190. Von Vätern und Töchtern

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Entschlossen verließen die beiden Elfenfrauen die Küche des Herrenhauses und durchquerten die Eingangshalle. Der magische Spiegel den Narie und Marek für Gespräche benutzten stand im Arbeitszimmer der beiden Drachenreiter.
Arya war froh, dass es nur einen einfachen Zauber brauchen würde um Fürst Efron zu kontaktieren. zur Zeiten von Galbatorix Schreckensherrschaft waren die Schutzwälle um Du Weldenvarden und die Städte des Elfenvolkes so eng, dass dies unmöglich gewesen wäre.
Inzwischen jedoch hatten die Zeiten sich geändert. Es gab mehrere Siedlungen des schönen Volkes außerhalb der Wälder des Nordens. Allen voran natürlich die Siedlungen in der Ostmark und in Cosaria.
Außerdem bereisten viele Elfen das Land um all die Orte zu sehen, von denen sie bisher nur in Büchern gelesen hatten. Besonders junge Angehörige des schönen Volkes lockte die Welt jenseits der Grenzen von Du Weldenvarden. Anders als die älteren Elfen hatten sie nie auch nur die Möglichkeit gehabt zu reisen.
Aufgrund dieser Umstände hatte König Maranus vor einigen Jahrzehnten beschlossen die Schutzwälle zu lockern.
Während Arya noch über die Entscheidung des Elfenkönigs nachdachte fiel ihr auf, dass Narie stehen geblieben war.
Der Blick der jüngeren Elfe war ins Leere gewandert. Schützend hatte sie die Hand auf ihren Bauch gelegt und strich über dessen Wölbung.
Arya trat neben ihre Cousine und legte ihr die Hand auf die Schulter.
Narie blickte auf und lächelte.
"Ist es nicht merkwürdig?" erkundigte sie sich. "Ich habe fast angst meinen Vater zu kontaktieren. So sollte es doch nicht sein Rabenmähne. Nicht nach all den Fortschritten die wir in den letzten Jahren gemacht haben."
"Es ist nie leicht Silberschopf." tröstete Arya.
"War es so zwischen dir und deiner Mutter?" fragte Narie.
"Auch." räumte Arya ein. "Aber vor allem auch zwischen mir und meiner Tochter."
Narie verzog den Mund zu einem neckischen Grinsen.
"Willst du mir jetzt Mut für die Zukunft machen Rabenmähne?"
"Ich berichte nur von den Freuden die auf dich warten Silberschopf." erwiderte Arya im selben verspielten Tonfall.
Lachend setzten die beiden Elfenfrauen ihren Weg fort.
Im Arbeitszimmer angekommen zog Narie sich einen Stuhl von ihrem Schreibtisch heran und postierte ihn vor dem großen Standspielgel der in einer Ecke des Zimmers stand. Die jüngere Elfe nahm platz während Arya sich hinter ihre Cousine stellte.
Über magische Spiegel zu kommunizieren war inzwischen eine recht gebräuchliche Methode geworden sich über größere Entfernungen zu unterhalten. Im großen Krieg war diese besondere Form der Traumsicht entwickelt worden um Heere auf dem Marsch zu lenken. Heute war sie wesentlich weiter verbreitet.
Eben diesem Umstand war es jedoch geschuldet, dass sich auch einige Regeln für derartige Gespräche herausgebildet hatten. Es galt bespielweise als unhöflich einem solchen Gespräch zuzuhören ohne auf die eigene Anwesenheit hinzuweisen. Deshalb achtete Arya darauf sich gut sichtbar vor dem Spiegel zu positionieren. Sie rief sich aber ins Gedächtnis, dass dies ein Gespräch war, dass in erster Linie Narie und ihren Vater betraf.
Die jüngere der beiden Elfen sammelte kurz ihre Magie, dann wirkte Narie den Zauber. Sofort begann das Abbild auf der Oberfläche des Spiegels sich zu verändern. Arya erkannte ein Arbeitszimmer, das sie sehr an das erinnerte in dem sie selbst gerade stand. Am Schreibtisch saß Naries Vater Fürst Efron und studierte einige Papiere.
Leise räusperte sich Narie und sofort blickte ihr Vater auf. Efron lächelte als er seine Tochter erkannte. Sofort begann er mit der elfischen Grußformel.
Nachdem Vater und Tochter das Ritual beendet hatten grüßte Efron auch Arya mit freundlichem Respekt.
"Ich hoffe wir stören dich nicht Vater." erkundigte sich Narie schließlich.
"Nicht wirklich." versicherte der Elfenfürst. "Du weißt, es ist eine langwierige Arbeit die Aufzeichnungen des Drachenkrieges durchzugehen."
Dies konnte Arya gut nachvollziehen. Naries Vater war den Drachenreiter einst eine große Hilfe gewesen als sie den Schatten bekämpften zu dem der junge Herzog Tjurin geworden war. Die damalige Kriese hatte klar die Verbindung enthüllt die zwischen den Elfen, den Geistern und den magischen Lanzen, den Dauthdaert. Die alten Waffen des Drachenkrieges waren eine große Gefahr, nicht nur für die Drachen. Vor diesem Hintergrund hatte König Maranus entschieden, dass es auch die Verantwortung der Elfen war sie zu beseitigen. Er war an Naries Vater herangetreten um die Suche nach den verschollenen Lanzen zu leiten. Aufgrund seines Wissens um die Geister war Fürst Efron für die aufgebe wie geschaffen und nachdem auch Arya keinen Einspruch dagegen erhoben hatte Naries Vater die Aufgabe mit großem Eifer übernommen. Es war für ihn ein Weg seinem Volk einen wertvollen Dienst zu erweisen ohne auf das glitschige Paket der Politik zurückkehren zu müssen.
Einer der wichtigsten Anhaltspunkte für die Suche waren die Aufzeichnungen des Elfenvolkes aus der Zeit des Drachenkrieges.
Leider war die Suche nach Hinweisen in diesen Schriften eine langwierige Aufgabe. Nach dem Friedensschluss mit den Drachen war den Elfen der Krieg gegen das Volk, dass sie nun so verehrten regelrecht peinlich. Diese Scham schlug sich in der Art und Weise nieder mit der die Elfen die Aufzeichnungen jener Tage behandelten. Man hatte die Schriften aus der Zeit des Krieges aus allen Archive  des schönen Volkes entfernt und sie in einem Zentralen Lager untergebracht. Dabei war man aber nicht besonders gründlich vorgegangen. Man hatte die Unterlagen einfach in einer großen Halle untergebracht. Es gab keine Ablageordnung, kein System nachdem die Unterlagen abgelegt waren. Dazu kam noch, dass die Dokumente alt und damit in schlechtem Zustand waren.
Niemand hatte sich um den Erhalt bemüht. Niemand hatte die Schriftstücke auch nur ansehen wollen. Zu groß war die Scham!
Ein weiterer Faktor der die Arbeit erschwerte war die Tatsache, dass auch die Aufzeichnungen unter der gewalttätigen Natur des Krieges gelitten hatten. Manche Aufzeichnungen waren unvollständig und nur noch in Fragmenten erhalten!
Naries Vater und seine Mitarbeiter bemühten sich nun Ordnung in dieses Jahrhunderte alte Chaos zu bringen. Eine langwierige und schwierige Aufgabe.
"Ich glaube aber, dass wir vielleicht endlich eine vielversprechende Spur gefunden haben." versicherte der Elfenfürst seiner Tochter inzwischen. "Noch ist es nur ein Verdacht aber....."
Fürst Efron unterbrach sich kurz und blickte seine Tochter an.
Arya fragte sich ob er es vermochte die sorgen seines Kindes zu erkennen.
Efrons folgende worte gaben Arya ihre Antwort.
"Aber das ist nicht der Grund aus dem du das Gespräch suchst nicht wahr Tochter? Ist alles in Ordnung mit dir ? Oder stimmt etwas nicht mit dem Kind? Arya hatte sich doch bereit erklärt dich auf dem Letzten Stück durch die Schwangerschaft zu begleiten. Hat sie....?"
Ein sorgenvoller, fragender Blick des Elfenfürsten wanderte zu Arya.
Narie schien die offene Sorge ihres Vaters zu beflügeln.
Mit neuem Mut in der Stimme versicherte sie:
"Nein, nein. Alles in Ordnung und mit Aryas Hilfe sollte das auch so bleiben."
Deutlich war zu sehen, das Fürst Efron aufatmete. Ernst fügte er dann aber an:
"Aber es gibt etwas das dich quält."-
Narie zögerte.
Arya legte ihrer Cousine die Hand auf die Schulter und drückte sanft. Kurz sahen die beiden Elfenfrauen sich an.
Arya bemühte sich Zuversicht auszustrahlen. Sie hoffte das Narie die stumme Botschaft verstehen und den direkten Weg gehen würde.
Als die Silberblonde Elfe sich wieder ihrem Vater zuwandte fragte sie:
"Ich mache mir etwas Sorgen Vater. Ich frage mich ob du mein Kind vielleicht ablehnst weil mein Gefährte ein Mensch ist."
Das Abbild von Fürst Efron atmete einmal tief durch. Der Elf legte eine Schreibfeder zur Seite und schob das Dokument an dem er gerade gearbeitet hatte in seine schützende Hülle zurück.
Schließlich blickte Efron seine Tochter wieder an.
"Was lässt dich das glauben? Der politischen Bewegung die sich gegen Bindungen unseres Volkes mit den Menschen ausgesprochen hat, habe ich doch schon lange den Rücken gekehrt."
"Es ging um deine Antwort auf die Nachricht von meiner Schwangerschaft." erklärte Narie. "Deine Antwort entsprach zwar den Regeln unseres Volkes aber sie wirkte so....kalt.....unpersönlich."
Narie verstummte.
Vater und Tochter sahen sich durch den Spiegel lange an.
"Also habe ich den Fehler wiederholt." flüsterte Fürst Efron schließlich. "Ein Weiser Mann unseres Volkes sagte einmal: Ein Fehler ist keine Schande. Schande ist es nur wenn man einen Fehler wiederholt weil man es versäumt aus dem ersten Fehler zu lernen."
Vater und Tochter verfielen in Schweigen.
Arya beschloss nun doch einzugreifen. Sie hatte dieses Gespräch angeregt und wollte versuchen es in die richtigen Bahnen zu lenken.
"Efron-Elda," hob sie an. "Ich habe Narie zu diesem Gespräch geraten. Nicht um Vorwürfe zu erheben sondern um Verständnis zu fördern. Eine Frage die nicht ausgesprochen wird kann zerstörerisch werden."
"Da hast du recht Arya." pflichtete Efron bei und fügte dann an seine Tochter gewandt hinzu:
"Ich habe nichts gegen dein Kind oder deinen Gefährten Tochter. Wirklich nicht. Und ganz sicher wollte ich nicht kalt wirken als ich auf deine Botschaft geantwortet habe. Indem ich mich genau an die Bräuche unseres Volkes gehalten habe wollte ich dich eben das wissen lassen. Nämlich, dass ich dein Kind nicht als geringer ansehe als eines, dass du mit einem elfischen Gefährten gehabt hättest."
Arya konnte sehen, dass ihre Cousine spürbar aufatmete.
Ihr Vater indes fuhr fort:
"Es ist wohl mit meine Schuld, dass du diese Angst hattest Tochter. Ich habe in der Vergangenheit politische Überzeugungen geäußert die deiner Sorge Vorschub leisten. Ich war ein Narr. Kein so großer als dass ich geglaubt hätte, dass uns einige gemischte Liebespaare an den Abgrund des Aussterbens bringen würden.
Allein dieser Gedanke ist lächerlich. Auf jedes Paar in dem Menschen und Elfen sich begegnen kommen hundert Lebensgemeinschaften in denen sich nur Elfen gegenüber stehen und bei den Menschen lässt sich die Anzahl nicht mal schätzen!
Als ich solche Reden schwang glaubte ich diese politische Strömung nutzen zu können um mir Gehör zu verschaffen.
Welch fataler Irrtum! Die Grausamkeit des Zirkels der Heiler hat mich eines Besseren belehrt.
Was diese Heiler unserem Volk angetan haben entspringt doch im Grunde dem Hass und der Furch vor dem Fremden der auch in meinen Reden zu finden war!
Eine abstoßende Vorstellung!
Diese Strömungen kann man nicht benutzen. Wenn man nicht acht gibt wird man von ihr hinfort gerissen und verliert sich selbst."
"Ich bin unglaublich erleichtert, dass du das sagst Vater." flüsterte Narie und Arya erkannte den feuchten Glanz in den Augen ihrer Cousine. "Aber was meintest du als du sagtest du hättest einen Fehler wiederholt?"
Das Abbild von Fürst Efron beugte sich etwas näher zum Spiegel und lächelte traurig.
"Wir, deine Mutter und ich, waren keine guten Eltern für dich Narie.
Arya konnte ihrer Cousine deutlich ansehen, dass dieses Eingeständnis ihres Vaters sie kalt erwischt hatte.
Sie wusste, dass es Spannungen zwischen Narie und ihren Eltern gegeben hatte aber noch nie hatte Efron Fehler von seiner Seite so offen eingeräumt.
Narie öffnete nun den Mund zu einer Antwort, musste diese aber schuldig bleiben.
Ihr Vater hob sanft Lächelnd die Hand.
"Es ist schon gut Tochter. Es ist die Wahrheit." versicherte er sanft. "Deine Mutter und ich, wir haben einfach die Regeln befolgt. Wir haben uns an die Richtlinien gehalten die man uns mit auf den weg gab als deine Mutter dich zur Welt brachte."
Efron machte eine Pause bevor er fortfuhr:
"Da Kinder in unserem Volk selten sind haben Männer und Frauen nur wenig Gelegenheit sich auf die Rolle als Eltern vorzubereiten. Daher flüchten wir uns oft in Regeln. So wie in so vielen anderen Bereichen unseres Lebens.
Eine davon besagt, dass man Kindern, so lange die Gabe sie erfüllt, an besonders vielen Lehrstunden in den verschiedensten Bereichen teilnehmen lassen soll.
Das soll Kindern helfen wenn die Gabe sie verlässt. Auf diese Weise sollen sie ihre wahren Talente entdecken.
Wenn die Gabe sie verlässt und sie sich mit einem mal schwer tun mit manchen Dingen soll man sie nicht zwingen weiter in einem bestimmten Bereich zu studieren. Man soll sie aus dem Unterricht nehmen und ihnen die Freiheit geben ihre eigenen Neigungen zu entdecken."
"Das habt du und Mutter getan." sagte Narie.
"Ja, aber wir haben die Regel befolgt ohne sie dir zu erklären Tochter!" beharrte Fürst Efron. "Wir hätten dir erklären müssen, das wir uns nicht für dich schämen oder enttäuscht von dir sind. Aber das haben wir nicht. Du musst dich gefühlt haben als hätten wir dich im Stich gelassen. Nicht wahr?"
Der feuchte Glanz in Naries Augen hatte sich noch verstärkt als sie nickte.
"Trotzdem ist es uns in den letzten Jahren gelungen eine Bindung zu entwickeln Tochter." fuhr ihr Vater fort. "Ein Umstand der mir sehr viel bedeutet. Und deshalb habe ich mich wieder in die Regeln geflüchtet als du mir von meinem zukünftigen Enkelkind erzählt hast. Ich dachte einmal mehr, dass sie mich vor einem Fehler schützen würden."
Vater und Tochter sahen sich einige Augenblicke nur schweigend an. Es war Fürst Efron der schließlich wieder das Wort ergriff:
"Hat Marek sich eigentlich schon auf die Suche nach einem Geburtsstein gemacht? Soweit ich weiß muss der Stein geweiht werden bevor das Kind auf die Welt kommt."
Narie blinzelte überrascht.
"Du weißt davon?" fragte sie gerührt.
"Dein Kind wird eines zweier Völker sein Narie. Ich habe mich über die Gebräuche der Bergnomaden informiert."
Arya musste schmunzeln. Einen besseren Beweis dafür, dass er sein Enkelkind wirklich nicht ablehnte hätte Fürst Efron gar nicht erbringen können.
"Ich denke ich werde mich zurückziehen." sagte sie sanft zu Narie und bemerkte erste Freudentränen auf den Wangen ihrer Cousine. "Ich glaube ihr braucht mich hier nicht mehr."
Respektvoll nickte Arya dem Abbild von Fürst Efron zu und zog sich dann zum Eingang des Arbeitszimmers zurück. Als sie die Tür hinter sich ins Schloss zog hörte sie Efron noch Fragen:
"Also? Sucht er bereits nach einem Geburtsstein?"
"Er ist gerade auf der Suche. Wir waren beide etwas überrascht wie eilig es dein Enkelkind nun doch hat."
Lächelnd schritt Arya davon.






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