitmachst. Gladys konnte nie was mit der Gang anfangen und zum Zelten habe ich sie auch nie überreden können."
„Tja, was soll ich dazu sagen? Ich bin nunmal nicht Gladys. Zum Glück," antwortete Lily und wendete die Würstchen.
FP rückte zu ihr und hauchte ihr einen Kuss in den Nacken.
„Allerdings. Zum Glück," raunte er ihr ins Ohr, was bei Lily gleich wieder eine Gänsehaut allererster Güte auslöste.

Es dämmerte bereits leicht als Chris früh morgens zum Trailer ging. Er fühlte sich unglaublich erschöpft, sowohl körperlich als auch mental, und wollte einfach nur noch schlafen. Sam, die schweigend neben ihm herging, war die ganze Zeit in der Bar gewesen und hatte mit den Serpents rumgehangen, hatte sich mit ihnen unterhalten, mit ihnen gelacht und mit ihnen getrunken. Natürlich ganz besonders mit Cobra, was Chris selbstverständlich aufgefallen war. Er hatte sich jedoch nichts anmerken lassen, da er wusste, dass Sam ihn mit ihrem Verhalten nur provozieren und auch bestrafen wollte.
Mit Beinen, die sich zentnerschwer anfühlten, stieg er die Treppe zum Trailer hoch und wollte die Tür aufschließen, als er innehielt hielt. Zwischen Tür und Türrahmen steckte ein zusammengefalteter Zettel. Einen Moment lang kamen unangenehme Erinnerungen an Scott in ihm hoch, aber er verdrängte sie, denn von diesem Kerl konnte die Nachricht unmöglich sein.
Er nahm den Zettel an sich und faltete ihn auseinander, bevor er anfing zu lesen.

„Hey Chris,
Ben ist nicht dein Sohn. Es tut mir leid, dass ich dich angelogen habe. Ich teile es dir lieber so mit als dass es bei diesem Vaterschaftstest herauskommt. Das würde ich Ben lieber ersparen.
Bens Vater ist ein ätzender Nichtsnutz, der sich sofort aus dem Staub gemacht hat, nachdem er von der Schwangerschaft erfahren hat. Da bist du mir eingefallen und ich habe gedacht, ich könnte Ben als deinen Sohn ausgeben, um an Geld zu kommen. Sorry.

Michelle"

Chris las die kurze Nachricht ohne irgendwelche Emotionen. Zum einen, weil er es sowieso geahnt hatte, dass Ben nicht sein Sohn und Michelle nur auf sein Geld ausgewesen war, und zum anderen, weil es ihm wirklich gleichgültig war. Die Enttäuschung über Sams Verhalten hatte ihn regelrecht betäubt.
Er drehte sich zu ihr um und reichte ihr den Zettel.
„Hier, für dich."
Anschließend schloss er die Tür zum Trailer auf und betrat ihn. Auf dem Weg zum Schlafzimmer warf er den Schlüssel im Vorbeigehen auf den Couchtisch. Erschöpft zog er sich bis auf die Shorts aus und legte sich ins Bett, wo er, kaum dass sein Kopf das Kopfkissen berührt hatte, einschlief.

Sam nahm den Zettel an sich.

„Für mich?"

Irritiert sah Sam Chris nach. Sie sah auf den Zettel und las die Nachricht, während sie den Trailer betrat.
„Aber die ist....", Sam sah ins Schlafzimmer zum Bett, in dem Chris schon schlief, "..für dich."

Sie sah eine Weile zu ihm, ehe sie sich auch umzog, sich zu Chris ins Bett legte und irgendwann einschlief, wenn man es überhaupt schlafen nennen konnte. 

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