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"Kiara!", rief ich. "Kannst du mir etwas Zeit verschaffen?" Die Magierin straffte die Schultern. "Ich kann es versuchen.", antwortete sie knapp und schleuderte zwei Eisdolche nach Leviathan. Ich schloss die Augen, festigte den Griff um meinen Speer und versuchte mich zu konzentrieren. Mein Daumen streichelte leicht über die Runen am Schaft, während ich in meinem Geist nach der Kraft von Ziz suchte, die ich in mir aufgenommen hatte. Sie zu finden war kein Problem, doch es schien, als sei sie von einer mentalen Barriere umgeben. "Als du Kusanagi vernichtet hast, habe ich seine Macht versiegelt, damit du nicht unbewusst darauf zugreifst. Du musst versuchen sie zu durchbrechen.", sagte Aurus.  Ich konzentrierte mich auf die Barriere, suchte eine Schwachstelle und fand schließlich einen winzigen Riss, auf den ich mich mit aller Macht konzentrierte. Plötzlich erklang ein spitzer Schrei. Kiara. Ich verdoppelte meine Anstrengungen und endlich vergrößerte sich der Riss und die Barriere brach. Ein Schwall frischer Energie schoss durch meinen Körper, fegte Schmerzen und Müdigkeit hinfort. Mit neuer Entschlossenheit öffnete ich die Augen. Kiara lag am Boden, eine der Schlangen rammte ihren Leib wieder und wieder gegen einen Wall aus Eis, den die Magierin vor sich erschaffen hatte. Eine schnelle Bewegung meines Speers reichte aus und eine Klinge aus komprimierter Luft zerfetzte den Kopf der Schlange. Sofort setzte sie sich wieder zusammen, aber es gab mir genügend Zeit um zu Kiara zu hasten und sie auf die Beine zu ziehen. "Danke.", sagte sie. "Hast du einen Plan?" Leviathan setzte zu einem erneuten Angriff an, aber ein Windstoß aus meiner Speerspitze zwang sie zum Ausweichen. "Ja.", erwiderte ich. "Du schützt mich vor ihren Wasser-Attacken und ich versuche nah genug heranzukommen um sie zu verletzen. Das nutzen wir, um der Reichweite ihrer Magie zu entkommen und reisen durch die Schatten. Bereit?" "Bereit.", erwiderte sie entschlossen. Ich breitete meine Flügel aus und schwang mich in die Lüfte. Die Dämonin ließ die Schlangen auf mich zuschnellen, aber Kiara fror einen Teil ihrer Körper ein, sodass sie nicht an mich ran kamen. "Glaubst du, dass du da oben sicher bist, Halbblut?", rief Leviathan. Sie ließ ihr Schwert kreisen und im nächsten Moment wurde sie von einer Fontäne in die Höhe katapultiert und stach nach mir. Mit einem kräftigen Flügelschlag wich ich aus und schmetterte Leviathan mit einer mächtigen Böe zu Boden. Sie sprang auf, als sei sie gerade mal gestrauchelt und straffte die Schultern. Ein teuflisches Grinsen zuckte über ihr Gesicht, als sie auf Kiara zurannte.  Gleichzeitig brach der Boden auf, ein Dutzend Skorpionkrieger kroch an die Oberfläche und stürzten sich auf Emilia und Eric. Ich legte meine Flügel an und stürzte wie ein Stein zu Boden. Der Aufprall war hart, aber das war gerade nebensächlich. "Was hast du vor, Kleiner?", fragte Aurus. Ich antwortete nicht, sondern wirbelte hochkonzentriert meinen Speer um mich herum, wob den komplexen Zauber und ließ die uralte Magie durch meinen Körper in die Waffe strömen. Viel Zeit blieb mir nicht, bevor Leviathan und die Skorpionkrieger ihr jeweiliges Ziel erreicht hatten, höchstens einige Sekunden. Mit einer blitzschnellen Bewegung feuerte ich unzählige winzige Luftklingen auf Leviathan ab und rammte mit dem selben Schwung meinen Speer in den Boden. Zwölf gewaltige Feuersäule schossen gen Himmel und verschlangen die Skorpionkrieger. Ich vergewisserte mich, dass Emilia und Eric wohlauf waren, bevor ich herumwirbelte und nach Kiara sah, die am Boden lag und einen Schutzwall aus Eisstacheln erschaffen hatte. Die Luftklingen hatten Leviathan viele Meter nach hinten geschleudert, bis an den Rand des Hafenbeckens. Leicht schwankend erhob sie sich und zu meiner Befriedigung blutete sie aus einem halben Dutzend tiefer Wunden. "War das alles?", fragte sie lachend, aber es lag eine Spur Verunsicherung darin, als könne sie mich nicht ganz einschätzen. Im nächsten Moment war die Verunsicherung wieder verschwunden. Sie ballte ihre linke Hand zur Faust und der Ozean begann zu brodeln. "Du wirst mich niemals besiegen, Nathaniel Black. Ich bin unsterblich, nichts und niemand kann mich aufhalten, bald schon werde ich mein Ziel erreicht haben!" Langsam ging ich auf Levaithan zu, konzentrierte mich und bündelte meine Magie. "Ach ja.", sagte ich spöttisch. "Dein Ziel. Die Apokalypse, ein neuer Krieg zwischen Himmel und Hölle. Zufälligerweise weiß ich, dass du mich dazu brauchst und ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem ich dir helfen würde." Leviathan legte den Kopf schief, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. "Halbblut, du hast zu viele Bücher gelesen. Denkst du, ich würde dir meinen Plan verraten? Denkst du ich bräuchte dich unbedingt lebend?" Ohne Vorwarnung riss sie den Arm hoch und eine gewaltige Schlange aus Wasser schoss aus dem Meer und stürzte sich auf mich. Plötzlich stand Kiara mit erhobenen Armen neben mir und begann die Schlange einzufrieren. Ich sprang beiseite, schwang meinen Speer und konzentrierte die gebündelte Magie in eine Kugel aus komprimierter Luft, die die beschworene Kreatur in einen Haufen crushed ice verwandelte und über den Hafen verteilte. Grinsend wandte ich mich Leviathan zu. "War das schon alles? Von einem General der Hölle hätte ich deutlich mehr erwartet." Aber die Dämonin lächelte nur kalt und machte eine kleine Handbewegung. Kiara, die immer noch neben mir stand, keuchte entsetzt. Ein winziger Blutstropfen lief ihre Wange herunter, wie eine rote Träne. Erst eine Sekunde später schoss der Schmerz durch meinen Körper, erst am Rücken, dann an der Brust und ich blickte nach unten. Verdammt, ich war wieder mal zu überheblich gewesen. Offenbar konnte Leviathan auch Eis kontrollieren. Mein Speer erschien mir auf einmal unglaublich schwer und er entglitt meinen tauben Fingern, fiel klirrend zu Boden. Dann wanderte meine Hand nach oben, umschloss den großen Eisstachel, der mich getroffen hatte. Dunkles Blut lief über das helle Eis, was einen überraschend hübschen Kontrast bildete und tropfte auf das nasse Kopfsteinpflaster. Diese verdammte Schlampe hatte doch tatsächlich mein Herz durchbohrt.

Rogue HeroWo Geschichten leben. Entdecke jetzt