27. Teil 1: Dem Tod nah

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Veröffentlicht am 20.04.2019

CHARLOTTE:
Jetzt ist Emma schon 8 Monate. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht. Sie isst inzwischen Brei und kann robben. Die meiste Zeit lacht sie. Das ist so schön mit anzusehen.

Frederik ist immer noch viel am Arbeiten. Auch wenn es zwischen uns wieder besser läuft und er nicht mehr meckert. Ich merke, dass er angespannt ist. Aber er muss selbst wissen was er tut. Er möchte nicht mit Prof. Filou reden und darum bitten, dass er weniger Notaufnahme macht, was gar nicht sein Gebiet ist. Er nimmt jede Zusatzarbeit an.
Da sind er und ich uns sehr ähnlich. Wir können beide schlecht Nein sagen.
Mit Emma geht er wunderbar um. Ich liebe es das zu beobachten. Wie frei er mit ihr sein kann und ich hoffe, dass er dabei dann auch abschalten kann.
Zu mir ist er auch ganz liebevoll. Er versucht mir zu helfen wo es nur geht. Wobei ich versuche ihm so viel Arbeit wie möglich abzunehmen. Ich mache den Haushalt zum größten Teil alleine. Nicht, weil er es nicht kann, sondern, weil ich möchte, dass er zu Hause entspannen kann. Vielleicht denke ich da auch zu perfektionistisch.

Heute ist ein für mich ganz bedeutender Tag. Emma hält ihr Vormittagsschläfchen und ich öffne die Mail, auf die ich 3 Monate gewartet habe. Es ist die erste Mail von der Fernuni in Berlin.
Ich bin Studentin. Wie sich das anhört: mit 35 Jahren nochmal Studentin. Damals war ich 19 und es war irgendwie so normal, dass nach dem Abitur studiert wird. Für mich stand da auch schon lange fest, dass ich Medizin studieren werde. Und dann war ich fertig mit dem Studium und ging arbeiten. Und jetzt sitze ich hier, nach 9 Jahren, und bin wieder Studentin. Nur das diesmal alles anders ist. Ich bin verheiratet und Mutter.
Diesmal habe ich meinem Herzen wieder gefolgt. Damals der Medizin, jetzt der Psychologie.
Es fühlt sich richtig an nochmal zu studieren. Ich weiß, dass es nicht leicht wird. Ich werde zwischen Familie, Haushalt, später Arbeit und Studium jonglieren müssen. Ich will es und hoffe, dass zu schaffen.

12 Aufgaben sollen in 3 Wochen erarbeitet werden. Grundwissen gibt es als Lektüre dazu. Ich öffne den Anhang dazu und downloade es. 114 Seiten. Ok. Ich fange an es zu lesen. Es ist interessant.

Nach kurzer Zeit werde ich unterbrochen. Helga klopft an die Wohnzimmertür und kommt rein.
Wie oft habe ich ihr schon gesagt, dass sie klingeln soll? Sie versteht es nicht und läuft immer einfach durch unsere Wohnung.
Helga:"Hallo Charlotte. Unten steht eine Frau Meyer. Sie sagt, sie hätte einen Termin bei euch zum Vorstellen als Haushaltshilfe. Das kann doch gar nicht sein. Ihr braucht doch keine Haushaltshilfe. Sie besteht darauf mit jemanden von Familie Engel zu sprechen."
Ich bin irritiert. Warum hat die Frau bei Helga bei Seehauser geklingelt und nicht bei Engel?
Ich:"Ich weiß nichts davon, dass heute jemand kommen soll. Ich komme aber gerne mit runter und kläre es persönlich."
Helga:"Das wäre gut."
Ich gehe an Helga vorbei zur Wohnzimmertür.
Helga:"Ich weiß gar nicht wie die Frau darauf kommt, dass ihr eine Haushaltshilfe sucht. Ihr braucht doch keine. Du bist doch zu Hause. Und ich bin auch noch da und helfe gerne."
Ich drehe mich um und schaue sie an.
Ich:"Hat Frederik nicht mit dir gesprochen?"
Helga schaut mich irritiert an.
Helga:"Worüber?"
Ich:"Über eine Haushaltshilfe."
Helga schaut mich entsetzt an. "Nein."
Na super. Jetzt steht unten eine Frau, welche unsere Haushaltshilfe werden möchte und ich weiß nicht wer den Termin mit ihr ausgemacht hat. Und vor mir steht meine Schwiegermutter, mit der Frederik seit 3 Monaten darüber sprechen will und es nicht getan hat. Super Timing.
Ich:"Ich bin davon ausgegangen, dass Frederik mit dir darüber gesprochen hat. Wir haben schon länger den Gedanken uns Hilfe im Haushalt zu holen und deshalb suchen wir eine Haushaltshilfe. Dass da unten jetzt eine Bewerberin steht, davon weiß ich nichts."
Helga:"Ihr sucht eine Haushaltshilfe? Ich helfe euch doch gerne. Ihr müsst euch keine suchen. Das kostet doch unnötig Geld und eine Fremde im Haus, das muss nicht sein."
Ich:"Wir wissen, dass du uns helfen möchtest. Doch wir wollen nicht, dass du unseren Haushalt machst. Du bist Mama und Oma und das soll auch so bleiben."
Helga:"Ich habe doch genug Zeit. Sag der Dame, dass Sie gehen kann. Wir kriegen das innerhalb der Familie hin."
Ich:"Frederik und ich möchten, dass du Mama und Oma bist und nicht auch noch Haushaltshilfe."
Helga:"Ich kann doch Alles sein."
Ich:"Das sollst du aber nicht."
Helga:"Ich kann das aber. Frederik hat da bestimmt kein Problem mit."
Das hätte ich mir denken können, dass sie mir den Schwarzen Peter zu schiebt.
Ich:"Die Idee mit der Haushaltshilfe kommt von Frederik."
Helga:"Niemals. Frederik mag keine Fremden im Haus."
Ich:"Am Anfang ist doch immer jemand mit dabei und dann ist sie nicht mehr fremd."
Helga:"Und dann ist unser Haus leer geräumt."
Helga und ihre Fantasie.
Ich:"So ist das nicht und das weißt du auch. Ich geh jetzt runter zu der Frau."
Ich drehe mich um und gehe zu der Frau, die noch unten steht.

Das verlorene KindGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt