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141. Ein Dorn im Fleisch

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Nachdenklich blickte Marlena auf das blutrote Drachenei das in einer gefütterten Satteltasche ruhte. Der Schein des Lagerfeuers der beiden Drachenreiter spiegelte sich auf der glatten Oberfläche und verlieh dem tiefen Rot ein geheimnisvolles Glühen.
"Eine große Verantwortung oder?" erkundigte sich Kenai von der anderen Seite des Lagerfeuers her. "Irgendwie fühle ich mich regelrecht verantwortlich für diesen ungeborenen Drachen. Oder ist das auch unangebracht und typisch Mann?"
Marlena verzog spöttisch den Mund.
"Es ist durchaus angebracht." erwiderte sie spitz und fügte dann versöhnlich hinzu: "Mir geht es nämlich genau so.
Eine Weile schwiegen die beiden jungen Reiter, dann hob Marlena wieder an.
"Bist du böse wegen des kleinen Scherzes von Alonvy und mir?"
Es traf Marlena etwas, das Kenai offenbar wirklich über die Antwort nachdachte. Weder sie noch ihre Drachendame hatten es böse gemeint.
Die junge Halbling wünschte sich fast ihre Drachendame wäre jetzt bei ihr. Aber Alonvy war mit Kenais Begleiter Irucan zu einer gemeinsamen Jagd aufgebrochen.
"Ein wenig beleidigt bin ich schon. Ist es denn so schlimm, das ich der Meinung bin, dass ein Vater auch ein Mitspracherecht haben sollte? Es sind doch auch seine Kinder!"
"Und Ester hat ihren Nistpartner an der Entscheidung beteiligt!" hielt Marlena dagegen. "Als sie erkannte das das Küken, dass sie uns anvertraut hat, sich zum Reiterdrachen eignet hat sie sich zunächst an ihren Partner gewannt und sie haben gemeinsam entschieden. Aber Ester musste die Trennung der Seele durchführen. Das ist wie die Nabelschnur bei uns Zweibeinern! Die Verbindung besteht nur zwischen Mutter und Kind und deshalb kann auch nur sie den letzten Blick auf die neugeborene Seele werfen. Verstehst du?"
Kenai nickte stumm und knetete einige dünne Zweige zwischen den Fingern.
"Ich mache mir halt Sorgen, dass du immer noch denkst, das ich ein Schürzenjäger bin der keine Verantwortung übernehmen will." räumte Irucans Reiter schließlich ein ohne Marlena anzublicken.
Ein Umstand für den die junge Halbling dankbar war denn sie spürte wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
"Das denke ich nicht." antwortete sie schließlich.
Kenai hob sofort den Blick. einige Augenblicke lang sahen die beiden sich nur über das Lagerfeuer hinweg an.
"Und wenn wir wirklich nochmal neu anfangen wollen sollten wir beide nicht jedes Wort des Anderen auf die Goldwaage legen. Findest du nicht auch?"
Kenai schlug kurz die Augen nieder und lächelte schief.
"Stimmt wohl."
Wieder folgte ein Moment der Stille.
"Was passiert jetzt eigentlich mit unserem Schützling da?" wollte Kenai schließlich wissen.
"Gemäß der Tradition des Ordens bringen wir das Ei nun erst mal zum nächst Außenposten der Reiter."
"Also Cosaria." vermutete Kenai.
Marlena nickte.
"Es ist Brauch, dass es eine erste Reiterprüfung für das neue Ei gibt. Diese Prüfung findet immer in der Siedlung statt, die in dem jeweiligen Außenposten am nächsten ist. Wenn das Küken nicht schlüpft wird man das Ei zur Ostmark schicken wo es in die Ei Kammer gebracht wird und dann Teil des normalen Zyklus der Prüfungen wird.
"Ich würde mir wünschen das der Kleine hier in Cosaria schlüpft, Ich würde den jungen Drachen gern kennenlernen."
Marlena grinste und nickte. Ihr ging es ähnlich.
"Die Farbe erinnert mich irgendwie an den Drachen von meinem Onkel Murtagh." murmelte die junge Halbling.
"Du meinst Dorn." grinste Kenai. "Den wirst du übrigens bald treffen."
"Was, wieso?" Marlena war aufgeregt.
"Hat Meisterin Narie es dir noch nicht erzählt?" wunderte sich Kenai. "Dein Onkel hat sich vor ein paar Tagen bei uns gemeldet. Er, Mutter und ihre Drachen wollen uns besuchen. Mutter will wohl nachsehen ob ich mich benehme. Sie versteht sich gut mit deinem Onkel. Er führt ja ihre Ausbildung zu ende. Noch näher sind sich allerdings Dorn und Mutters Drachendame Lenjara gekommen. Sie sind Nistpartner."
Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf Marlenas Gesicht aus.
"Das freut mich wirklich für Dorn. Ich kann gar nicht sagen wie sehr!"
"Meisterin Narie hat ähnlich begeistert reagiert." lachte Kenai und legte einige Holzscheite nach. Funken stoben aus der Glut in den Nachthimmel.
"Kein Wunder." lachte Marlena. "Kira ist schließlich Dorns Schwester. Sie war immer in sorge um ihren Bruder."
"Wegen der Dinge die Galbatorix ihm und seinem Reiter angetan hat?" fragte Kenai.
Marlena nickte.
"Hast du dich nie gefragt warum er für sich den Namen Dorn gewählt hat?" murmelte Marlena und erinnerte sich betrübt an ein Gespräch das sie vor einigen Jahren mit dem roten Begleiter ihres Onkels geführt hatte.
"Eigentlich nicht." gestand Kenai. "Es schien mir allerdings immer etwas merkwürdig.....Dorn.... jetzt wo du es ansprichst kommt mir der Name auch etwas außergewöhnlich vor. Ich habe viel über die Geschichte des alten Ordens gelernt und die meisten Drachen hatten sehr wohlklingende und ausformulierte Namen. Viele leiteten sich von Begriffen der alten Sprache her. Das liegt wohl daran, das Elfen die ersten Reiter waren. "Dorn" klingt sehr menschlich. Hat Galbatorix auf einem solchen Namen bestanden?"
"Er war sicherlich erfreut darüber aber der Hintergrund ist ein anderer."
Marlena hatte plötzlich das Gefühl zu frieren. Sie zog die Beine an den Körper und starrte in die Flammen des Lagerfeuers. Ihre Arme schlang sie um ihre Knie.
"Mein Onkel hat seinem Drachen nicht diesen Namen gegeben. Ich habe ihn danach gefragt und er hat mir gesagt, das Dorn lange keinen Namen wollte. Vielleicht weil Galbatorix ihm seinen wahren Namen entrissen hat. Eines Tages sagte er dann zu seinem Reiter, dass er Dorn sei. Murtagh gefiel dieser Name: Ein Dorn im Fleisch aller Feinde!
Erst später, als Dorns Geist reifer wurde und er sich besser ausdrücken konnte hat er erfahren, welche Bedeutung der Name für seinen Drachen hatte."
"Welchen?"
Kenais stimme klang unsicher.
Marlena blickte zu ihm hinüber.
"Dorn hasste sich selbst. Er hasste sich weil er zu schwach gewesen war um seinen wahren Namen zu verbergen. Er hasste sich dafür, dass er geschlüpft war. Er hasste es ein Sklave zu sein, ein Werkzeug, dass das Drachenvolk für immer zu Sklaven eines Wahnsinnigen machen würde. Er sah sich selbst als einen Dorn. Etwas, das die Natur der Dinge störte. Etwas, dass durch seine bloße Gegenwart den Frieden, den Pakt der Völker in den Dreck zog. Sein Leben war ein Dorn im Fleisch der Welt. Deshalb nannte er sich so."
"Das wusste ich nicht!" Kenai wirkte ehrlich betroffen.
"Er redet auch nicht gern darüber." murmelte Marlena. "Diese Gefühle haben den Drachen meines Onkels sehr lange verfolgt. Erst haben er und Onkel Murtagh sich ja völlig von der Welt zurückgezogen und nur langsam zurück ins Leben gefunden. Für Onkel Murtagh war es seine Beziehung zu Nasuada. Sie war seine Rettungsleine. Aber trotzdem war es für ihn ein langer weg. Meine Cousine Ismira hat mir zum Beispiel erzählt, dass sie Onkel Murtagh erst kennen gelernt hat als sie Zehn wurde.
Erst da hat Onkel Murtagh den Mut gefunden seine Verwandten im Plancar-Tal zu besuchen."
Marlena lachte leise.
"Was?" erkundigte sich Kenai.
Marlena antwortete kichernd.
"Mirie hat mir erzählt, dass ihr Vater, Graf Roran, und Onkel Murtagh erst sehr steif miteinander umgegangen sind. Tante Katrina ist dann schließlich eingeschritten. Es fand ja gerade ein Fest für Ismira statt. Sie hatte Geburtstag. Tante Katrina hat sich einfach links bei ihrem Mann untergehackt, rechts bei Murtagh und ist mit den beiden über den Festplatz flaniert. Dabei hat sie sich mit den beiden ein Gespräch geführt und nicht erlaubt, das die Unterhaltung einseitig wurde. Mirie hat mir das Bild aus ihrer Erinnerung gezeigt. Einfach herrlich! Roran und Murtagh sahen aus als ob jeder am liebst in die entgegengesetzte Richtung davongerannt wäre aber sie konnten ja nicht. Tante Katrina ließ sie nicht! Irgendwann ist das Eis zwischen den Beiden schließlich gebrochen und sie waren überrascht wie gut sie miteinander auskamen.
Natürlich war das Verhältnis zwischen Roran und Murtagh nie so eng wie das zwischen meinem Vater und Roran aber....."
"Das kann man ja auch nicht anders erwarten." erkannte Kenai schmunzelnd an. "Immerhin sind dein Vater und Graf Hammerfaust wie Brüder zusammen aufgewachsen. Sie kannten sich schon als Kinder. Roran und Murtagh haben sich ja erst als Männer kennengelernt."
Marlena nickte immer noch schmunzelnd.
"Aber was war mit Dorn?" erkundigte sich Kenai. "Warum ist es so etwas besonderes, dass er und Mutters Drache nun...."
"Dorn ist wie die Drachen meiner Eltern nun fast ein halbes Jahrhundert alt." erklärte Marlena. "Aber er hat sich bisher nie eine Nistpartnerin gewählt. Vaters Drachendame hat inzwischen 14 direkte Nachkommen. Dorn nicht einen. Manchmal hatte man den Eindruck, dass er einfach nicht glaubte das Recht dazu zu haben. Er war Sklave der Kräfte gewesen die sein Volk fast ausgerottet hatten und sollte das Schicksal der Drachen für immer besiegeln. Das hat er sich in all den Jahren nie verzeihen. Es war wie eine offene wunde auf seiner Seele."
"Aber alle Wunden heilen." antwortete Kenai und lächelte vielsagend.
Marlena nickte stumm und blickte noch einmal auf das dunkelrote Ei in der Satteltasche neben ihr.
"Du wirst nie solche Wunden erleiden mein Kleiner." flüsterte sie dem Ei zu. "Wir passen auf dich auf."
Sie strich über die glatte Eihülle und flüsterte, als würde sie einen Segen sprechen:
"Mögest du immer gute Winde unter deinen Schwingen haben."






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