Veröffentlicht am 17.05.2019
CHARLOTTE:
Ich bin in der 29.SSW. Es ist Ende August.
Seit 4,5 Wochen bin ich in der Klinik. Ich muss Bettruhe halten.
Das Fernsehprogramm kenne ich inzwischen auswendig. Die Aufgaben für mein Psychologiestudium habe ich schon längst fertig. Für das Studium habe ich jetzt viel Zeit.
Trotzdem wäre ich lieber zu Hause.
Ich vermisse Emma. Sie ist meist nur am Wochenende da. In der Woche geht sie zur Krippe und eine Haushaltshilfe kümmert sich um sie.
Merrit soll ihre Aufgaben gut erfüllen, so sagt es Frederik. Er ist mit ihr zufrieden und Emma scheinbar auch. Schön, zu hören, dass sie mit Merrit zurecht kommen. Trotzdem wäre ich lieber zu Hause und würde die Aufgaben machen.
Emma versteht nicht warum ich nicht aufstehen darf um mit ihr zu toben. Wenn sie bei mir ist kuscheln wir ganz viel. Öfter mal streichelt sie über meinen Bauch und spricht mit dem Baby. Das ist süß und freut mich. Emma sagt immer, dass sie das Baby auf den Arm nehmen möchte. Bald wird es soweit sein.
Jedes Mal wenn Frederik mit Emma wieder geht dann fragt sie mich, ob ich mit komme. Wie gerne würde ich das und trotzdem muss ich dann Nein sagen. Mit traurigem Blick geht sie. Das macht mich traurig. Ich fehle Emma und sie auch mir. Emma ist die Leidtragende. Sie hat kaum mehr eine Mama.
Erst lebte sie ohne Papa und jetzt ohne Mama.
Frederik ist in der Wiedereingliederung am Arbeiten. Er genießt das sehr und ist in seinem Element. Freudestrahlend wurde er Willkommen geheißen.
Noch arbeitet er täglich nur 4 Stunden. Es dauert nicht mehr lange und dann wird er Vollzeit arbeiten und das im Schichtdienst.
Erstmal wird Frederik ab September nur noch 60 Prozent vom Gehalt bekommen. Er bekommt dann Arbeitslosengeld.
Ich bekomme seit ein paar Tagen Krankengeld. Es sind 80 Prozent von meinem Gehalt. Eigentlich hätte ich ab September wieder Vollzeit gearbeitet und entsprechend Gehalt bekommen. Jetzt bekomme ich immerhin dann noch so viel Gehalt wie mit 30 Stunden auch.
Frederik und ich hatten andere Pläne und finanziell ist es auch schwer, aber es ist nur auf Zeit und das kriegen wir gut hin.
Immerhin werden Frederik und ich bald Vollzeitgehalt haben. Er für seine Arbeit und ich, weil ich im Mutterschutz bin.
Mir geht es gut. Die Blutungen sind nicht wieder gekommen. Täglich werde ich untersucht und ein Ultraschall gemacht. Es ist immer ein schnelles Ultraschall, weil nur geschaut wird wie die Plazenta ist.
Gestern war Anja zu Besuch und hat mir Fotos und Videos von Robin gezeigt. Das Treffen war emotional. Es hat mir vieles offenbart.
Frederik hat auch ein paar Bilder und Videos gesehen. Ich habe gemerkt, dass es ihm auch sehr nah gegangen ist.
Er ist dann auch gegangen.
Ich lese ein Buch als es um 13 Uhr an meiner Tür klopft. Frederik kommt herein.
Frederik:"Hallo Lotte."
Ich:"Hallo" und lächel.
Frederik kommt zu mir ans Bett.
Ich:"Wie war die Arbeit?"
Frederik:"Ich durfte heute Prof. Filou im OP assistieren. Das hat Spaß gemacht. Morgen darf ich zum ersten Mal operieren und Prof. Filou assistiert mir."
Ich:"Das hört sich gut an. Das heißt, dass Prof. Filou mit deiner Arbeit zufrieden ist?"
Frederik:"Auf jeden Fall. Er lobt mich. Er ist total Stolz auf mich."
Ich:"Und wie bist du mit dir zufrieden?"
Frederik:"Ich fühle mich gut. Ich würde am liebsten schon mehr alleine machen."
Ich:"Gib dir Zeit und mach es langsam. Du hast Zeit."
Frederik lächelt."Wie geht es dir und unserem Sohn?"
Ich:"Gut."
Frederik:"Wurde ein CTG gemacht?"
Ich schüttel den Kopf.
Frederik:"Was ist los? Möchtest du heute nicht reden?"
Ich:"Ich weiß nicht."
Frederik nimmt meine Hand. "Was ist los?"
Ich:"Das frage ich eher dich. Warum bist du gestern Abend so schnell gegangen?"
Frederik lässt meine Hand los und schaut zur Seite.
Ich:"Ist es wegen Robin?"
Frederik schaut zu mir und nickt.
Ich:"Es ist zu viel für dich."
Er nickt. "Ja. Da sehe ich ein Baby und das ist tot und das weil es den Gendefekt hat welchen unser Kind auch hat."
Ich halte ihm meine Hand hin. Er nimmt sie nicht.
Frederik:"Ich weiß nicht ob ich das kann. Ein krankes Baby. Ich frage mich, ob es wirklich sinnvoll ist dem Baby die ganzen OPs auszusetzen oder ob es besser ist nur das Notwendigste zu tun und die Zeit mit dem Baby zu genießen."
Ich:"Dann wird das Kind sicher sterben."
Frederik:"Tut es das nicht auch mit OPs? Ich habe das Gefühl dadurch seinen Leidensweg zu verlängern. Ich möchte nicht, dass er Schmerzen hat."
Ich:"Das möchte ich auch nicht."
Frederik:"Ich weiß, es klingt komisch, aber ich finde die Entscheidung, die Anja und ihr Mann damals getroffen haben mutig und gut zugleich. Robin musste nicht leiden. Er hatte tolle 5 Monate mit seinen Eltern und zu Hause. Das finde ich schön."
Er nimmt meine Hand.
Frederik:"Kannst du dir vorstellen auf lebenserhaltende Maßnahmen wie bsp. OP zu verzichten?"
Ich schlucke. Darüber nachgedacht habe ich schon oft.
Ich:"Ja kann ich."
Frederik schaut mich erstaunt an.
Ich:"Wäre das deine bevorzugte Entscheidung?"
Frederik nickt. "Und wie siehst du das?"
Ich:"Ich habe schon oft darüber nachgedacht. Ich weiß nicht was richtig oder falsch ist. Ich möchte nicht, dass unser Sohn leidet. Ich möchte nicht, dass er im Krankenhaus wohnt und evtl. stirbt. Er soll zu Hause sein. In unserer Familie und evtl. auch zu Hause sterben."
Tränen schießen in meine Augen.
Frederik:"Er wird nicht lange leben. Ob mit oder ohne OP, unser Kind wird sterben."
Tränen fließen. Frederik setzt sich auf die Bettkante und nimmt mich in den Arm.
Ich:"Warum? Warum muss uns das passieren?"
Frederik:"Es ist Schicksal."
Ich:"Es ist ungerecht."
Frederik drückt mich an sich. Ich weine und ich höre, dass auch er weint.
Die Umarmung löst sich. Wir wischen uns die Tränen weg.
Ich lege meine Hände auf meinen Bauch. Frederik legt seine darauf.
Frederik:"Wir sollten die Zeit mit Baby genießen."
Ich nicke.
Ich merke wie das Baby strampelt. Ich nehme Frederiks Hand und lege diese direkt auf meinen Bauch. Er spürt es und lächelt.
Frederik:"Ein Boxer."
Ich:"Ja. Er kämpft."
Frederik:"Und wir kämpfen auch. Und Kämpfen kann in verschiedenen Richtungen gehen."
Ich:"Sind wir uns nicht eigentlich schon einig was wir wollen?"
Frederik schaut mich an und nickt.
Frederik:"Können wir das?"
Ich:"Wir werden es sehen."
Frederik:"Wir sollten auf jeden Fall mit Saskia und Tabea darüber sprechen."
Ich:"Ich werde morgen in der Visite um ein Gespräch bitten."
Frederik:"Das klingt gut."
Am nächsten Tag bitte ich Saskia in der Visite um ein Gespräch, wo Tabea auch mit bei ist.
Um 14 Uhr ist es soweit. Frederik ist bereits da und sitzt neben meinem Bett.
Es klopft an der Tür und Dr. Saskia Smolka und Dr. Tabea Rohde kommen herein. Sie nehmen sich je einen Stuhl und setzen sich neben mein Bett.
Saskia:"Charlotte hat heute in der Visite um ein Gespräch mit mir und Tabea gebeten und das Frederik mit dabei ist. Was können wir für euch tun?"
Ich:"Frederik und ich haben eine Entscheidung getroffen."
Saskia und Tabea schauen uns neugierig an.
Ich schaue zu Frederik. Wir halten uns an den Händen.
Frederik:"Wir möchten unseren Sohn nach der Geburt mit nach Hause nehmen. Er soll nicht operiert werden."
Ich merke, dass beide schlucken.
Saskia:"Prinzipiell ist das möglich. Allerdings ist euer Kind schwer krank. Ohne Herz-OP wird er sterben."
Frederik:"Mit Herz-OP kann das auch passieren. Der Unterschied ist, dass er dann im Krankenhaus ist und machen wir das nicht ist er zu Hause."
Ich:"Wir haben Zeit als Familie. Wir möchten nicht, dass er leidet. Er soll eine schöne Zeit im Leben haben."
Tabea:"Ohne OP wird diese Zeit nicht sehr lange sein."
Ich:"Wie lange denn?"
Tabea:"Das kann ich nicht sagen. Es kann von Minuten bis Monate alles sein. Ich möchte euch da auch nicht zu viel Hoffnung machen. Seinen 1.Geburtstag wird er höchstwahrscheinlich nicht erleben."
Ich:"Das wird er mit OP evtl. auch nicht."
Tabea:"Eventuell."
Frederik:"Sind wir doch mal realistisch. Herz-OP nach der Geburt. Danach ITS, beatmet, mind. 3 Tage lang, vermutlich länger. Alle 2-3 Tage Dialyse. Die Suche nach einer Spenderniere. Ein Baby welches
schwer Herz krank ist. Da stehen die Chancen schlecht. Und wenn es wirklich klappt dann wieder OP. Und inmer noch bleibt das Loch im Herzen. Hinzu kommt lebenslange Einnahme von Medikamenten. Und schwupp di wupp ist ein Jahr um und er feiert seinen 1.Geburtstag im Krankenhaus. Falls er dann überhaupt noch lebt."
Saskia und Tabea schauen sich an und dann wieder zu uns.
Ich drücke Frederiks Hand.
Ich:"Wir haben uns dazu entschieden, dass wir keine lebenserhaltende Maßnahmen möchten. Uns ist bewusst, dass unser Sohn sterben wird."
Tränen schießen in meine Augen.
Ich:"Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht."
Ich drehe mich zu Frederiks Seite und weine. Frederik streichelt meinen Arm und Rücken.
Saskia:"Wir nehmen eure Entscheidung zu Kenntnis. Ich glaube euch, dass die Entscheidung schwer gefallen ist. Wir werden euch dabei unterstützen.
Tabea:"Ihr möchtet keine lebenserhaltende Maßnahmen. Auch kein Sauerstoff?"
Frederik:"Keine OPs und Dialyse. Sauerstoff ist ok."
Tabea:"Ok. Wir werden es so machen wie ihr es euch wünscht. Am besten schreibt ihr es nochmal auf. Dann haben wir es schriftlich."
Frederik:"Das machen wir."
Saskia steht auf und kommt auf meine Seite. Ich weine noch immer.
Saskia:"Charlotte. Wir sind für euch da."
Ich drücke mein Gesicht ins Kissen. Ich möchte nicht, dass sie mich do sieht.
Saskia:"Wir lassen euch alleine. Sollte sie sich innerhalb der nächsten Minuten nicht beruhigen klingelst du bitte."
Frederik:"Das mach ich."
Saskia und Tabea verlassen das Zimmer.
Es dauert ein paar Minuten bis ich mich beruhigt habe.
Frederik:"Wir schaffen das zusammen."
Ich nicke.
Frederik:"Ich halte das schriftlich fest."
Ich nicke wieder.
Am nächsten Tag zeigt Frederik mir das Schriftstück. Ich unterschreibe es. Es fühlt sich richtig an. Frederik gibt das Schriftstück Saskia.
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Das verlorene Kind
Fiksi PenggemarDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
