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"Komm schon!", bettelte ich. "Nur ein paar Kilometer!" "Nie im Leben.", erwiderte Kendra knallhart. "Niemand außer mir darf meinen Schatz fahren!" "Na gut.", sagte ich, halb gespielt schmollend. Der Impala war ein wundervolles Auto und erinnerte mich schmerzhaft an meinen Z/28, der immer noch in Veracruz stand. Wir fuhren seit knapp einer halben Stunde, inzwischen waren die ersten Sonnenstrahlen am Horizont zu erkennen. Mit Kendras Erlaubnis hatte ich mir eine Kippe angezündet und schnippte die Asche aus dem Fenster. "Wieso ausgerechnet ein Impala?", fragte ich. "Naja, vor ein paar Jahren habe ich einen 'Supernatural' Marathon gemacht. Und der Impala hat es mir einfach angetan." Kendra schmunzelte. "Und Jensen Ackles vielleicht auch." Ich lachte auf und warf den Zigarettenstummel aus dem Fenster. "Du fährst also nach L.A. Wie kommt es, dass Du alleine unterwegs bist?", wechselte ich das Thema. "Komplizierte Familienverhältnisse.", sagte sie knapp. "Lange Geschichte, deswegen die Reise. Ich will auf andere Gedanken kommen." Das Thema schien ihr sehr unangenehm zu sein, ihr ganzer Körper war angespannt, also hakte ich nicht nach. "Und hast Du keine Angst, so alleine zu reisen?", fragte ich stattdessen. Kendra grinste. Es war gespielt, aber sie wirkte dankbar für den Themenwechsel. "Guck mal ins Handschuhfach." Ich sah sie ein paar Sekunden lang an, dann streckte ich die Hand aus und öffnete das Handschuhfach. Ungläubig sah ich die junge Frau an. "Eine Glock 17?", fragte ich und zog die Augenbraue hoch. "Was dagegen? Ist 'ne tolle Waffe." "Ach, nichts. Mir war die immer zu leicht. Etwas mehr als 600 Gramm, zum Teil aus Kunststoff. Kam mir immer wie ein Spielzeug vor." "Dafür ist sie präzise und zuverlässig.", konterte Kendra. "Ist ja gut.", lachte ich. Ich wollte noch etwas sagen, als ein Brüllen erklangt. Alarmiert sah ich mich um, konnte aber nichts entdecken. Kendra riss das Lenkrad nach rechts, gerade noch rechtzeitig um der Kreatur auszuweichen, die direkt auf der Straße landete. Ein widerliches Kreischen ertönte, als etwas über den Lack kratzte. Mit quietschenden Reifen brachte Kendra den Wagen zum stehen und starrte durch die Rückscheibe. "Ein Drache?", fragte sie ungläubig. "Wie ist das möglich?" "Zwei Beine und zwei Flügel.", sagte ich, während ich aus dem Wagen sprang. "Um genau zu sein ist das eine Wyvern." Allerdings ähnelte diese hier keiner Art von der ich je gelesen hatte. Sie war mindestens zwölf Meter lang, wobei der Schweif fast die Hälfte davon ausmachte. Sie stützte sich auf ihre Flügel, aber laut den Büchern und Emilia waren Wyvern am Boden fast genauso behände wie in der Luft, wenn auch harmloser als ihre vierbeinigen Verwandten. Aber seit Jahrhunderten hatte niemand mehr einen richtigen Drachen gesehen, man ging davon aus, dass die Drachentöter von SOL sie ausgerottet hatten. Die Wyvern hatte einen schlanken Körper, einen schlangenähnlichen Kopf und graue, glatte Schuppten. Rauch drang aus ihrem Maul und ein leicht gebogener Stachel saß am Ende ihres Schweifes, wie bei einem Skorpion. Ich hob meine Hand und die Rune glühte kurz auf, ansonsten geschah aber nichts. Es gelang mir nicht den Speer zu beschwören und auch meine anderen Kräfte schien ich nicht benutzen zu können. Ein verstörendes Gefühl, bislang hatte ich mich in jedem Kampf darauf verlassen können. Ich griff in meine Jacke, als mir siedend heiß einfiel, dass meine Pistole noch im Rucksack steckte. Panik machte sich in mir breit, lähmte mich fast. Die Wyvern riss das Maul auf und brüllte herausfordernd. In diesem Moment peitschte ein Schuss durch die Luft und traf die Kreatur am Hals, allerdings ohne Schaden anzurichten. "Niemand zerkratzt meinen Wagen!", knurrte Kendra während sie an mir vorbei lief, die Glock 17 in Händen. "Nicht meine Schwester, nicht mein Ex und schon gar keine Riesenechse aus Märchen!" Weitere Kugeln trafen Brust und Kopf der Kreatur, was diese aber nur wütend machte. Die Wyvern brüllte, sprang auf Kendra zu und stach nach ihr. Die junge Frau stolperte beiseite, dennoch streifte der Stachel ihre Schulter. Die Wyvern schleuderte sie beiseite und bog den Kopf nach hinten. Ich sah die Flammen in ihrem Rachen auflodern und überlegte fieberhaft. Wut machte sich in mir breit, gemischt mit Hilflosigkeit. Wieder war ich nicht in der Lage jemanden zu beschützen, nur weil ich keine Kontrolle über meine Fähigkeiten hatte. Ich wollte das Gefühl unterdrücken, mir einen Plan zurechtlegen. Aber es gelang mir nicht, meine Gefühle beherrschten mein Denken, mein Handeln. Und dann zerbrach etwas in mir.

Rogue HeroWo Geschichten leben. Entdecke jetzt