Ehrlichstett Oktober 2015

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Rudolph Renfeld zuckt zusammen, als die Werkstatttür sich knarrend hinter seinem Rücken öffnet. Sein Puls jagt hoch und sofort fängt wieder einer dieser Schweißausbrüche an, die seine Kleidung in Minutenschnelle durchnässen.

Es ist nur Mirko, der dieses alberne Lied vor sich hinbrummt, Maras Lied, das Lied der Pferdeleute. Renfeld ist schreckhaft geworden. Schreckhaft, fast panisch. Irgendetwas stimmt mit ihm nicht, er nimmt ab und ab und wird immer weniger. Seine Kleidung schlottert ihm an dem ehemals üppigen Leib. Vielleicht weil er nicht mehr zu Leander geht, zum Essen und manchmal das Essen ganz vergisst. Und dieses Lied geht ihmauf die Nerven. Die Schmilzer, diese Schlagertante, die ist ja nun bei den Reiterleuten da, die hat das neulich im Stall gesungen, mit ihrer lauten Stimme und so einem schönen althochdeutschen Text, hätte eigentlich wundervoll geklungen, wenn es ihm nicht immer einen Schauder über den Rücken jagen würde. Pferdeleutelied! Aber seitdem pfeift das wieder jeder vor sich hin.

Rudolph Renfeld versteht die Welt nicht mehr. Und das ärgert ihn, das frustriert ihn, das macht ihn unglücklich. Nachdem er dem Grafen viele kleine Gerüchte gemeldet hat, was sich immer so zuträgt, wenn er nicht da ist, da trifft er einen Nerv, denn der Graf ist misstrauisch. Immerschon hatte er das Gefühl, dass alle hinter seinem Rücken alles mögliche mit seinem Schloss treiben und es war ein Leichtes, diesen Verdacht auf die Pferdeleute zu lenken.

Der Dieter, der ist leider misstrauisch geworden weil Renfeld immer Pferdemist haben will, ohne Stroh. Der gibt ihm jetzt keinen mehr in sein kleines Eimerchen. Da muss er dann wohl selbst auf die Koppeln und mal was einsammeln. Er verteilt den Pferdemist überall, kurz bevor der Alte kommt, nicht nur auf der Schlosswiese und dem Parkplatz, nein, er hat angefangen, den auch im Schloss zu verteilen und der Alte macht eifrig Fotos und schickt das an seinen Anwalt. Dazu das Gerücht, dass die Pferdeleute die Pferde überall weiden ließen, wenn er weg ist, was er ja die meiste Zeit ist und die Haalswor, ja die ist so bekloppt, die nimmt die Pferde sogar mit in die Wohnung, ja, mit ins Schloss, man stelle sich vor und fertig ist die Blässe auf dem Gesicht des Hausherrn. Und der Schneider, ja, der wäre der Schlimmste von denen. Kaum, ja kaum, habe der Hausherr das Gelände verlassen, da laufe er durch das Schloss und betrachte es praktisch als sein eigenes. Auch Räume vermietet habe er schon, an eine Feier, ja das könne er, Renfeld bezeugen, habe er doch mit den Eindringlingen gesprochen, ja, höchstpersönlich. Und hier, da liegen noch ein paar leere Coladosen und da noch Kippen drin, das wären die Gäste vom Schneider gewesen, und gezahlt hätten sie auch bei ihm. Ja, er wisse das, denn er, Renfeld gehe schließlich auch am Wochenende hier Patrouille, auch wenn er keinen Dienst habe. Das Schloss ist sein Anliegen und seine Pflicht, er sorgt hier schon für Ordnung. Und er hat die Gäste vom Schneider mit eigenen Augen gesehen, ja und zur Rede gestellt und gesagt wurde ihm, der Herr Schneider habe es erlaubt und man habe bei ihm gezahlt. Da habe er sich noch gewundert, warum der Schneider das dürfe.

Der Graf wird rot und blass und schnappt nach Luft. Er ruft seinen Anwalt an –sofort, ja sofort – müsse ein Hausverbot ergehen, schriftlich an den Schneider und die Haalswor gleich mit. Raus damit, aber flott!
Auch diese andere Sache die war Renfeld eingefallen, das mit dem Stromklau. Der Schneider, ja auch am Wochenende, da habe der Schneider die Stromleitung angezapft und für den Verein illegal Strom abgezapft. Ja, er Renfeld habe das mit eigenen Augen gesehen. Und damit, so hat der Alte berichtet, habe das Schloss jetzt einen wichtigen Prozess gewonnen, den Prozess um die Wasserpumpe und den Brunnen. Den hat der Verein nämlich verloren. Und weil es eine Berufung ist, können die jetzt nichts mehr machen. Weil sie Strom geklaut haben, hat das Gericht ihnen den Brunnen verboten. Und jetzt haben sie kein Wasser mehr für ihrer Pferde. Und jetzt müssen sie ausziehen endlich.

Endlich wieder Ruhe hier und Frieden!

Nicht, dass er das gerne tut. Das mit den Gerüchten. Er weiß, dass es Unrecht ist, er ist ja nicht blöd. Er hat natürlich den Generator gesehen. Mit dem die Pumpe betrieben wurde. Und gehört, war ja auch laut genug. Aber der Alte hat den Generator auch gesehen. Und gehört. Und er weiß, was das ist und wozu man das braucht. Und der Alte, der ist studiert und klug, es wird dann schon in Ordnung sein. Der Zweck heiligt die Mittel.

Und die Reiterleute müssen weg. Das muss einfach sein. Es gibt keinen anderen Weg mehr.

Das versucht er auch dem Leander zu erklären, dass das sein muss, aber der will ja nicht hören. Verbohrt, wie er ist. Das Schloss muss seine Ruhe wieder bekommen und seinen Frieden. Und mit den Reiterleuten geht das nicht. Wenn der Alte nicht da ist, dann ja, dann könnte man halbwegs in Frieden sein, dann geht es, man kommt sich nicht ins Gehege, mal abgesehen von diesen Irren um diesen Bonsayh, die zwischen den Bäumen rumkrauchen und alles fotografieren und was weiß der Himmel, was die da immer machen. Aber wenn der Alte da ist, dann lädt sich die Luft förmlich auf mit Streit und Zank, dauernd gibt es Ärger und Geschrei, die Spannung ist nicht mehr zu ertragen, es ist grauenvoll. Es ist mehr, als ein normaler Streit, es ist, als ob das Schloss sich wehren würde, aufbäumen und sie alle abschütteln wollte. Und das kann er nicht zulassen. Das Schoss muss seinen Frieden wieder haben und er, Rudolph Renfeld muss dafür sorgen.

Der Leander versteht das nicht, und das ist schade, denn der will eigentlich auch nur Frieden. Der will, dass sich alle an eine Tisch setzen und vertragen. Aber das kann er vergessen. Da kann er noch so oft den Grafen zum Essen einladen und mit ihm reden. Der Graf hasst die Reiterleute und vor allem die Haalswor. Da geht nichts mehr zusammen. Und den Schneider hasst er jetzt auch.

Nein, Renfeld fühlt sich nicht wohl dabei, aber er sieht dass es sein muss. Und dass es zu Ende ist, bald, das hofft er. Denn lange hält er das nicht mehr durch. Lange geht das nicht mehr.





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