Ehrlichstett, August 2015

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Sie hat es versucht. Sie hat es wirklich versucht.

Als sie Hugo im Schlosshof begegnet war, da hat sie ihn um ein Gespräch gebeten. Er war deutlich überrumpelt gewesen, ja, gestammelt und nur wenn seine Frau dabei wäre, er würde... er könnte... und, ja sie war einverstanden.


Also haben sie sich zwei Tage später im Garten auf ein Gespräch getroffen. Rabena sah schlecht aus. Sie wirkte teilnahmslos und alt, ihre grauen Haare strähnig und ungepflegt. Unter ihrem linken Auge verheilte ein blauer Fleck. Sie sah wirklich schlecht aus.

Hugo hatte das Wort ergriffen und behalten. Was sie, Corinne, ihm alles angetan hätte, getäuscht und betrogen von Anfang an. Das sei alles anders gedacht gewesen. Er habe mir ihrer Agentin gesprochen, es sei die Rede davon gewesen, die Pferde abzuschaffen und sich ganz der Kunst und ihm, Hugo von Hülstorff und seinem Schloss zu widmen. Was das nun solle? Und diese ganzen Menschen und er könne nicht mehr und ihm sei das zu viel und seinen Gästen auch und wenn das so weitergehe, dann würde er nie wieder kommen und außerdem könne sie sich das Reden sparen, denn die Klage sei bereits gestellt und wäre die nächsten Tage in ihrem Briefkasten. Wenn sie es im Guten nicht wolle und davon hätte er ja ausgehen müssen, dann müsse es eben so gehen und nun sei Reden und Jammern zu spät und enttäuscht sei er von ihr. Sehr enttäuscht.

Corinne kann sich nicht erinnern, ein einziges Wort gesagt zu haben, abseits von ein paar Halbsätzen, die sie anfangs zu ihrer Rechtfertigung hatte hervorzubringen versucht. Darüber, zum Beispiel, dass er mit dem Reitverein einen Pachtvertrag gemacht hatte und nicht mit ihr. Und dass ein Reitverein beinahe zwingend Pferde halte. Und dass von Kunst und Schloss in dem Vertrag gar keine Rede sei. Und dass der Vertrag ausdrücklich zur Pferdehaltung berechtige. Und dass Flexi von Bingen schon immer gegen die Pferde gewesen wäre und meinte sie solle nur noch Kunst machen. Und dass sie sich noch nie danach gerichtet habe. Und dass ihre Kunst jüngst verboten worden sei und damit ohnehin kein Staat mehr zu machen sei.


Sie sah Rabena hilfesuchend an.

Aber die wich ihrem Blick aus.


Ich wusste es, denkt sie, ich wusste es, dass das nichts bringt.


Sie hatte die erste Gelegenheit ergriffen, sich aus dem Gespräch zu stehlen und höflich zu verabschieden.


Immerhin hatte man sich nicht gestritten, erzählt sie nun den hoffnungsvoll wartenden Vereinsmitgliedern. Das sei das einzig Gute und vielleicht werde es ja. Aber dass er Klage eingereicht hatte, sagte sie auch. Dass man abwarten solle, ob es stimmt. Man werde ja sehen.

Doch noch nicht einmal Doreens schief komisches Lächeln oder die unter dem Tisch schlafende Nicki konnte die Vereinsmitglieder aufheitern.

Zu viel hatte man sich von dem Gespräch erhofft.

Zu viel scheint jetzt irgendwie verloren.


„Meinst du. Ob wir das schaffen?" Desis Stimme ist leise, verzagt.


„Klar Desi, wir halten doch zusammen. Und wir sind im Recht."


„Vielleicht ist es ganz gut, wenn da mal ein Gericht draufsieht," sagt Gerhard mit fester Stimme.


Mandy hingegen runzelt zweifelnd die Stirn. Zu viel Ungerechtigkeit haben sie bisher erfahren. Allein die Sache mit den Ämtern und die von der Stadt willkürlich gekündigten Pachtverträge. Kämpft man hier nicht gegen Windmühlen? Hat man überhaupt eine Chance?

Corinne spürt förmlich ihre Gedanken.

Sie weiß auch nicht mehr weiter. Es ist, wie verhext, alles was sie anfassen scheint schief zu gehen.

„Wir müssen irgendwie an die Öffentlichkeit," sagt sie. „Wenn die Leute das hier erfahren, was hier vorgeht, das Ganze auch mit dem Bauschutt im Teich und was da beim Umweltamt gesagt wurde, dass die Behörden sich benutzen lassen, um uns loszuwerden, da kann man doch nicht mehr drüber wegsehen. Wenn wir die Öffentlichkeit mobilisieren, dann muss sich jemand mal um die Sache kümmern."


„Kannst du denn nichts machen? Du bist doch ein berühmte Künstlerin, auf dich hört man doch?" Dieter, hoffnungsvoll.


„Ach Dieter, so berühmt, dass man jüngst meine Bilder verbietet," In Corinnes Stimme klingt tiefe Verletzung, noch immer über dieTatsache, dass eines ihrer Bilder verboten wurde. Das erste in Deutschland seit dem dritten Reich. Welch eine zweifelhafte Ehre!


„Aber da machst du doch etwas gegen. Gerichtlich!"


„Klar, muss ich ja wohl. Aber es untermauert nicht gerade meine Glaubwürdigkeit. Und viele warten erst mal ab, wie das ausgeht."


„Dann male doch einfach Bilder davon. Vom Teich, von den toten Fischen, vom toten Reiher, der im Zaun hängenbleiben ist, vom Klapsmann, keine Ahnung."


„Dieter, ich mal gar nicht mehr!"


Alle sehen sie erschrocken an.

„Wie?"Gerhards Stimme ist rau.


„Ja, habt ihr richtig gehört. Ich male nicht mehr bis ich rehabilitiert bin."


„Und wovon willst du leben?" Mandy.


Corinne schüttelt nur den Kopf. „Weiß noch nicht."


Nach einer Pause: "Aber ich kann nicht mehr. Ich kann doch nicht einfach weitermachen und malen, als ob nichts geschehen wäre. Man hat mein Bild verboten.Wer sagt mir, dass das nächste Bild, das ich male nicht auch verboten wird Und das übernächste. Und das letzte? Und das Vorletzte?

Was bin ich für eine Malerin, wenn der Staat, in dem ich lebe, der Gesetzgeber, nicht möchte, dass es meine Bilder gibt? Sollte ich da wirklich malen? Oder sollte ich das nicht vielmehr ernst nehmen und mich dem Urteil beugen?"


„Corinne!" Desi zieht scharf die Luft ein" Das darfst du nicht. Denke mal an die vielen Künstler, die schon angefeindet und verboten wurden. Die haben auch nicht aufgegeben. Das darfst du nicht! Das können die doch nicht wirklich schaffen!"


„Dann schreibe!"

Gretas schmale Gestalt war in der Tür des Gartenhauses erschienen.

„Schreib es auf!"


Alle starren sie an. Ihre Erscheinung vor dem hellen Hintergrund ist fest und schmal und ein wenig unheimlich. Und ihre heisere Stimme gibt ihrden Anschein einer Prophetin, den Anschein einer Seherin, einer alten, weisen Frau.


„Ich kann nicht..." fängt Corinne leise an. „ich bin doch keine Schriftstellerin."


„Mach es einfach," wiederholt Greta, wieder mit dieser unheimlichen, hohlen Stimme, "schreibe! Dann erfahren alle, was hier los ist und wie es sich zuträgt. Und ihr habt eure Öffentlichkeit. Und nichts geht verloren. Und..." nun betritt sie den Raum und ist nur wieder Greta, die dürre, etwas verrückte Greta, die HexeVerstexe „...du wirst sehen. Du wirst das gar nicht schlecht machen."

Ein freundliches Lächeln überzieht ihr Gesicht.

Das einer freundlichen, gütigen, älteren Dame.


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