Ehrlichstett, April 2017

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Langsam geht Tamara auf die grüne Holztür von Libertas Haus zu. Raben hocken im Geäst der Linde und krächzen ihr tonloses Lied, einmal Krächzen, zweimal Krächzen dreimal, die Farben scheinen aus der Luft gesogen, jede Bewegung schwierig und zäh. Sie tastet sich die steilen Steinstiegen hinauf, die im Laufe der Zeit ausgetreten wurden von hunderten von Tritten von hunderten von Menschen, die aus irgendeinem Grund das Haus betreten oder verlassen hatten. Ihre Hand streckt sich nach der schmiedeeisernen Klinke aus, sie zögert, langsam, etwas ist anders, sie ahnt, dass sich etwas verändert hat, sie weiß nicht, was kommen wird und sie hat Angst, eisige Angst, die sie zwingen möchte umzudrehen, die steilen Stufen hinunterzuspringen und zu rennen, zu fliehen. Sie nimmt allen Mut zusammen und öffnet die Tür – dahinter lodert ein glühendes Flammenmeer, Flammen schlagen brüllend hoch, - warum hat sie das Geräusch von außen nicht gehört? - fressen sich durch das brüchige, trockene Holz des Treppenhauses, der Boden mit den Mayolikakacheln strahlt eine übermenschliche Hitze aus, die sie zurückwirft. Ihre Mutter, ihre Mutter ist dort oben irgendwo, sie weiß es. Und sie weiß, dass sie sie retten muss. Sie muss darein, in die Flammen, die sie verbrennen werden, die sie verglüht haben werden, bevor sie das brennende Treppenhaus erreicht haben wird. Aber da, verdammt, was ist das?? Tamara kneift die Augen zusammen.Dort steht jemand, auf den Stiegen, mitten in den Flammen, ein Mensch, er bewegt sich, verdammt ein lebendiger Mensch – oh mein Gott, er wird verbrennen„Tamara...."ruft eine Stimme aus den Flammen. Es ist Devon, sie hört seine Stimme, sie sieht ihn deutlich. Er steht in den Flammen und seine blauen Augen leuchten. Sein Blick sucht den ihren. Sie geht ihm langsam entgegen. Durch die Flammen, sie spürt, sie wie die sie berühren, fast streicheln, sie kommt näher, Devon lächelt und streckt ihr die Hand entgegen. Sie sieht ihn an und seine Züge verzerren sich, verändern sich und es ist Jakob, plötzlich der die Hand nach ihr ausstreckt, ihr gegenübersteht, nach ihr greift.

Sie spürt den Ring um ihren Hals, der glüht und lodert, ein heißer Fleck, wie Glut, brennend und mit einem Mal dringt Jakobs Hand in ihren Brustkorb ein und ergreift ihr Herz und zieht es heraus.

Sie erinnert sich an ihre Mutter, die auch noch dort ist und die sie retten muss. Und sie spürt keinen Schmerz obwohl er ihr Herz hält.

Doc hjetzt sieht sie etwas, das sie erstarren lässt.

Jakob legt ihr Herz in eine Schale. Und neben dieser Schale ist das abgrundtief Böse. Ein Monster von tödlicher Niedertracht. Reihen nadelspitzer gebleckter Zähne funkeln im Licht der brüllenden Flammen aus einem Rachen, der in die Hölle der ewigen Verdammnis führt.

Tammis Augen quellen heraus, ihr Kopf dröhnt, Schweiß dringt ihr aus allen  Poren. Sie steht am Abgrund aller Dinge, sie weiß, was von ihr erwartet wird.

Sie weiß, was sie tun muss.

Sie hat vergessen.

Sie hat es vergessen.

Bitte,bitte lass es ihr wieder einfallen. Bitte!

Das Monster verändert seine Position und rutscht an das Herz auf der Schale heran und fährt mit seiner triefenden Zunge darüber.

Tammi sieht an sich herunter und entdeckt dass sie etwas in den Händen hält. Sie hebt die Arme und sieht, dass es Hund ist. Er liegt leblos in ihren Armen.

Entsetzt sieht sie Jakob an. Oder ist es Devon? Oder beide.

„Bitte hilft mir," flüstert sie und hält ihm Hund entgegen.

Gleißendes Licht flutet auf und die Flammen dröhnen.

„Die Aufgabe liegt vor dir. Nun beweise dich!" dringt eine Stimme aus den Flammen, aus Jakob/Devon, aus ihrer Mutter.


Schweißgebadet öffnet Tammi die Augen. Das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Verwirrt sieht sie sich um und erkennt ihr Zimmer im Schloss, eine blassedünne Frühlingssonne, die hereinscheint und den Raum erhellt.

Henry ist da. Im Kinderbettchen. Jakob hat ihn gestern gebracht, ob sie aufihn aufpasst, er hat in der Frühe eine Vorlesung und seine Tante und sein Onkel sind verreist. Klar, kein Problem. Sie mag Henry. Er schläft mit leisen ruhigen Atemzügen.

Hund liegt unten auf ihrem Bett. Er hat die Augen geöffnet und sieht sie an.

„Hund,"sagt sie leise.
Er nickt, denkt sie verwirrt. Er nickt ihr zu und legt sich dann seufzend zurück und schließt die Augen.

Langsam beruhigt sich Tammis Herzschlag.

Ein Alptraum.

Der Alptraum. Aber noch nie war er so deutlich und so nah. Noch nie ging das so weit. Was soll das bedeuten, grübelt sie. Sie sucht den Ring um ihren Hals mit den Fingern. Er ist noch da, schwarz und düster, aber nicht brennend und nur so warm wie ihre Haut. Ihre Fingerspitzen kribbeln, als sie an ihn berührt.

Verdammter Mist, denkt sie. Ob das alles wohl jemals ein Ende nimmt? Ob es sich beruhigt und ein ruhiges Ende nimmt?

Sie zweifelt.

Daran jedenfalls.



Libertas Haus, das SchlossGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt