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Als Halbengel hat man ohnehin schon merkwürdige Familienverhältnisse. Aber mit Luzifer als Vater wurde es noch eine Spur absurder, da er einst ein Erzengel gewesen war. Was Raguel, zumindest technisch gesehen, zu meinem Onkel machte. Aber irgendwie bezweifelte ich, dass mir dieser Umstand bei ihm keine Pluspunkte einbringen würde. Vor allem, da der Engel in diesem Moment seine Flügel ausbreitete und sein Schwert auf mich richtete. Wieder hüllte ich mich in meine Flügel und wehrte den Strahl aus reinem Licht ab. Ein unkluger Schachzug. Als ich meine Flügel wieder zusammenfaltete, sah ich gerade noch, wie Raguel auf mich zuschoss. Ich sprang beiseite, entging seiner Klinge nur um Haaresbreite. Der Engel drehte sich leicht und rammte mir seine Schulter gegen die Brust. Die Luft wurde mir aus der Lunge gepresst, ich flog nach hinten und krachte gegen einen Spielautomaten, der unter meinem Aufprall in seine Einzelteile zerlegt wurde und Kleingeld auf dem Boden des Casinos verteilte. Als ich mich aufrappelte, hatte ich den Geschmack von Blut im Mund. "Jetzt bin ich dran.", knurrte ich, beschwor meinen Speer und sprang ohne Vorwarnung auf Raguel zu. Der Erzengel machte einen Schritt beiseite und wehrte meinen Stich mühelos ab. Es war nicht so, dass er sich zu schnell bewegte, vielmehr bewegte er sich genau im richtigen Moment, als wüsste er genau, was ich als nächstes tun würde. Raguel spielte mit mir, nur mit äußerster Konzentration gelang es mir seinen Angriffen zu entgehen. Der Erzengel spielte in einer anderen Liga als alles was ich je bekämpft hatte, ich hätte es lieber mit einem Dutzend Sparten aufgenommen, als mit ihm. Ich riss den Arm hoch und schwarze Ketten schossen auf Raguel zu, welcher sein Schwert in einem weiten Bogen schwang. Als die blendend weiße Klinge auf die Schatten trafen, zersprangen die Glieder der Kette, als bestünden sie lediglich aus Glas. "Gib auf!", knurrte Raguel. "Du magst stark sein, aber ich wurde erschaffen, um Gottes Gegner zu vernichten. Um deine Art zu jagen. Auch wenn du mich ein wenig neugierig machst. Nicht nur, dass du der Wirt eines heidnischen Gottes bist, du beherrschst auch noch Schattenmagie. Ich frage mich wer dich gezeugt hat. War es einer der gefallenen Engel? Oder vielleicht sogar Azrael?" Ich war nicht stark genug, um den Engel in einem wahren Kampf zu bezwingen, aber vielleicht konnte ich ihn so sehr aus dem Konzept bringen, dass ich ihn verwunden und flüchten konnte. Ich lachte laut auf, zog meine Jacke aus und entblößte die Siegel auf meinen Armen. "Du weißt es. Du weißt wer mein Vater ist. Spürst du es nicht? Diesen Kampf in mir?" Ich hob die Hand, konzentrierte mich und erschuf eine kleine Kugel aus heiligem Licht. Gleichzeitig verkürzte ich den Schaft meines Speers auf Armlänge, ließ Schatten über die Klinge wandern und sie verstärken. "Wie Licht und Dunkelheit in mir miteinander ringen? Du magst das Schwert Gottes sein", fuhr ich fort. "Aber du unterschätzt mich. Keiner der Nephilim, die du getötet hast, ist mit mir vergleichbar." Ich stieß einen kurzen Schrei aus und schwang meinen Speer mit beiden Händen. Das Licht wanderte durch die Waffe, an einigen Stellen schienen die Schatten zu bröckeln und gleißende Lichtstrahlen drangen durch die dunkle Schicht. Aber mein Hieb ging ins Leere, Raguel war verschwunden. Im nächsten Moment verspürte ich einen unglaublichen Schmerz. Ein Keuchen drang aus meiner Kehle und erstarb, als mir Blut über die Lippen sprudelte. Überrascht sah ich nach unten. Raguel hatte mich durchbohrt, knapp unter dem Solarplexus war seine Klinge wieder aus meiner Brust gedrungen. Und selbst jetzt war sie hell und rein. "Arroganz.", zischte mir Raguel ins Ohr. "Die Sünde deiner Art, seit der erste Engel es wagte scih zu einer Frau zu legen. Aber du bist noch schlimmer. Aber was erwartet man schon von Luzifers Spross, außer Tod und Verzweiflung. Möge deine Seele auf ewig leiden." Mit diesen Worten zog er die Klinge aus meinem Körper und verschwand. Ich sah in eine dunkle Ecke des Casinos, wankte auf die Schatten zu, aber ich kam nur wenige Schritte weit, bevor mir die Beine wegknickten. Hart schlug ich auf den Boden auf. Mit letzter Kraft versuchte ich auf die Schatten zuzukriechen, dann wude mir schwarz vor Augen. Urplötzlich wurde es gleißend hell und der Schmerz verschwand. Ich stand auf und sah mich um. Alles war wie vorher, aber irgendwie hatte alle Farben einen leichten Graustich. Dann sah ich nach unten und entdeckte meinen Körper, der in einer Pfütze aus Blut lag, mit einem verdammt hässlichen Loch im Rücken. Was zur Hölle war hier los? Eine dunkle Stimme erklang hinter mir, monoton und uralt:"memento hybrida, quia es ex pulvere..." Ohne mich umzudrehen beendete ich den Satz:"...et in pulverem reverteris." Jetzt erst wandte ich mich um und entdeckte eine Gestalt in einem dunklen, tiefschwarzen Kapuzenmantel, der den gesamten Körper verhüllte. "Wer bist du?", fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte. Die Gestalt hob den Kopf und entblößte einen gelblichen Totenschädel dessen Augenhöhlen zu glühen schienen. Dann streckte sie eine knöcherne Hand aus, in der eine große Sense erschien, tiefschwarz mit einer bläulichen Klinge. Wieder erklang diese uralte Stimme. "ich bin der tod." "Und du bist hier, weil...?", fragte ich. "weil du getötet wurdest."

Rogue HeroWo Geschichten leben. Entdecke jetzt