Lloyd

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Immer nur nachts rief sie nach mir. Auch nicht jede Nacht. Heute Nacht schon.

Lloyd, rief sie. Lloyd.

Verzweifelt sah ich mich um, wo war sie?

Lloyd lauf!! Schau nicht zurück!

Doch ich dachte gar nicht daran zu laufen, ich wollte, ich musste sie finden, sie brauchte doch meine Hilfe!

Auf meinen kurzen Kinderbeinen rannte ich durch dunkle lange Flure, vorbei an riesigen Türen und Bildern mit schauerhaften Fratzen, deren Augen meinem Weg folgten. Sie waren überall und warteten nur darauf mich zu fassen. Aber nicht heute, erst musste ich sie finden.

Ahhhhhhhhhhhhhh!

Ein Schrei, begonnen hoch, schrill, endete erstickt und abrupt.

Ich stolperte zu der Tür hinter der ich den Ursprung des Schreis vermutete und versuchte die Tür zu öffnen, doch die Klinke war einfach viel zu weit oben. Immer wieder sprang ich hoch, doch es brachte nichts. Hastig sah ich mich nach Dingen um, auf die ich mich stellen könnte, doch es gab nichts, das mir geholfen hätte.

Verzweifelt hämmerte ich mit meinen kleinen Fäusten gegen das kalte, dunkle Holz des einzigen Hindernisses, das mich von meinem Ziel trennte. Von IHR.

Und alles was ich wollte war ihr lächeln zu sehen, sie war immer fröhlich!

Heiße Tränen flossen über meinen runden Bäckchen und tropften auf den staubigen Boden, wo sie kleine dunkle Punkte bildeten.

Da öffnete sich plötzlich lautlos die Tür und vor mir stand ER.

Ihn mochte ich nicht, er war immer gemein und böse zu IHR.

„Na mein kleiner...", sagte er und sah auf mich herab. Seine schwarzen Augen schienen mich aufzusaugen. Ich machte ein Schritt rückwärts.

„Wo willst du denn hin?"

Stumm deutete ich auf den Raum hinter ihm, er wusste doch genau, dass ich zu IHR wollte.

„Ahh, dann geh mal, Kleiner", er strubbelte mir durch die Haare, was ich gar nicht mochte, und trat einen Schritt zur Seite.

Auf unsicheren Beinen betrat ich endlich den Raum. Weit wie eine Halle und dunkel war er. Bis auf einen einzigen Lichtstrahl, in dem der Staub tanzte. Und direkt in diesem hellen Fleck lag sie. Ihr zuvor weißes Kleid war leuchtend rot und ihr Kopf war zur Seite gefallen. Eine einzelne braune Strähne fiel über ihren starren grünen Blick.

„Mama..."



Keuchend erwachte ich. Mein Herz hämmerte schnell, zu schnell. Schweiß rann kalt meinen Rücken herunter und ließ den Stoff an meiner Haut kleben.

Nach Sekunden, in denen ich einfach nur Luft in meine Lungen pumpte realisierte ich, was ich geträumt hatte.

Nein, nicht geträumt. Das waren Erinnerungen.

Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen.

Da regte sich plötzlich etwas oder besser: jemand.

Daith setzte sich verschlafen auf und rieb sich die Augen.

„Daith?", flüsterte ich.

„Wie spät ist es?", fragte er zurück. Doch statt einer Antwort schmiss ich mich in seine Arme, so gut es aus dem Sitzen eben ging und musste plötzlich mit den Tränen kämpfen. Ich hatte so viele Fehler begangen! Nur meinetwegen starben Menschen, das sollte nie wieder vorkommen. Das hatte ich mir damals geschworen, doch nun war es wieder passiert. Und ich konnte nichts tun als vor den rauchenden Trümmern zu stehen und mein „Werk" zu betrachten.

„Lloyd", sagte Daith leise und strich mir über den Rücken. „Hey, was ist denn los?"

„Wie geht's Zane?"

Daith blickte zur Seite. „Den Umständen entsprechend", sagte er schließlich, doch ich konnte die Lüge aus seiner Stimme hören. Ich verstand ihn, er wollte mich schützen. Er wollte mich nur vor der Wahrheit bewahren, der Wahrheit, dass ich einen weiteren Menschen auf dem Gewissen hatte.

„Es ist meine Schuld", brach es aus mir heraus.

Dieses mal traf Daiths Blick den meinen und seiner war hart wie Stahl.

„Nein Lloyd! Das darfst du nicht denken, es ist nicht deine Schuld!"

„Aber wenn ich dir nicht verboten hätte mitzukommen, wenn ich Nya nicht den Schlangen überlassen hätte, dann hätten wir meinen Vater jetzt schon besiegen können und Zane wäre jetzt nicht..."

„Lloyd", Daith schob mich so weit von sich, dass er mir in die Augen sehen konnte. „Ich gebe zu, dass du manches anders hättest lösen können, aber wenn du Nya nicht an die Schlangen gegeben hättest, dann wüssten wir nichts von den Pfeilern und wenn Jay und ich nicht hier geblieben wären, dann hätten wir euch nicht da rausholen können. Ihr wärt, wir wären alle gestorben und keine Sorge, Pya bekommt Zane schon wieder hin. Jay und ich helfen ihr dabei, es wird wieder alles."

Wieder sank ich in die Arme meines Freundes, jedoch mit etwas leichterem Herzen, bis mir mein Traum wieder in den Sinn kam.

„Ich will das nicht mehr Daith", flüsterte ich.

„Was denn, Lloyd?"

„Ich will nicht mehr, dass Menschen meinetwegen sterben."

„Das war doch nicht deine Schuld, dass Zane...", begann Daith.

„Doch war es, meine Fehlentscheidungen haben dazu geführt, dass einer nach dem anderen stirbt."

Ich löste mich aus Daiths Umarmung und faltete meine Hände in meinem Schoß.

„Das habe ich vor 12 Jahren schon einmal erlebt und mir daraufhin geschworen, dass das nie wieder passieren darf. Nie wieder!"

Ich schloss meine Augen und zwang meine Erinnerung nach hinten in mein Bewusstsein.

„Lloyd", als ich meine Augen wieder öffnete sah und spürte ich Daiths Hand auf meiner. „Ich weiß nicht was die passiert ist, aber ich kann dir sagen, dass du an niemandes Tod schuld bist. Und wir müssen uns jetzt alle zusammenreißen, um zu verhindern, dass wir doch noch zu Schuldigen werden."

Daith hatte recht, es half niemandem, wenn ich mich hier hängen ließ.

„Du hast recht", sagte ich und straffte meine Schultern. „Wir müssen etwas tun."

„Super, dann wiederhole ich meine Frage von eben, wie spät ist es?"

Mein Blick fiel auf die kleine Digitaluhr auf meinem Nachttisch.

„04:54 Uhr."

„Dann würde ich vorschlagen, dass wir die anderen wecken und frühstücken", sagte Daith und schwang sich aus dem Bett, natürlich nicht, ohne mir vorher einen Kuss auf die Wange gegeben zu haben.

„Ist das denn nicht noch etwas früh?", fragte ich.

„Nein, jay und ich müssen heute Pya helfen und bevor wir das tun wollte ich unbedingt allen meine Theorie vorstellen."

Daith zog sich eine Hose an. Ich stand ebenfalls auf.

„Welche Theorie denn?", fragte ich.

„Meine Theorie wie wir die Pfeiler vor dem Lord finden können."

Damit verschwand Daith auf dem Gang. Schnell zog ich mich zu Ende an und folgte ihm, das wollte ich auf keinen Fall verpassen.

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