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65. Der Augenblick

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Schmunzelnd beobachtete Eragon wie seine Tochter Marlena und ihr neuester Spielgefährte, ein dunkelhaariges Menschenmädchen des gleichen Alters, in einem der vielen Springbrunnen der Packanlage der Stadtfestung von Giel'ead, ein Modellschiff zu Wasser ließen.
Fast beneidete Eragon seinen Sprössling. Für Kinder zählte kein Titel und keine Abstammung. Sie war nur wichtig dass man sich gegenseitig sympathisch war und zusammen Spaß haben konnte.
Normalerweise konnte die Tochter des Schattentöters sich nicht für offizielle Treffen mit der Honoration einer Stadt begeistern. In diesem Fall lagen die Dinge jedoch ein wenig anders.
Noch gut erinnerte sich der Anführer der Drachenreiter an die schwierige Situation die es einmal mit dem alten Herzog Aurast und seinem missratenen Sohn Tjurin gegeben hatte. Bereits bevor dieser von dämonischen Geistern in einen Schatten verwandelt wurde hatte der Sohn des alten Herzogs sich einiges zu Schulden kommen lassen. Während seiner Zeit bei den Nachtfalken hatte Tjurin ein sehr inniges Verhältnis mit den weiblichen Bediensteten des königlichen Palastes gehabt. Eine der Mägde die er mit falschen Versprechungen geködert hatte war die Tochter eines angesehenen Händlers gewesen. Ihre Eltern hatten sie für ein Jahr in die Dienste des königlichen Palastes gestellt, damit sie trotz des Wohlstandes den ihre Familie genoss nicht überheblich wurde. Eine Lektion die bei der jungen Lorena durchaus Früchte getragen hatte. Leider war sie auf Tjurin getroffen und auf ihn hereingefallen.
Sehr zum Leidwesen des jungen Mannes war die Beziehung jedoch nicht ohne Folgen geblieben. Lorena war schwanger geworden und hatte, im Vertrauen auf Tjurins Schmeicheleihen, den Vater ihres Kindes gebeten Verantwortung dafür zu übernehmen. Bitter war sie enttäuscht worden.
Eragon konnte noch immer nicht fassen, dass Tjurin versucht hatte sein ungeborenes Kind und dessen Mutter heimtückisch zu ermorden. So sehr er sich auch anstrengte konnte er es nicht nachvollziehen.
Herzog Aurast war tief beschämt gewesen von seinem Sohn, verhielt sich aber glücklicherweise wie ein Ehrenmann.
Er tat nicht nur was man von ihm erwarten konnte sondern noch weit mehr. In einem Dokument erkannte er Lorenas Kind als seinen Enkel und Erben an. Die Kaufmannsfamilie hatte sich entschlossen der Hauptstadt den Rücken zu kehren und mit ihrer Tochter und ihrem ungeborenen Kind neu anzufangen. Auf Einladung von Herzog Aurast hin war die Familie nach Gil'ead übergesiedelt und verwaltete die Stadt nun zum Wohle des Reiches.
Dies taten sie im Namen von Lorenas Kind bis dieses alt genug sein würde um den Titel des Herzogs zu führen und selbst die Geschicke der ehemaligen Garnisonsstadt zu lenken.
Die Familie versah dieser Aufgabe äußerst kompetent und die gesamte Region profitierte von ihrer Sachkenntnis und Güte.
Lorenas Schwangerschaft war durch die dramatischen Begleitumstände glücklicherweise nicht beeinträchtigt worden. Sie hatte einer gesunden Tochter das Leben geschenkt und dass Mädchen war ihr ganzer stolz. Auch seine Großeltern, der Kaufmann Tormafell und seine Gattin Karina hatten ein sehr liebevolles Verhältnis zu ihrer Enkelin was Eragon besonders freute. Es war eine seiner Befürchtungen gewesen, dass die Familie womöglich nicht vergessen könnte was Tjurin ihnen angetan hatte. Glücklicherweise hatten sich diese Befürchtungen des Drachenreiters als unbegründet erwiesen.
Auch das Mädchen selbst, schien wenig von seinem Vater geerbt zu haben. Einige äußerliche Ähnlichkeit ließen sich nicht vermeiden aber die junge Kara hatte was den Charakter betrifft glücklicherweise nicht vom Wesen ohres Vaters geerbt. Marlena und sie waren auf Anhieb Freunde geworden und mit großer Begeisterung beschäftigten sich die beiden Kinder nun mit einem Geschenk, das Herzog Aurast seiner Enkelin gemacht hatte. Ein Modellschiff, welches die beiden gerade vom Stapel laufen ließen.
Es erleichterte Eragon ungemein, dass das Herzog Aurast und Lorenas Familie tatsächlich gelungen war ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Der alte Herzog hatte sich auf einen Landsitz außerhalb von Gil'ead zurückgezogen um dort seinen Lebensabend zu verbringen. Nachdem seine Enkelin geboren war hielt es Lorena jedoch für wichtig, dass ihre Tochter auch ihren anderen Großvater kennen lernte. Toramfell hatte diesem Ansinnen seiner Tochter zunächst skeptisch gegenübergestanden doch Karina hatte Lorena unterstützt. Die Gattin des Kaufmannes war der Meinung gewesen, dass man eine Person nicht nach den Taten eines Verwandten beurteilen durfte. Ihr Gemahl hatte schließlich einräumen müssen, dass sich der alte Herzog in dieser schwierigen Situation durchweg ehrenhaft verhalten hatte. Immerhin hatte er seinen Enkel anerkannt und sie zum Erben eines Adelstitels sowie eines beträchtlichen Vermögens gemacht.
Aurast hatte sich sehr über die Möglichkeit gefreut seine Enkelin aufwachsen zu sehen und ein Teil desen Lebens sein zu dürfen. Nach einiger Zeit war auch zwischen Toramfell und dem ehemaligen Krieger der Varden das Eis gebrochen. Inzwischen verband die beiden Männer eine Freundschaft und sie trafen sich regelmäßig zu Gesprächen oder Jagdausflügen.
Eragon war sehr erfreut gewesen als er dies von der Kaufmannsfamilie erfahren hatte als diese ihn und Arya in der Stadt begrüßte. Zwar hatte er den Herzog während des Krieges nicht näher kennen gelernt aber es hatte Saphiras Reitern in der Seele weh getan einen verdienten Kämpfer für die Freiheit so geschockt und gebrochen zu sehen. Er hatte Besseres verdient und in Form seiner Enkelin auch erhalten.
"Ich bin wirklich beeindruckt wie viel Einfühlungsvermögen die Familie von Toramfell hier an den Tag legt."
Arya trat zu ihrem Gefährten und setzte sich neben ihn an das Fenster ihres Quartiers.
Man hatte den beiden berühmten Reitern ein großzügiges Gemach zugewiesenen und nach dem Begrüßungsformalitäten hatten sich die beiden dorthin zurückgezogen um sich auf die Ankunft der übrigen Gäste vorzubereiten. Es sollte einen kleinen Empfang geben. Schließlich besuchte der König der Elfen die ehemalige Garnisonsstadt.
In Vorbereitung auf die Feierlichkeiten hatten Eragon und Arya damit begonnen sich ein wenig zurechtzumachen. Ein gründliches Bad sowie frische Kleider waren es auf Eragon Seite gewesen und Arya passte sich wie üblich den menschlichen Gebräuchen an und wechselte ihrer Reisekleidung gegen ein elegantes Kleid aus grüner Seide ein welches ihre Eleganz und Schönheit betonte. Eragon musste sich alle Mühe geben seine Gefährtin nicht anzustarren. Gerade war die Elfen noch dabei ihr langes Haar zu bürsten. Das Reisen auf den Schwingen eines Drachen mochte einmalig sein was die Geschwindigkeit betraf einer geordneten Frisur war es jedoch abträglich. Eragon zweifelte jedoch nicht, dass Arya ihrer Haarpracht bald in einen seidigen Wasserfall verwandelt haben würde.
"Du hast recht." Erwiderte Eragon nun. "Die Kaufmannsfamilie hat wirklich Weise entschieden was die Unterbringung der Elfen und der Gäste aus dem Norden betrifft."
Der Anführer der Reiter erinnerte sich wie Toramfell und seine Frau Karina ihnen ihre Vorbereitungen gezeigt hatten. Der Empfang für die hohen Gäste sollte im Park der Stadtfestung stattfinden. Ein ehemaliger Exerzierplatz war in ein Meer aus malerischen Buschgruppen und Blumenbeeten verwandelt worden. Mit weißem Split gestreute Wege führten durch den Park und vier Teiche sowie Springbrunnen verliehen dem Ort Lebendigkeit. Einer dieser Brunnen diente nun als Ozean für Marlena und ihrer neuen kleinen Freundin. Der Park war mit Girlanden dekoriert und kunstvolle Laternen würden ihn in sanftes Licht tauchen auch wenn der Abend herauf zog. Da hier auch Eltern auf verloren geglaubte Kinder treffen würden hatte man in der Grünanlage auch Orte geschaffen die von neugierigen Blicken geschützt waren und an die sich kleine Gruppen für private Gespräche zurückziehen konnten.
Durch ein mit einem Fallgitter gesicherten Tor konnte man die Mauern der Stadtfestung hinter sich lassen und in eine zweite Grünanlage treten die auch dem einfachen Volk zugänglich war. Zumindest normalerweise war dies der Fall. Heute hatte man diese Grünanlage abgeriegelt und aus leichtem Holz und Stoffbahnen Unterkünfte geschaffen die sowohl den Elfen als auch den Gästen aus dem Norden zur Verfügung gestellt werden sollten. Karina, die Gattin des Händlers, zeichnete sich für diese Entscheidung als verantwortlich aus. Aufgeregt hatte sie erklärt, dass sie viel über das Volk der Elfen gelesen hätte und bei ihren Studien erfahren hätte, dass Aryas Volk sich in Steinbauten kaum wohl fühlen würde. Sie hatte beteuert, das nicht als Beleidigung zu verstehen sei, dass man die Gäste nicht in die Stadtfestung einlud aber sie war überzeugt gewesen, dass Nähe zur Natur für das schöne Volk besser geeignet war.
Ein Blick in die Unterkünfte hatte genügt um die Worte der Kaufmannsfrau zu bestätigen. Die Zelte waren leicht und luftig gehalten aber mit einer guten Kombination aus Zweckmäßigkeit und Eleganz ausgestattet. Kein Gast würde sich über einen Mangel an Komfort beklagen können. Arya war sehr erfreut gewesen über die Bemühungen der Familie und hatte sich ausführlich bei ihnen bedankt.
"Es berührt mich fast wie bemüht unsere Gastgeber sind." Ließ sich die Elfe wieder vernehmen während sie weiter über ihr Haar strich. "Es zeigt dass es uns wirklich gelungen ist die Völker einander näher zubringen. Nicht nur hätte es kurz nach dem Krieg soviel Respekt nicht gegeben sondern auch gar nicht das Wissen darum wie mein Volk gerne untergebracht wird."
Eragon konnte seiner Gefährtin nur stumm beipflichten und hob dann schnell die Hand zu einem Gruß. Marlena hatte ihre Eltern am Fenster entdeckt und winkte ihnen aus dem Park ausgelassen zu. Lächelnd erwiderten Vater und Mutter den Gruß.
Als das kleine Modellschiff wieder ins Zentrum des Interesses des kleinen Mädchens rückte spürte Eragon jedoch dass der Blick seiner Gefährtin auf ihm ruhte. Augenblicke später fühlte der Reiter wie die Elfe seiner Hand ergriff.
"Bedrückt dich etwas?"
Eragon sah praktisch vor sich wie sich eine bittere Note auf sein Gesicht schlich.
"Als die Familie dir die Unterkünfte gezeigt hat habe ich ein paar Worte mit Murtagh wechseln können. Nasuada will nun bald als Königin zurückgetreten und die Krone an ihren Sohn weitergeben. Die beiden wollen sich dann aufs Land zurückziehen. Ich freue mich für meinen Bruder und meine ehemalige Lehnsherrin. Aber er hat auch wieder erwähnt, dass die beiden immer noch damit rechnen, dass Murtaghs Magie auch Nasuadas Leben wie das eines Reiters verlängern kann."
Eragon spürte sie Aryas griff einen Hauch fester wurde. Mehr war nicht nötig um ihn zu signalisieren dass sie verstanden hatte.
"Wir haben schon einmal versucht mit Murtagh darüber zu reden aber..... Mein Bruder kann ein ziemlicher Dickkopf sein."
Eragon blickte nun in Aryas Gesicht.
"Denkst ich sollte noch einmal versuchen mit ihm zu reden. Zu ihm durchzudringen und ihm die Schwierigkeiten bewusst zu machen?"
Arya erhob sich, ohne dabei die Hand ihres Gefährten loszulassen und ihr Blick wanderte durch das Fenster in die Ferne. Schließlich sagte sie:
"Ein Dichter meines Volkes hat einmal geschrieben, dass der Himmel mit den Sternen die dem Seefahrer den Weg weisen die Vergangenheit wäre. Jeder Stern ist eine Erfahrungs die uns hilft den Kurs zu bestimmen. Der unergründlichen Ozean ist die Zukunft. Alles kann uns auf ihm begegnen, alles kann geschehen und wir wissen nicht was uns hinter dem Horizont erwartet. Der Augenblick indem wir jetzt gerade leben ist ein Schiff. Dieses Schiff steuern wir. Die Erfahrungen der Vergangenheit weisen uns den Weg und die Zukunft ist ungewiss."
Arya blickte wieder zu Eragon.
"Die Vergangenheit deines Bruders ist voller Leid, Verlust und Schmerz. Sicherlich kann der Kurs den er mit seinem Schiff steuert ihn in stürmische Gewässer führen aber ich denke nicht, dass du ihn von diesem Kurs abbringen solltest. Es ist keineswegs sicher, dass eine neue Richtung ihn nicht auch zukünftig in Gefahren führen würde. Der Augenblick ist alles was wir haben Eragon. Alles was wir wirklich beeinflussen können. Lass deinem Bruder das Glück dieses Augenblicks."
Eragon dachte über die Worte nach und konnte seiner Gefährtin nur zustimmen. Er hatte Befürchtungen was die Zukunft anging aber es waren keine in Stein gemeißelten Vorhersagen. Wie viel Zeit Murtagh und Nasuada auch immer vergönnt war sie verdienten es beide sie glücklich zu verbringen.
Zustimmend lächelnd blickte er zu Arya auf und zog die Elfe dann sie sich auf seinen Schoß.
"Schattentöter, was hast du denn jetzt vor?" erkundigte sich Arya gespielt überrascht während sie die Arme um den Hals ihres Gefährten legte.
"Ich danke meinem Glücksstern, dass er mir einmal mehr den richtigen Kurs aufgezeigt hat." flüsterte Eragon und überbrückte dann die letzten Zentimeter wie seine Lippen noch von Aryas trennten.



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