88. Einschulung?

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Veröffentlicht am 13.01.2020

CHARLOTTE
Ein Monat ist vergangen.

Carina ist nach vier Tagen entlassen worden. Seitdem sie zu Hause ist wird sie von allen Seiten betüdelt. Ihre Eltern, Silvia und Alfons, welche im Erdgeschoss im gleichen Haus wohnen, würden rund um die Uhr bei ihr sein, wenn sie nicht arbeiten würde. Dann ist da noch Oma Margot, welche im gleichen Haus, im Erdgeschoss, direkt neben an wohnt. Eine Verbindungstür zu Silvia und Alfons gibt es. Seitdem Erik da ist, ist sie sehr viel bei Carina um sie zu unterstützen. Selbst zum monatlichen Treff mit den Senioren der Nachbarn konnte sie deshalb nicht kommen. In der Familie dreht sich alles zurzeit um Erik. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es so extrem jemals nach einer Geburt bei mir gewesen ist.

In unserer Familie hat sich in der Zeit auch einiges verändert. Emma macht große Sprünge in ihrer Entwicklung. Seitdem sie vor drei Wochen Erik zum ersten Mal gesehen hat, hat sie am nächsten morgen beschlossen, dass sie keine Windeln und Schnuller mehr braucht, weil sie jetzt groß ist. Ich dachte erst, sie zieht das nicht durch, doch da überraschte Emma mich, denn sie schmiss ihren Schnuller in den Windelmülleimer und beschloss, dass die übrigen Windeln Klara haben kann. Sie trug diese alleine in Klaras Zimmer und erklärte ihr, dass diese nun ihr gehören würden. Ich dachte, dass sie spätestens zum Schlafen ihre Windel und Schnuller wieder haben will, aber das war nicht so. Es ist sogar so, dass sie seit dem Tag auch keinen Mittagsschlaf mehr machen möchte und sich alleine an- und auszieht, weil "Mama, ich bin groß". Und wie ein Wunder ist sie seit dem Tag trocken und schnullerfrei. Hätte mir vorher jemand gesagt, dass es so kommen wird und einfach sein wird, hätte ich gesagt "nicht bei Emma". Sie überrascht mich immer wieder. Und ich kann jetzt sagen, dass meine große Tochter mit 4 Jahren und 9 Monate trocken und schnullerfrei war.
Sprachlich hat sie auch wieder einen großen Sprung gemacht und spricht von sich mit >>Ich<< und nicht mehr >>Emma<<. Das ist so toll zu hören. Sie versucht zu lesen und zu schreiben. Rechnen klappt auch gut. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, dass Tessa (10) das so früh konnte. Und wenn ich andere 4-jährige in der Kita sehe, dann spielen die mit Puppen und Emma sitzt da und schaut sich Buchstaben im Buch an um daraus Wörter zu bilden.

Ihre Erzieherin Ramona hat uns zum Gespräch eingeladen. Alle halbe Jahre findet das statt. Im Letzten hieß es noch, dass Emma in ihrer Entwicklung verzögert ist und Therapie braucht. Geschehen ist davon nichts und verzögert nenne ich sie nicht mehr. Mal sehen was Ramona diesmal sagt.

Es ist Mittwochmorgen. Emma ist schon seit 8 Uhr in der Kita und Klara wird von Helga und Kurt aufgepasst. Frederik hatte Nachtschicht.

Es ist 11 Uhr, Frederik und ich sitzen in einem Raum, auf Stühlen an einem Tisch, und Ramona ist da.
Ramona:"Schön, dass sie die Zeit gefunden haben, um zum Gespräch zu kommen. Ich möchte mit ihnen heute über die Entwicklung von Emma sprechen und ihren aktuellen Stand." und stockt kurz. "Emma hat sich in den letzten Monaten sehr positiv entwickelt. Sie spricht deutlicher und seit kurzer Zeit auch von sich in >>Ich<<. Zahlen bis 20 bereiten ihr keine Probleme; es ist eher so, dass sie bis 100 und teilweise mehr schon zählt. Sie zeigt großes Interesse an Buchstaben und verbindet daraus erste Worte. Sie fängt an zu schreiben. Vornamen sind dabei aktuell ihre Stärke. Dass sie keine Windel und Schnuller mehr braucht und selbst sagt, dass sie groß ist, zeigt uns nochmals deutlich, dass sie einen großen Schritt in der Entwicklung gegangen ist. Wie sehen sie es denn? Wie verhält sie sich zu Hause?"
Frederik:"Genauso. Sie möchte alles alleine machen und schafft es auch, bsp. beim An- und Ausziehen. Dass sie so schnell, von einem anderen Tag, trocken und schnullerfrei wird, da sind wir heute noch überrascht von." und schaut zu mir.
Ich:"Sie zeigt zu Hause auch großes Interesse an Buchstaben. Zahlen sind schon länger das, was sie gerne macht, genauso wie Sachen sortieren. Sie puzzelt auch gerne mit 100 Teilen, ganz ohne Hilfe von Erwachsenen." und schaue zu Frederik.
Frederik:"Und sie ist total wissbegierig und nimmt alles auf. Bsp. möchte sie zurzeit viel über Oldtimer wissen und über die Mechatronik vom Auto."
Ramona:"Davon hat sie mir auch erzählt, dass sie das mit Franz macht, Omas neuen Freund." und stockt kurz. "Emma ist sehr weit entwickelt und ihren Gleichaltrigen voraus. Sie möchte bzw. macht das was die Vorschulkinder machen und das teils schneller und besser wie die. Wir haben manchmal das Gefühl, dass sie sich langweilt und selbst ihre Aufgaben sucht, welche nicht ihrem Alter entsprechen, um sich selbst zu fordern. Das ist nicht Schlimmes, aber zeigt uns, dass sie mehr braucht und wir fragen uns, ob wir ihr das bieten können oder ob es vielleicht besser ist, wenn es die Schule macht."
Ich erschrecke. "Schule? Emma hat noch ein Jahr Kita."
Ramona:"Wenn man nach dem Alter geht ja. Aber wenn wir nach ihrer Entwicklung gehen braucht sie das nicht. Wir sind keinesfalls für frühe Einschulung und sprechen uns, bevor wir so einen Rat an Eltern geben, immer mit dem ganzen Team ab. Bei Emma sind wir uns einig, dass es ihr gut tun würde und sie es auch schaffen wird."
Frederik:"Und was ist mit der sozialen Ebene und emotional? Emma hat keine Freunde."
Ramona:"Das stimmt, Emma ist eher Einzelgänger. Das kann sich in der Schule ändern. Sie lernt neue Kinder kennen, welche kognitiv auf ihrem Niveau sind und das kann sozial förderlich sein. Und emotional verbessert sie sich sehr. Ihre Frustrationsgrenze ist niedriger geworden. Und kein Kind muss in allen Bereichen perfekt sein um zur Schule zu können. Dann müsste die Hälfte der Kinder später eingeschult werden."
Ich schaue zu Frederik.
Ramona:"Sie müssen das nicht jetzt entscheiden. Sprechen sie zu Hause in Ruhe darüber. Es besteht auch die Möglichkeit sie der Schule vorzustellen und einen Test unterlaufen zu lassen. Wenn sie diesen besteht würde die Schule sie aufnehmen, was immer noch nicht heißt, dass sie dann dort hin muss. Den Test müssen übrigens alle Kinder durchlaufen."
Frederik:"Das klingt nach einem Plan."
Ich:"Ok. Aber entschieden ist noch garnichts."
Ramona:"Nein ist es nicht. Emma hat einen Kitaplatz bis zur regulären Einschulung mit 6 Jahren."
Ich:"Ok. Wir besprechen uns und werden uns bei der Schule melden."
Ramona:"Das klingt gut. Ich muss dann auch zurück in die Gruppe."
Wir verabschieden uns und verlassen die Kita.

Ohne Worte gehen wir zum Parkplatz zum Auto. Ich setze mich auf den Beifahrersitz; Frederik daneben.
Frederik:"Was ist gerade dein Problem?"
Ich:"Keins."
Frederik:"Glaub ich nicht. Du bist still und sehr kurz angebunden. Dann ist was."
Eine kurze Stille folgt.
Ich:"Ist es nicht zu früh? Emma ist dann erst 5 und die Jüngste in der Schule. Selbst mit 6 wäre sie nach Stichdatum 30.6. noch eine der jüngsten, aber mit 5?"
Frederik:"Wenn sie doch so weit ist. Wir können ihre Entwicklung nicht stoppen."
Ich:"Das habe ich auch nicht vor. Sie ist doch noch so klein."
Frederik:"Naja. Sie ist schon 4 und vielleicht wirkte sie lange klein und jetzt groß."
Ich:"Das ging so schnell."
Frederik:"Andere machen es in den ganzen Jahren, Emma in kurzer Zeit. Das passt zu unserer Tochter."
Ich:"Stimmt."
Frederik:"Ich finde, Emma sollte den Test in der Schule machen und danach wissen wir, ob sie überhaupt aufgenommen wird."
Ich:"Und wenn sie den Test besteht?"
Frederik:"Dann müssen wir uns entscheiden."
Ich:"Das ist doch falsch. Wir müssen vorher wissen was dann ist. Ich möchte es nicht von einem Test abhängig machen."
Frederik:"Ok. Sehen wir die Fakten. Emma ist in der Kita unterfordert. Sie braucht neuen Input, was die Schule ihr bieten kann. Somit bin ich pro Schule."
Ich:"Besser hätte ich die Theorie nicht erklären können. Und wenn unsere Tochter mit 5 zur Schule gehen wird, dann ist das so." und schaue zu Frederik.
Frederik:"Dann bin ich mal gespannt wie Emma den Test meistert."
Ich:"Ich auch."
Wir fahren nach Hause.

Am nächsten Tag telefoniere ich mit der Schule. Am Montag soll Emma dort den Test machen.
Am Tag vorher erklären wir ihr, dass sie morgen einen Termin in der Schule hat. Emma freut sich sehr darauf.

Am Montagmorgen um 9 Uhr ist es dann soweit und ich gebe Emma beim Direktor ab, wo sie den Test macht. Danach werde ich dazu geholt und mitgeteilt, dass sie den Test bestanden hat. Emma freut sich sehr darüber. Im Auto schreibe ich es per Whatsapp Frederik. Zu Hause rennt Emma zu ihren Großeltern und erzählt freudig, dass sie bald zur Schule gehen wird.
Überraschte Gesichter sehen Frederik und ich in der nächsten Zeit öfter und Sätze wie "sie überfordern das Kind". Da stehen wir drüber, weil wir wissen, was für Emma gut ist.

Das verlorene KindGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt