159. Dem Tod nah III

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Veröffentlicht am 11.09.2021

TABEA
In Gedanken bin ich bei Frederik und hoffe, dass es ihm gut geht.

Um 11 Uhr klopft es an der Tür. Dr. Saskia Smolka kommt mit einem Rollstuhl herein geschoben.
Saskia: "Hallo. Wie geht es dir?"
Ich: "Gut."

Ich weiß, dass sie mir das nicht glaubt.
Sie schaut auf meinen Nachtisch, wo das Tablett mit dem Frühstück steht. Ich habe es nicht angerührt, weil ich kein Hunger hatte.
Saskia:"Du hast nichts gegessen."
Ich:"Ich habe keinen Hunger."
Saskia:"Ich verstehe, dass deine Sorgen dir dein Gefühl von Hunger nehmen. Trotzdem ist es wichtig, dass du regelmäßig Nahrung zu dir nimmst. Das ist für die Entwicklung der Babys wichtig."
Ich:"Ich kann mich nicht dazu zwingen."
Saskia:"Gewisserweise schon. Jetzt brauchst du es nicht, weil ich ein Ultraschall machen möchte. Danach gibt es vermutlich schon Mittagessen. Setzt du dich bitte in den Rollstuhl?"
Wortlos mache ich es. Sie schiebt mich in den Behandlungsraum. Ich lege mich auf die Liege.

Saskia setzt sich auf einen Drehstuhl neben mich.
Saskia:"Machst du bitte deinen Bauch frei?"
Ich mache es.
Saskia:"Es kann kurz kalt werden" und beginnt mit dem Ultraschall. Es dauert ein paar Minuten bis sie zu mir was sagt.
Ich schaue zur Decke. Ich könnte mir auf einem Bildschirm an der Wand die Babys anschauen, doch ich will es nicht. In mir kreist der Gedanke ein totes Baby zu sehen.
Saskia:"Magst du sie sehen?"
Ich schüttel meinen Kopf.
Ich merke, dass sie Knöpfe drückt. Der Bildschirm an der Wand wird schwarz. Sie hat das Sono beendet. Sie legt Tücher auf meinen Bauch. Ich putze den damit ab. Die schmutzigen Tücher wirft sie in den Mülleimer.
Saskia:"Dem einen Baby geht es gut. Es ist wach und bewegt sich", stockt, "das zweite Baby ist auch wach. Allerdings bewegt es nur seinen Oberkörper."
Mein Kopf dreht sich zu ihr.
Saskia:"Ich kann es nicht sicher sagen, wobei ich mit diesem Sono davon ausgehe, dass das zweite Baby seine Beine nicht bewegt. Zudem kann ich sehen, dass es ein Loch im Herzen hat weswegen die Durchblutung nicht optimal verläuft."
Ich:"Was genau bedeutet das?"
Saskia:"Ich will dir nichts vormachen. Ich gehe davon aus, dass euer Baby motorische Störungen hat und dass es im 1. Lebensjahr operiert werden muss."
Ich:"Wann genau?"
Saskia:"Das kann ich dir nicht sagen. Das kann erst gesehen werden wenn es geboren ist. Es gibt Babys die erst nach einem halben Jahr operiert wurden und das erfolgreich."
Ich:"Und es gibt bestimmt auch welche, wo die OP zu spät kam?"
Sie nickt.
Ich schaue wieder zur Decke.
Saskia:"Es muss genau geschaut werden wie sich das Baby entwickelt. Besonders das Herz. Da kann dann schon eine Aussage getätigt werden, wie die Chancen ohne OP in den ersten Wochen und Monaten ist."
Ich schaue wieder zu ihr.
Ich:"Und wie ist es zum jetzigen Zeitpunkt?"
Saskia:"Es wäre ein Frühchen. Wir sollten das verhindern."
Ich:"Natürlich sollten wir das, aber was wäre wenn?"
Saskia:"Daran solltest du gerade nicht denken."
Ich:"Das tu ich aber."
Saskia:"Du solltest an das Gute glauben. Noch lange schwanger sein und dann die Babys bekommen."
Ich:"Wovon eines krank ist. Die Epilepsie wird nicht weg sein. Es hat schon Schäden davon. Wer weiß, wie es neurologisch ist."
Saskia:"Das kann niemand sagen. Das wird die Geburt zeigen."
Ich:"Welche ein Kaiserschnitt sein muss?"
Saskia:"Jein. Einerseits ja, weil ein Baby herzkrank ist und die Geburt eine hohe Belastung. Andererseits nein, weil wir jetzt noch nicht wissen, wie es dem Baby dann geht."
Ich:"Und dann soll ich zwei davon gebähren?"
Saskia lächelt:"Das schaffst du."
Ich ziehe meine Augenbrauen kurz hoch.
Saskia:"Gehen wir davon aus, dass du noch ein paar Wochen schwanger bist. Dann entwickeln sich die Kinder weiter, werden kräftiger und das ist gut für deren Geburt."
Ich:"Mm."
Saskia:"Ich kann verstehen, dass das für dich gerade viel ist."
Ich nicke:"Ich möchte zu Frederik."
Saskia atmet tief durch. "Normalerweise müsstest du was essen und schlafen. Allerdings weiß ich, wie wichtig die Psyche dafür ist. Daher lasse ich den Besuch zu für 5 Minuten und ich komme mit."
Ich:"Ok."
Saskia:"Dann darfst du dich jetzt in den Rollstuhl setzen und ich bringe dich hin."
Ich:"Muss das sein? Ich kann laufen."
Saskia:"Ja, das muss sein."
Ich setze mich dort rein.

Ich:"Wann darf ich eigentlich nach Hause?"
Saskia:"Wenn du regelmäßig isst, auch mal schläfst und deine Werte ok sind, dann morgen."
Ich:"Das klingt gut."

Sie schiebt mich zur Intensivstation. Wir ziehen Schutzkleidung an. Danach schieben wir zu Frederiks Zimmer.

Dr. Martin Flemming kommt auf uns zu.
Martin:"Hallo."
Ich stelle mich hin und schaue durch das Sichtfenster zu Frederik. Er liegt im Bett, mit einem Schlauch im Mund, und an vielen Geräten angeschlossen.

Hinter mir spricht Saskia mit Martin.
Saskia:"Ich habe ihr erlaubt 5 Minuten bei ihm zu sein und ich bin dabei."
Martin:"Ok."

Ich drehe mich zu ihm um.
Ich:"Wie ist sein Zustand?"
Martin:"Unverändert."
Ich:"Ich möchte zu ihm rein."
Martin nickt.
Ich möchte zur Tür gehen. Saskia folgt mir.

Im Zimmer höre ich das Piepen. Hört Frederik das auch?
Ich gehe zu seinem Bett. Der Anblick ist schlimm. Obwohl ich ihn vor über 8 Jahren schon mal so gesehen habe ist es diesmal anders. Damals war ich Ärztin, diesmal Freundin.

Saskia stellt einen Stuhl neben sein Bett. Sie zeigt darauf, so dass ich es deute, als soll ich mich hinsetzen. Ich mach es.
Vorsichtig lege ich meine Hand auf Frederiks. Sie fühlt sich warm an.
Saskia:"Kann ich dich mit ihm alleine lassen?"
Ich nicke.
Saskia:"5 Minuten. Dann geht es zurück auf Station."
Ich:"Ok."
Saskia verlässt das Zimmer. Ich sehe, wie sie am Sichtfenster steht und mit Martin spricht.
Ich schaue zu Frederik. In meinen Gedanken spreche ich zu ihm und bitte darum, dass er kämpft.

Nach 5 Minuten kommt Saskia wieder.
Saskia:"Du kannst morgen wieder zu ihm."
Ich:"Er muss es schaffen. Ohne ihn schaff ich das nicht."
Saskia:"Er kämpft."
Ich:"Ich hoffe."
Saskia legt eine Hand auf meine Schulter. "Ich bin für dich da."
Ich:"Ich möchte lieber, dass Frederik für mich da ist."
Tränen schießen in meine Augen.
Saskia:"Das kann ich verstehen und in Gedanken wird er es auch sein. Nur physisch kann er es gerade nicht."
Eine Träne fließt.
Ich:"Warum muss ihm das passieren? Warum darf er kein Glück erfahren? Warum dürfen wir kein Glück erfahren?" und schaue hilflos zu Saskia.
Wortlos nimmt sie mich in den Arm. Tränen fließen bei mir.

Die Umarmung löst sich. Ich sehe, wie sie sich eine Träne wegwischt.
Saskia:"Ich mag es nicht wenn die eigenen Freunde zu Patienten werden. Frederik ist nicht nur ein Kollege von mir sondern auch ein Freund. Nicht falsch verstehen. Nicht mein Freund. Ich bin glücklich verheiratet. Er ist ein Freund, ein Kumpel. Er hat so viel durchgestanden in den letzten Jahren. Und nein, ich finde es nicht fair, dass wieder er hier liegt und um sein Leben kämpfen muss. Doch es wird gesagt, dass jedem das zugemutet wird, was er schafft. Frederik schafft das. Für dich und die Kinder. Für Emma und Lisa."
Ich:"Das hoffe ich so sehr."
Saskia:"Wir müssen an ihn glauben."
Ich:"Das tu ich.", stocke, "Ich hab dich noch nie so traurig gesehen."
Saskia:"Ich bin auch nur ein Mensch."
Ich:"Der viel für andere da ist. Wer ist für dich da und nimmt dich in den Arm?"
Saskia:"Mein Mann."
Ich:"Ihr seit ein tolles Paar "
Sie nickt.
Ich:"Wollt ihr eigentlich noch ein Kind?"
Saskia schüttelt ihren Kopf. "Wir sind froh über 2 gesunde Kinder. Nochmal von vorne zu beginnen würden wir machen, nur wenn es nicht sein soll, dann ist es nicht so."
Ich:"Heißt das, ihr wollt und es klappt nicht?"
Saskia nickt.
Ich:"Das tut mir Leid."
Saskia:"Wir hatten zweimal das Glück. Öfter sollte es nicht sein. Und inzwischen bin ich älter geworden und das Risiko erhöht sich dadurch."
Ich:"Aber wenn es klappen würde, dann bekommst du es doch?"
Saskia:"Natürlich. Nur das klappen würde kann beeinflusst werden. Lass uns jetzt über was anderes reden. Also ich habe Hunger. Wie sieht es bei dir aus? Dein Mittagessen wartet bestimmt schon."

Ich schaue nochmal kurz zu Frederik und dann wieder zu ihr.
Ich:"Ich glaube, essen ist eine gute Idee." und stehe auf. "Danke fürs Da sein und Zuhören."
Saskia:"Das mach ich gerne und zugehört hast du mir heute weit mehr als ich dir." und lächelt.

Wir verlassen gemeinsam das Zimmer. Ich sehe den Rollstuhl. Wortlos gehe ich dahin und setze mich rein.
Saskia lächelt und schiebt mich zu meinem Zimmer. Dort steht bereits das Mittagessen auf meinem Nachtisch.

Ich setze mich aufs Bett und hebe die Haube vom Essen hoch. Ich sehe Nudeln, Bolognese, Salat und einen Joghurt.
Saskia:"Kann ich dich damit alleine lassen?"
Ich:"Ja. Ich esse was und versuche dann zu schlafen."
Saskia:"Das ist gut. Dein Körper wird es dir danken."
Sie verlässt das Zimmer.

Ich esse ein wenig von dem. Dann lege ich mich hin. Ich schließe meine Augen und sehe Frederik, wie toll er mit Emma umgeht. Ich weiß, dass er für die Zwillinge auch ein toller Vater sein wird. Ich schlafe ein.

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