73. Teil 1: Die Prüfung

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Veröffentlicht am 24.08.2019

CHARLOTTE
Es ist Ende September.

Seit drei Wochen ist Klara auf der Welt.
Emma hat sie inzwischen angenommen und mag sie. Wenn das Baby quengelt versucht sie es zu beruhigen. Ich soll Klara dann auch sofort stillen, weil sie Hunger hat. Wenn wir spazieren gehen möchte sie oft den Kinderwagen schieben. In der Kita erzählt sie stolz, dass sie große Schwester ist. Ich bin so froh, dass sie sich so entwickelt hat.

Ich habe in den letzten Wochen wenig geschlafen, manche Nächte auch gar nicht. Klara fordert mich sehr und möchte am liebsten immer getragen werden oder an die Brust. Ich habe sie viel in der Trage. Nachts liegt sie auf meinem Bauch. Und da ich gerne auf dem Bauch schlafe entfällt das zurzeit. Sie schläft wenig und wenn, dann am Tag. Nachts ist sie die meiste Zeit wach.

Frederik versucht mir zu helfen. Er hat eine Woche nach Klaras Geburt wieder gearbeitet. Länger konnte er keinen Urlaub bekommen. Ich möchte ihn entlasten. Er soll zu Hause Papa sein können und nicht noch den Haushalt machen müssen. Mal Spülmaschine einräumen, mal staubsaugen, usw., das ist ok. Aber richtig putzen, das soll er nicht. Schließlich bin ich zu Hause und kann die Zeit dafür nutzen.

Es ist mittags. Frederik hatte Nachtschicht und schläft. Emma ist in der Kita und Klara habe ich in der Trage, wo sie schläft.
Ich schaue in meinen E-Mail-Account und sehe, dass die Fernuni mir geschrieben hat. Ich öffne die Mail und lese sie.
>>Sehr geehrte Frau Engel,
hiermit weise ich Ihnen eine Möglichkeit auf um ihr Psychologiestudium noch mit diesem Semester abschließen zu können.
Am 31.07. war der erste Termin zur schriftlichen Prüfung. Am 14.08. war der erste mögliche Nachschreib- bzw. Wiederholungstermin und am 28.08. der Dritte. An keinem dieser Tage kann ich eine Teilnahme ihrerseits sehen.
Wie ich weiß waren Sie zu dem Zeitpunkt im letzten Schwangerschaftsdrittel und Mutterschutz.
Aufgrunddessen biete ich Ihnen an am 28.09. um 13 Uhr statt einer Schriftlichen eine mündliche Prüfung in der Universität in Berlin abzulegen.
Sollten Sie dort nicht erscheinen gilt das Semester als nicht bestanden. Es besteht die Möglichkeit einen Antrag auf Verlängerung zu stellen, um somit das Studium um ein Semester verlängern zu können. Sie können auch um ein Urlaubssemester bitten um dann im Sommersemester wieder einzusteigen.
Sollte ich von Ihnen keine Antwort bis zum 30.09. bekommen, gilt ihr Studium als nicht bestanden.
Ich bitte um eine Rückmeldung.
Prof. Feld<<
Ich schrecke kurz auf. Die Prüfungen, die habe ich völlig vergessen. Ich habe bis jetzt alle Prüfungen mit sehr gut und gut abgeschlossen.
Ich schaue auf mein Handy um zu sehen wann der 28.09. ist. Ich erschrecke; das ist morgen. Ich schaue auf die E-Mail. Sie ist bereits zwei Wochen alt. Ich habe in der Zeit gar nicht in meinen Account geschaut.

Morgen habe ich die Möglichkeit zur mündlichen Prüfung. Morgen, denke ich. Wie soll das gehen? Ich habe Klara und Emma. Frederik hat 24 Stunden-Dienst und das ab heute Abend um 20 Uhr. Die Uni ist 600km entfernt. Mit Auto sind das über 6,5 Stunden Fahrt. Ich schaue nach und sehe, dass ich mit dem Zug von Köln aus fahren könnte. Das dauert nur fast 4,5 Stunden.
Wieso nur habe ich die schriftliche Prüfung nicht geschrieben? Wieso musste ausgerechnet da die Trennung von Frederik gewesen sein und der Kampf um Emma. Ärgern bringt nichts. Ich wäre durchgefallen, weil ich mich gar nicht darauf hätte konzentrieren können.
Und jetzt bekomme ich die Möglichkeit es Mündlich zu machen.

Ich bin in Gedanken, als sich jemand neben mich hinsetzt. Ich schrecke auf und schaue zur Seite. Es ist Frederik.
Frederik:"Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken. Woran hast du gedacht?"
Ich:"Schon ok. Gedacht an Vieles. Ich überlege gerade wie ich etwas schaffen soll was unmöglich erscheint."
Frederik:"Was meinst du?"
Ich gebe ihm mein Handy in die Hand. Er liest sich die E-Mail durch.
Frederik:"Das Angebot ist doch super."
Ich:"Mmh."
Frederik:"Außer, dass es in Berlin ist."
Ich:"Da studiere ich halt. Was bei mir aufstößt ist, dass der 28. morgen ist."
Frederik schaut mich erstaunt an. "Morgen? Und du hast heute erst die Mail bekommen?"
Ich schüttel den Kopf. "Vor zwei Wochen. Ich bin jetzt erst dazu gekommen sie mir anzuschauen."
Frederik:"Ok. Was hast du jetzt vor?"
Ich:"Keine Ahnung. Wenn ich realistisch bin kann ich da nicht hin. Du bist im Dienst, deine Eltern im Urlaub. Silas und Inka arbeiten. Und somit habe ich Klara und muss Emma zur Kita bringen und abholen."
Frederik:"Stimmt. Und die Fahrzeit ist auch nicht zu unterschätzen. Da macht es wohl mehr Sinn das Studium zu verlängern."
Ich:"Mmh."
Frederik:"Das ist nicht das was du willst oder?"
Ich zucke mit den Schultern. "Ich möchte das Studium abschließen und das gerne jetzt. Dann habe ich es geschafft. Aber ich weiß auch, dass es so nicht geht. Da ist das Verlängern wohl das Beste."
Frederik:"Seh es doch mal positiv. Dann ist Klara auch schon ein paar Monate und du hast noch Zeit zum Lernen."
Als wenn ich die Zeit bräuchte, denke ich.
Ich:"Da hast du Recht. Und vor allem kann ich es von zu Hause aus machen."
Frederik:"Und dann planen wir das und die Kinder werden dir abgenommen."
Ich nicke.
Frederik:"Das ist ein halbes Jahr wo du sowieso zu Hause bist und nicht arbeitest. Da ist es egal, ob du dann erst die Prüfung machst oder schon hast."
Ich nicke wieder.
Frederik legt einen Arm um mich. "Glaub mir. Du wirst es dann auch denken und merken."
Ich:"Ja. Du hast ja Recht. Trotzdem darf ich Wehmut haben."
Frederik:"Darfst du."

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