Wir sind für dich da

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Völlig fertig hing ich über der Kloschüssel und kotze mir die Seele aus dem Leib. „Samu?" hörte ich von meiner Mutter, die gleich reinkam, als ich nicht antwortete. „Hey mein Schatz..." sagte sie und hockte sie neben mich. „Ich kann das nicht Mom..." Sofort nahm sie mich in den Arm und versuchte mich wieder zu beruhigen. Ungewollt kamen mir schon wieder die Tränen und zudem fing Leevi dann auch noch an zu schreien. Ich wusste, dass er sich nicht von Sanna beruhigen lassen würden und stand deshalb schnell auf um zu ihm zu können. Jedoch war das ein bisschen zu ruckartig, sodass ich erstmal total ins Taumeln kam, mich meine Mutter aber zum Glück noch am Arm festhalten konnte. „Geht's?" fragte sie mich besorgt. „Ja."

„Alles ist gut Leevi, Papa ist da." sagte ich liebevoll zu dem Kleinen und nahm ihn auf meinen Arm. Ich selbst war zwar auch noch ganz schön verheult, aber er ging jetzt vor. Ich musste für ihn stark sein, egal wie schlecht es mir ging. Da er einfach nicht aufhörte, machte ich mir wirklich Sorgen. Er hatte wahrscheinlich Schmerzen und so holte Sanna gleich eine Krankenschwester. Glücklicherweise wurde sich gleich um ihn gekümmert. Trotzdem wollte ich hier einfach nur noch weg. Ich hatte mich schon immer mehr als unwohl in Krankenhäusern gefühlt. Andererseits wollte ich auch nicht Finja nicht alleine lassen, der Arzt meine schließlich, dass sie alles unterbewusst mitbekam.
„Wissen Sie vielleicht schon wann Leevi entlassen werden kann?" fragte ich schließlich.
„Höchstwahrscheinlich schon morgen, wenn Sie das wollen. Wenn Sie sich aber wohler fühlen, wenn der Kleine noch ein bisschen unter Beobachtung von uns steht, dann dürfen Sie auch noch ein paar Tage länger bleiben."

„Ich überlege es mir." Eigentlich wollte ich ja mir noch hier raus, aber meine Frau hier alleine zu lassen, das gefiel mir überhaupt nicht. Mal schauen...
„Dann lass uns gleich morgen gehen Samu, zuhause hast du mehr Ablenkung als wenn du hier die ganze Zeit im Krankenhaus bist." sagte Sanna zu mir. „Hm...ja." antwortete ich noch wenig überzeugt, aber gegen meine Schwester kam man eh nicht an.
Der restliche Tag verging schleichend. Jede Minute zog sich, weil ich einfach nicht wusste, was ich tun sollte. Jeder versuchte mich aufzumuntern, aber ging einfach nicht. Ich konnte keinen einzigen positiven Gedanken fassen. Aber wie auch? Ich könnte doch gar nicht glücklich sein in so einer Situation, da hätte ich ein total schlechtes Gewissen Finja gegenüber. Am Abend ging ich auch früh schlafen, damit der Tag endlich ein Ende hatte.

Nach einer sehr unruhigen Nacht schlief ich sogar relativ lange. Während sich Krankenschwestern schon um Leevi kümmerten, bekam ich mein Frühstück, wovon ich aber nur wenig anrührte. Gleich danach musste ich sofort zu Finja. Ich wollte und musste für sie da sein. Als ich den Raum betrat, in dem sie lag, füllten sich meine Augen sofort wieder mit Tränen, die ich versuchte zu unterdrücken, aber es einfach nicht schaffte. Automatisch nahm ich ihre Hand und redete einfach wieder mit ihr, so als würde sie gerade nicht im Koma liegen. „Du musst einfach wieder aufwachen Finja,ich..." Ich wurde durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen und sah den Arzt hereinkommen. „Die Familie von ihrer Frau ist gerade gekommen." Er erklärte mir, dass nicht zu viele Personen auf einmal im Raum sein durften und ich deshalb erstmal raus musste.

Es war wirklich schwer auf ihre Eltern und ihre Schwester zu treffen, da natürlich alle genauso aufgelöst waren wie ich. Wir unterhielten uns kurz über die ganze Situation und was genau passiert war, bis die drei dann reingingen und ich zurück zu Leevi ging. Dort wurde mir gesagt, dass wir das Krankenhaus jetzt theoretisch verlassen konnten. Ich hatte mich dazu entschlossen wirklich lieber mit zu Sanna zu gehen, damit ich nicht total abdrehte hier.
Nachdem ich sie angerufen hatte, kam sie auch so schnell wie es möglich war. Ich war froh, dass mir meine Familie den nötigen Halt gab und einfach nur für mich da war.
Die Sachen war schnell zusammengepackt und so verabschiedeten wir uns nur noch von Finja's Familie, die es wenigstens tröste, unseren Kleinen mal wieder zu sehen.

Die ganze Autofahrt lang schwiegen wir uns an, aber das war mir gerade auch ganz Recht. Zuerst fuhren wir zu mir nachhause um alle nötigen Sachen zu holen und fuhren dann weiter zu Sanna.
„Na komm Samu, wir werden schon erwartet." sagte sie, als wir vor dem Haus standen, ich aber einfach nicht aus dem Auto stieg. Ich hatte gerade eigentlich gar keine Lust auf andere Leute. Ich wollte alleine sein und kein Mitleid bekommen. Letztendlich stieg ich dann aber doch aus. Leevi nahm ich gleich auf meinen Arm und drückte ihn fest an mich. Ich fühlte mich durch ihn einfach verbunden zu Finja, auch wenn sie gerade nicht bei mir sein konnte. Bei dem Gedanken wurde mir wieder ganz anders. Hoffentlich würde sie schon ganz bald wieder aus dem Koma erwachen.

Drinnen saßen Miikka, Fanny und Kaisa schon am Essenstisch und guckten mich gleich mitleidig an, als sie mich sahen. „Hey..." sagte ich leise. „Das tut mir so leid Samu..." kam gleich von Miikka, der auf mich zukam und mich in eine Umarmung zog. „Ich will echt kein Mitleid haben Leute. Ich komm schon klar." Ich log natürlich, denn ich kam überhaupt nicht mit all dem klar. Aber ich wollte sie nicht belasten, wenn ich schon hier wohnen durfte. „Aber wir sind für dich da, du musst da nicht alleine durch." Ich war immer wieder erstaunt wie reif Kaisa geworden war. Sie war für mich immer noch das kleine Mädchen, obwohl sie schon 12 geworden war. „Ich weiß. Danke erstmal, dass wir hier erstmal wohnen dürfen, das weiß ich total zu schätzen."
„Das ist doch selbstverständlich. Willst du mitessen?" Eigentlich war mir ja gar nicht nach essen, aber ich konnte ja auch nicht anfangen zu hungern.

Viel aß ich trotzdem nicht. Nach dem Essen richtete ich mich erstmal im Gästezimmer ein und brachte Leevi erstmal ins Bett für den Mittagsschlaf. Ich überlegte was ich machen konnte. Alles war so leer ohne Finja. Wir hatten jede freie Minute zusammen verbracht und jetzt war sie einfach nicht hier. Den ganzen Nachmittag über lag ich einfach nur im verdunkelten Zimmer und starrte an die Decke. Sanna kümmerte sich um den Kleinen, wofür ich ihr sehr dankbar war. Ich hatte gerade keine Kraft für irgendwas. Erst am Abend kam ich wieder raus, damit wir zusammen Abendessen konnten.
„Ich gehe kurz raus, ein bisschen spazieren ok?" Ich musste kurz frische Luft schnappen.
„Ja, mach das, ich bringe Leevi dann schonmal ins Bett. Bau keine Scheiße Samu."

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