156. Angst um die Babys II

862 22 7
                                        

Veröffentlicht am 21.06.2021

FREDERIK
Ich gehe im Gang auf und ab.

Da sehe ich, dass Dr. Saskia Smolka kommt. Ich stelle mich ihr in den Weg.
Ich:"Was ist mit Tabea?"
Saskia:"Das weiß ich nicht. Ich bin gerade erst gekommen und werde mich mit Miriam besprechen."
Ich:"Ich will dabei sein."
Saskia:"Nein. Du wartest hier. Ich möchte mit ihr alleine sprechen."
Ich:"Vielleicht kann ich helfen?"
Saskia:"Aktuell hilfst du uns wenn du wartest." und geht an mir lang in die Schwesternkanzel zu Miriam.

Minuten vergehen bis endlich Tabea von Schwester Anna im Rollstuhl um die Ecke geschoben wird. Mit schnellen Schritten gehe ich zu ihr. Anna stoppt. Ich hocke mich zu Tabea.
Ich:"Hi. Wie geht es dir?"
Tabea:"Besser, wobei ich das Gefühl habe, das irgendwas nicht stimmt."
Ich:"Hast du Schmerzen?"
Sie schüttelt ihren Kopf.
Ich:"Saskia ist gekommen. Sie werden uns bestimmt gleich mitteilen was los ist."
Tabea nickt leicht.
Anna:"Ich bringe dich aufs Zimmer." und schaut zu mir. "Du kannst mitkommen."
Sie schiebt Tabea in ihr Zimmer.

Tabea legt sich ins Bett. Anna stellt ihr die Rückenlehne höher.
Anna:"Kann ich noch was für dich tun?" und schaut zu Tabea.
Tabea:"Nein."
Anna:"Ok. Wenn was ist klingelst du. Ein Arzt wird vermutlich auch gleich zu euch kommen."
Sie verlässt das Zimmer.

Ich nehme mir einen Stuhl, stelle diesen neben Tabeas Bett und setze mich darauf hin.
Ich:"Es wird gleich jemand kommen und uns mitteilen was los ist."
Tabea:"Das denk ich auch." stockt, "Es war komisch. Erst dachte ich, es seien Tritte, nur es war anders wie sonst. Es hörte nicht auf. Es war gleichbleibend." und schaut mich an.
Ich:"Es ist gut, dass du dich gemeldet hast und es wurden Untersuchungen gemacht. Jetzt müssen wir warten."

Es klopft an der Tür. Saskia und Dr. Miriam Dietz kommen herein. Sie kommen zu uns.
Saskia:"Hallo zusammen. Wie geht es dir Tabea?"
Tabea:"Ganz ok. Was hat das MRT ergeben?"
Saskia atmet tief durch. "Das MRT hat etwas gezeigt, was ich im Ultraschall nicht sehen konnte. Ein Baby hatte einen Krampfanfall. Dieser ist im MRT abgeklungen.", stockt, "allerdings wird es nicht der Erste gewesen sein."
Mein Blick geht zwischen Tabea und Saskia hin und her.
Saskia:"Im MRT ist zu sehen, dass das Gehirn des Babys nicht ausgereift ist. Es zeigt weiße Stellen auf. Das Baby ist nach dem Krampfanfall eingeschlafen, so dass nicht gesehen werden kann, wie es sich verhält."
Ich:"Du meinst, ob es lebt?"
Saskia:"Leben tut es. Das Herz schlägt. Nur weiß ich nicht, in welchem Zustand es sich befindet."
Ich:"Dann musst du es wecken."
Saskia:"Das kann ich nicht. Wir müssen abwarten bis es aufwacht."
Ich schaue zu Tabea.
Tabea:"Was bedeutet das für das Baby?"
Saskia:"Ich möchte euch nichts vormachen. Euer Baby ist krank. Die Krampfanfälle kommen, weil es im Gehirn nicht ausreichend entwickelt ist."
Tabea:"Was können wir tun, damit es sich besser entwickelt?"
Saskia:"Nichts", stockt, "das Gehirn des Babys ist von Anfang an geschädigt gewesen. Irrevarsibel. Es tut mir Leid euch das sagen zu müssen, aber es wird ein Pflegefall sein. Vielleicht wird es auch noch im Bauch sterben."
Tabea schüttelt ihren Kopf.
Ich:"Da muss man doch was tun."
Saskia:"Ja, allerdings müssen wir an der Stelle auch an den anderen Zwilling denken und an Tabea. Sie könnte Medikamente nehmen um das Krampfen einzuschränken, aber der gesunde Zwilling würde es mitnehmen und hätte nach der Geburt einen Entzug durchzumachen. Es kann wegen der Medikamente zu Hirnschäden kommen. Und ob und wie es diese verträgt wissen wir nicht."
Tabea:"Wenn es eine Möglichkeit ist würde ich es machen, aber wenn ich damit dem anderen Kind schade? Was würdest du raten?" und schaut zu Saskia.
Saskia:"Ich würde die nächsten Stunden abwarten und schauen wie das Baby den langen Krampfanfall weggesteckt hat. Im Ultraschall werde ich sehen können, ob es sich bewegt."
Ich:"Es hat sich doch nachmittags auch bewegt."
Saskia:"Das stimmt. Ich konnte da nicht erahnen, dass es krank ist."
Ich schaue zu Tabea, welche besorgt aussieht.
Saskia:"Ich hätte euch gerne anderes mitgeteilt. Habt ihr noch Fragen?"
Tabea:"Wie hoch sind die Chancen, dass es ein normales Leben führen wird?"
Saskia:"Was verstehen wir unter normal? Es wird immer auf Hilfe angewiesen sein."
Ich:"Und was ist wenn die Kinder jetzt geholt werden?"
Saskia:"Davon rate ich ab. Insbesondere zum Schutz des gesunden Zwillings. Die Chance, dass das Baby das überlebt ist sehr gering."
Tabea:"Also warten wir bis das Baby wach ist?"
Saskia nickt. "Ich denke in 3 bis 4 Stunden ist es soweit und ich kann ein Sono machen. Bis dahin solltet ihr versuchen zur Ruhe zu kommen. Wenn was ist könnt ihr euch jeder Zeit bei mir melden."

TABEA
Saskia und Miriam verlassen das Zimmer.
Ich schaue zu Frederik. Ich sehe seine Besorgnis. Schweigend schaut er mich an.
Ich weiche mit meinem Blick von ihm und schaue an die Wand. Minutenlang kreisen Gedanken in mir. Ein krankes Kind. Wie konnte das passieren? Scheinbar war es von Anfang an so. Wenn ich den Krampfanfall nicht gespürt hätte, dann hätten wir es erst bei der Geburt erfahren. Wäre mir das lieber gewesen? Nein. Ich bin ein Mensch, der wissen möchte was los ist. Nur so kann ich mich darauf einstellen.
Frederik durchbricht die Stille. "Wir schaffen das zusammen."
Ich nicke.
Frederik:"Was denkst du gerade?"
Ich:"Ich frage mich, warum es so ist. Warum wird uns das zugemutet? Warum dürfen wir kein Glück erfahren?"
Frederik:"Wir haben Glück erfahren, indem du schwanger bist."
Ich:"Mit einem kranken Kind."
Frederik:"Und einem Gesunden."
Ich nicke.
Frederik reicht mir seine Hand. Ich nehme sie.
Wir halten diese eine Zeit lang.

Frederik lässt sie los. "Du solltest versuchen zu schlafen."
Ich:"Ich kann jetzt nicht schlafen. In mir kreisen so viele Gedanken."
Frederik:"Ich auch, nur bringt es uns aktuell nicht weiter. Was hältst du davon wenn wir Fernseh schauen?"
Ich:"Ablenkung klingt gut."

Ich stelle den Fernseher an, zappe durch bis ich eine Sendung finde, die wir schauen wollen.
Ich lehne mich zurück und sehe, wie Frederik seinen Stuhl verschiebt um besser sehen zu können und sich auch zurück lehnt.

Das verlorene KindGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt