Veröffentlicht am 19.10.2021
TABEA
Es ist der 2.05. um 14 Uhr.
Ich habe ein bisschen gegessen. Hunger hatte ich nicht. Ich habe mich zum Essen gezwungen.
Ich schaue auf mein Handy. Kollegen und Frederiks Eltern und Brüder haben mir geschrieben. Frederiks Familie erkundigt sich nach dem Gesundheitszustand von uns. Sie werden auch noch zu Besuch kommen. Meine Kollegen teilen mir mit, dass sie an mich denken und ich mich melden kann, wenn ich was brauche.
Ich frage mich, ob Frederik gerade wohl denken kann? Wenn ja, an was denkt er? Ich habe ihn nie gefragt, ob er denken konnte als er letztes Mal im Koma lag. Werde ich ihm die Frage noch stellen können? Wird er wieder aufwachen?
Tränen schießen in meine Augen. Mir fallen so viele Sachen ein, die ich mit Frederik zusammen machen möchte und was ich ihn noch fragen möchte. Bitte, gib mir die Chance, dass ich das kann, und schaue aus dem Fenster zum blauen Himmel.
Plötzlich spüre ich, dass mein Bauch hart wird. Es ist so, wie in der Nacht", und ich merke, dass es falsch ist. Ich drücke die Klingel.
Die Tür öffnet sich und Schwester Nancy kommt ins Zimmer.
Nancy:"Hallo Tabea. Du hast geklingelt. Was kann ich für dich tun?"
Ich:"Mein Bauch ist wieder hart." Ich spüre, dass er weich wird. Mein ungutes Gefühl wird stärker. Ich lege meine Hände auf meinen Bauch."Es hat aufgehört."
Nancy:"Ich rufe Saskia an." und geht auf den Flur.
Da sie die Tür einen Spalt offen lässt kann ich hören, wie sie mit Dr. Saskia Smolka telefoniert.
Sie kommt wieder ins Zimmer.
Nancy:"Saskia kommt sofort. Ich soll dich schon mal in einen Behandlungsraum bringen. Kannst du im Rollstuhl sitzen oder soll ich dich im Bett hinfahren?"
Ich:"Ich kann sitzen."
Nancy holt einen Rollstuhl. Ich setze mich hinein und sie schiebt mich in den Behandlungsraum. Ich lege mich auf die Liege.
In dem Moment kommt Saskia rein.
Saskia:"Hallo Tabea. Was ist passiert?"
Ich:"Mein Bauch war plötzlich wieder hart. Es war genauso wie heute Nacht." und schaue verzweifelt zu ihr. "Da stimmt was nicht."
Saskia:"Ich mach ein Sono. Dann wissen wir mehr. Machst du bitte deinen Bauch frei?"
Wortlos mache ich es und sie beginnt mit dem Ultraschall. Sie geht hin und her und schaut auf ihren Bildschirm. Dann schaut sie zu mir. "Möchtest mitschauen?"
Ich nicke
Sie macht den großen Bildschirm an, der an der Wand hängt.
Saskia:"Das ist Baby Nr. 1. Es bewegt sich. Es ist alles so wie es sein soll." Langsam geht sie zum nächsten Baby. "Das ist Baby Nr. 2. Leider bewegt es sich nicht mehr.", stockt, "Das Herz schlägt nicht mehr."
Wie sie das ausgesprochen hat wird es still. Ich starre auf den Bildschirm. Ich hoffe so sehr, dass sich doch was bewegt, aber es passiert nichts. Plötzlich ist das Bild schwarz. Saskia hat das Sono beendet.
SASKIA
In solchen Momenten mag ich meinen Beruf nicht.
Ich:"Tabea, es tut mir sehr Leid."
Ich merke, dass sie nicht reagiert. Vorsichtig lege ich eine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckt zusammen.
Ich:"Ich wollte dich nicht erschrecken." und nehme meine Hand von ihrer Schulter.
Ihr Blick geht zu mir.
Ich:"Es tut mir sehr Leid."
Tabea:"Du kannst nichts dafür. Was muss jetzt gemacht werden?"
Ich:"Wir müssen schauen, wie wir es mit dem anderen Baby machen."
Tabea:"Es muss geholt werden."
Ich:"Nicht unbedingt. Ich habe vorhin mit Dr. Kraft gesprochen und er erzählte mir von einer neuen Möglichkeit. Es besteht die Möglichkeit, dass 2. Baby von der Plazenta zu trennen. Somit würde das 1. Baby weiterhin davon ernährt und es besteht keine Gefahr der Vergiftung darüber. Der Eingriff würde minimalinvasive erfolgen. Nur drei kleine Schnitte. Dadurch sinkt das Infektionsrisiko."
Tabea:"Aber?"
Ich:"Es gibt Risiken. Es wäre ein Eingriff im Mutterleib. Dieser kann Wehen auslösen und es kann zur Geburt führen. Zudem kann dabei das Baby verletzt werden."
Tabea:"Und sterben."
Ich:"Ja."
Tabea:"Wenn das Baby jetzt kommt stirbt es. Wenn es wegen Komplikationen kommt stirbt es. Wenn es vergiftet wird stirbt es. Es stirbt immer. Egal was gemacht wird."
Ich:"Nein. Es kann überleben. Die Frühchenstation ist gut ausgestattet. Das weißt du auch."
Tabea:"Es ist ein Zwilling. Schon beim Einling ist es in der 29. Schwangerschaftswoche schwer. Beim Zwilling noch mehr."
Ich:"Dein Baby kann noch wachsen. Allerdings gibt es Risiken für dich als Mutter. Es kann trotz minimalinvasiven Eingriff zu einer Infektion kommen, zu starken Blutungen und zu Verletzungen der Gebärmutter. Das wäre eine Gefahr für dein Leben."
Tabea schaut zum schwarzen Bildschirm.
Ich:"Ich würde dir auch lieber anderes erzählen. Allerdings muss ich dich darauf hinweisen, dass wir schnell handeln sollten, um eine Vergiftung des anderen Babys zu verhindern."
Ruckartig schaut sie mich an.
Tabea:"Was ist mit Frederik? Ist er wach?"
Ich schüttel meinen Kopf.
Tabea sagt leise:"Dann muss ich es alleine entscheiden."
Ich:"Ich helfe dir gerne bei der Entscheidung. Du kannst mir alle Fragen stellen. Gerne rufe ich auch jemanden für dich an."
Tabea:"Das brauchst du nicht. Ich werde nicht zulassen, dass mein Baby stirbt, weil ich es nicht geholfen habe. Ich möchte die OP."
Ich:"Bist du dir wirklich allen Risiken bewusst?"
Tabea:"Ja. Ich weiß, dass ich hier in guten Händen bin und ihr lasst mich nicht sterben."
Ich:"Ganz bestimmt lassen wir das nicht. Ich werde dann alles vorbereiten. Der Anästhesist wird noch mit dir reden."
Tabea:"Ok."
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Das verlorene Kind
Fiksi PenggemarDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
