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140. Die Entscheidung einer Mutter

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Marlena konnte nicht anders. Freudentränen liefen ihr über die Wangen. Das Glück der beiden Drachen über ihren Nachwuchs flutete über die kleine Lichtung wie warme Sonnenstrahlen.
Müde trottete die junge Drachendame Ester auf ihr Gelege zu.
Ihr grauer Nistpartner rückte mit liebevoller Zärtlichkeit die beiden Eier auf dem Polster aus Moos zurecht.
Durch die geistige Verbindung zu ihren Begleitern spürte Marlena, dass Kenai vor Energie brannte. Er dachte darüber nach zu den Dracheneltern zu treten um ihnen zu gratulieren.
Die junge Halbling verstand diesen Impuls aber ein solches Verhalten wäre unangebracht. Sie schickte einen warnenden Gedanken an den jungen Reiter.
-"Ich wollte nur....." rechtfertigte sich Kenai. -"Wenn bei uns im Norden ein Kind geboren wird dann ist es nur üblich den Eltern zu gratulieren."-
-"Und die Zeit dafür wird kommen."- versicherte Marlena. -"Aber Drachen sind anders Kenai. Sie passen sich uns Zweibeinern mehr an als wir glauben! Aber hier, jetzt in diesem Moment sind diese Wesen ganz sie selbst und es ist deshalb eine doppelt große Ehre, dass sie uns hier dulden. Auf keinen Fall darfst du den Ablauf stören indem du ihnen jetzt unsere Verhaltensweisen aufzwingst. Nicht bis die Geburt wirklich abgeschlossen ist!"-
-"Ich dachte die Geburt wäre abgeschlossen."-
Alonvy schaltete sich nun in die Unterhaltung der beiden Reiter ein. Ihr sanftes Lachen perlte durch die Gedanken der beiden jungen Reitern wie ein warmer Sommerregen.
-"Bei euch Zweibeiner vielleicht du Küken aber nicht bei uns Himmelskindern. Ester hat noch eine letzte Pflicht."-
-"Und welche?"- wollte Irucans Reiter nun wissen.
Es war der dunkelblaue Drache der seinem Reiter antwortete:
-"Es gibt kein Wort bei den Zweibeinern dafür. Einfach weil es diesen Vorgang bei euch nicht gibt. Am ehesten könnte man es die geistige Trennung nennen."-
-"Was ist das?"-
Kenais Frage veranlasste Irucan einen hilfesuchenden Blick zu Marlena und Alonvy zu werfen.
Die weiße Drachendame seufzte und begann zu erklären.
-"eine Drachenmutter ist mit ihren Küken nicht nur körperlich verbunden sondern auch im Geist. Ihre Seele nährt die ihrer ungeborenen Kinder und nachdem die Drachen geboren sind muss diese Verbindung gelöst werden damit die Küken wirklich zu eigenständigen Wesen werden. Danach verschließen die Küken ihren Geist in ihren Eiern fest wie die Knospe einer Blume und erst wenn sie spüren, dass der Zeitpunkt gekommen ist ihr Ei zu verlassen öffnet sich ihr Geist wieder."-
Marlena ergänzte:
-"Deshalb konnte Galbatorix auch nicht den wahren Namen der Drachenküken herausfinden, die in den eiern ruhten die er gestohlen hatte. Nicht einmal er mit all seiner Macht hätte die geistigen Schilde durchbrechen können die so ein ungeschlüpfter Drache um sich legt."-
Nun übernahm Alonvy wieder die Erklärungen:
-"Deshalb konnten auch nicht mehr Eier im Verließ der Seelen Unterschlupf finden. Vertrauenswürdige Reiter unter Varls direktem Befehl bereisten mit Eldunarí die später im Verließ der Seelen untergebracht werden sollten das Land, das noch nicht von den Verrätern besetzt war und boten Drachenmütter die vor der Niederkunft standen an ihre Eier im Felsen von Kuthian in Sicherheit zu bringen. Dazu war es aber nötig, dass Drachenmütter sich zwar im Geist von ihren Küken trennten aber die Seelen horte diese Bindung übernahmen. Das war nämlich der Zauber der die Kücken vom Schlüpfen abhielt. Nur so konnten die Eldunarí eine geistige Verbindung mit den ungeschlüpften Drachen aufbauen und sie in ihren Eiern halten. Ihr Geist und ihre Erinnerungen verhinderten, dass das Bewusstsein der jungen Drachen Schaden nahm während der langen Nacht der Wyrdfell!"-
-"Außerdem ist dieser Moment auch für die Drachenreiter wichtig."- führte Marlena weiter aus.
Die grüne Drachendame Ester stand indes vor dem Nest in dem ihre Eier ruhten. Liebevoll blickte sie auf das gelbgoldene und das rote Ei hinab.
-"Jetzt entscheidet sich nämlich ob ein Ei den Reitern übergeben wird."- erklärte die junge Halbling. -" Die Drachenmutter betrachtet ein letztes Mal die Seelen ihrer jungen und entscheidet ob die Küken eher das Herz eines Wilden besitzen oder eine Seele die sich einem Zweibeiner ganz und gar öffnen kann. Das ist die Entscheidung der Mutter und nur ihre."-
-"Warum nur die Mutter? Das finde ich aber etwas ungerecht."- gab Kenai zurück.
Irucan stieß einen Laut aus der wohl, bei einem Zweibeiner, ein verlegenes Hüsteln gewesen wäre.
Fragend blickte der junge Reiter aus dem Norden seinen Seelenbruder an, dann jedoch spürte er Marlenas und Alonvys vorwurfsvollen Blick auf sich.
-"Was?"- fragte er unsicher.
-"Die Mütter tragen die Kinder unter dem 'Herzen über Monate, sie schützen sie mit ihrem Fleisch, nähren ihre Seelen, ertragen die Strapazen der Geburt aber wenn sie, als die einzigen Wesen die in die Seele der jungen Drachen blicken können, diese Entscheidung allein treffen, dann ist das ungerecht?"-
Der junge Reiter war unter Alonvys Worten zusammengeschrumpft.
-"Doch, irgendwie schon."- war seine sehr zögerliche Antwort.
Marlena und Alonvy blickten sich an.
-"Typisch Mann?" -fragte die junge Halbling.
-"Voll und ganz!"- bestätigte die weiße Drachendame. -"Zwei- oder Vierbeiner, ganz egal. Alles das selbe!"-
Kenai wollte widersprechen doch Irucan fuhr ihm über den Mund:
-"Hör auf! Sei lieber froh und dankbar das es es weder bei us Drachen noch bei euch Zweibeinern so geregelt ist wie bei der Spinnenart die Meisterin Narie kürzlich bei einem ihrer Erkundungsflüge hier entdeckt hat."-
Marlena wusste, dass sich ihre Tante besonders der Aufgabe verschrieben hatte die Tier und Pflanzenwelt in diesem unerforschten Teil der Welt aufzuzeichnen. Ihre Bemühungen hatten nicht nur im Orden anklang gefunden. Auch das Volk der Elfen hatten die Bemühungen einer ihrer ältesten Reiterinnen zu schätzen gewusst. Narie war sehr stolz gewesen zu erfahren, dass ihre Aufzeichnungen in die Bibliothek von Ellesméra auffgenommen worden waren. Eine hohe ehre und Balsam für die Seele einer Elfe die in ihrer Jugend so von Selbstzweifeln geplagt gewesen war.
-"Was haben den jetzt irgendwelche Spinnen mit dieser Sache zu tun?"- wollte Kenai von seinem Drachen wissen.
Irucan ließ sich nicht lange bitten:
-"Diese Spinnenart, Meisterin Narie hat ihr den Namen "schwarze Witwen" gegeben frißt ihr Männchen nach vollzogener Paarung"-
Marlena musste sich in die Wange beißen und mit beiden Händen in die Oberschenkel kneifen um nicht laut loszulachen.
Auch Alonvys Flanken zitterten verdächtig.
Irucan sprach indessen weiter:
-"Es ist die Aufgabe der Mutter dies zu entscheiden weil nur sie die besondere Verbindung zu den Küken hat. Sicher, andere können diese Verbindung übernehmen, so wie es die Eldunarí im Verließ der Seelen getan haben aber kein anderer Drache wird je so vollständig begreifen was er da sieht wie die Mutter. Das ist keine Beleidigung an uns Männer und soll auch nicht bedeuten, das Esters Partner seine Kücken weniger liebt als seine Nistpartnerin. Es ist einfach eine Wahrheit der Natur."-
Mit dieser Erklärung gab sich Kenai offenbar zufrieden.
Auch Marlena und Alonvy hatten ihre Gefühle wieder unter Kontrolle und beobachteten nun Ester die immer noch gebannt ihre Eier anblickte.
Langsam senkte sich das Haupt der grünen Drachendame herab bis sie die goldgelbe Schale des ersten Eis berührte. Kurz schloss Ester die Augen und summte einige Sekunden behaglich. Dann, ganz plötzlich zog sie ihren Kopf zurück und öffnete die Augen.
Alle anwesenden begriffen sofort: Die erste Trennung war vollzogen.
Ester wandte sich nun dem dunkelroten ei zu. Wieder berührte sie fast zärtlich die Schale und begann zu summen. Diesmal dauerte der Vorgang länger und Ester zog ihren Kopf erst nach einigen Minuten langsam zurück.
Sie blickte zu ihrer Schwester und dann zu ihrem Nistpartner. Beide Drachen hielten den blickkontakt einige Augenblicke Aufrecht und schlugen dann die Augen nieder. Eine stumme Zustimmung schien in dieser Geste zu liegen.
Ester ergriff das Rote ei behutsam mit den Zähnen und trug es zu Marlena hinüber.
Die junge Reiterin erhob sich sofort. Ester blieb vor ihr stehen, dann senkte sie ihr Haupt.
Marlena streckte sofort die Hände aus und empfing das rote Ei.
-"Sein weg ist der eure."- erklärte die Drachendame als sie das Ei übergeben hatte.
Marlena nickte verstehend. Sie wusste was nun zu tun war. Mit einer Hand hielt sie das Drachenei vor sich, die Hand die ihr Drachenmal trug legte sie auf die Schale. Die junge Halbling öffnete sich dem Lied des Lebens um sie herum und begann, im Einklang mit dem Leben um sie herum den Segen über dem roten ei zu sprechen der das Kücken auf die Suche nach seinem Reiter schicken würde.
Fast 10 Minuten sang Marlena mit flüsternder Stimme zu dem Ei. Alonvys beruhigende Gegenwart begleitete den Strom ihrer Erinnerungen und sicherte Marlena. Nicht einmal geriet sie ins Stocken.
Als die letzten Worte des Segens gesprochen wurden schien das Drachenei noch einmal von innen heraus aufzuleuchten. Noch einmal sah man die Umrisse des Kükens in seiner schützenden Hülle. Dann erstarb das Licht. Der Segen war vollzogen. Der ungeborene Drache hatte ihn angenommen!
Marlena blickte zu Ester auf. Die Grüne Sante ihr eine welle aus Wohlwollen und Dankbarkeit. Dann wandelte sich der Strom ihrer Gefühle zu der höflichen Bitte nun zu gehen.
Ein gedämpftes Quicken war zu hören.
Marlena erkannte, dass Esters anderes Ei bereits verdächtig schwankte.
Die junge Halbling nickte verstehend, verneigte sich noch einmal vor der jungen Drachendame und bedeutete ihren Begleitern dann ihr zu folgen.
-"Ich hätte den kleinen Drachen gern gesehen."- murmelte Kenai als sich die Gruppe entfernte.
hinter den beiden Reitern und ihren Drachen war ein erstes Knacken zu hören.
-"Das verstehe ich."- versicherte Marlena. -"Aber diese Drachen haben uns heute bereits ein großes Geschenk gemacht. Zumindest dieser Moment sollte ganz ihnen gehören findest du nicht?"-




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