Veröffentlicht am 30.08.2020
FREDERIK
Es ist Mitte Juni. Die Sommerferien beginnen in zwei Wochen und ich weiß immer noch nicht, ob Emma danach das Gymnasium Erfstadt besuchen darf. Vor 4 Monaten wurde sie angemeldet und der Schulleiter, Herr Sech, würde sie aufnehmen, aber weil sie bei der Aufnahme erst 8 Jahre sein wird muss das Schulamt zustimmen und die lassen sich Zeit. Ich rufe da inzwischen jede Woche an und immer heißt es, dass der Fall in Bearbeitung ist. Den Hinweis, dass Emma auf ein bestimmtes Gymnasium in Köln gehen könnte bekomme ich gesagt; da wäre es schnell zu genehmigen. Das will ich nicht, weil das Gymnasium 1 Stunde Fahrweg vom zuhause entfernt liegt. Sie kennt da keinen. Sich mal eben nach der Schule mit Freunden treffen ist nicht möglich wegen der Entfernung. Natürlich könnte sie gefahren werden, aber ich möchte nicht das Taxi von ihr werden und jemand anderes soll das auch nicht werden. Sie soll selbständig sein. Ich bin verärgert darüber wie lange so eine Entscheidung braucht und letztlich ist es Emma, die in ihrer Klasse nicht erzählen kann, zu welcher Schule sie gehen wird. Sie weiß nicht, ob sie weiterhin mit ihren Freunden zusammen ist. Sie steckt es noch gut weg und sagt, dass es schon klappen wird. Hoffentlich hat sie Recht.
Ich hatte Frühdienst. Gestern lag eine Mitteilung der Post bei uns im Briefkasten. Ein Brief soll abgeholt werden. Er ist an Emma adressiert.
Nach 5 Minuten warten bei der Post bin ich an der Reihe
Ich:"Hallo. Ich möchte gerne einen Brief abholen" und lege die Mitteilung dort hin.
Die Dame schaut es sich an und dreht die Karte um. "Ich darf es ihnen nicht mitgeben, weil Frau Emma Engel ihnen keine Vollmacht ausgestellt hat." und schiebt die Karte zu mir.
Ich:"Emma ist 7 Jahre und ich bin ihr Vater."
Die Dame schaut mich skeptisch an. "Sind Sie sich da sicher?"
Ich:"Ja."
Dame:"Vielleicht ist der Brief dann garnicht für die Emma Engel gedacht, sondern für eine andere Person mit gleichen Namen. Warten Sie bitte kurz." und geht nach hinten in einen Raum.
Hinter mir stehen noch mehr Leute und warten.
Es dauert ein paar Minuten bis die Dame wieder kommt. "Entschuldigen Sie bitte. Mein Kollege und ich können keine Emma Engel in Erfstadt finden. Somit scheint der Empfänger des Briefes falsch zu sein."
Ich:"Wie ich schon sagte. Emma ist meine Tochter."
Dame:"Ja, aber warum sollte ihre minderjährige Tochter ein Einschreiben bekommen? Sowas wird dann an die Erziehungsberechtigten geschickt."
Ich:"Ok. Wie verbleiben wir denn jetzt? Kann ich den Brief mitnehmen?"
Dame:"Nein, können sie nicht, weil sie nicht der Empfänger des Briefes sind."
In mir brodelt es. "Dürfte Emma den Brief denn abholen?"
Dame:"Insofern Sie sich ausweisen kann, ja."
Ich:"Sie ist erst 7 und hat noch keinen Personalausweis."
Dame:"Dann wird es schwierig. Das Einzige was ich noch machen kann ist nachzuschauen von wem der Brief kommt. Dann können sie sich mit dem Absender in Verbindung setzen und darum bitten, dass er den Brief nochmal abschickt und sie als Empfänger angibt."
Ich:"Das klingt sehr gut."
Die Dame schaut nochmal auf die Karte, gibt was im Computer ein und geht nach hinten. Kurz darauf kommt sie wieder. "Der Brief kommt vom >>Bundesministerium für Bildung und Forschung in Bonn<<."
Mir kommt sofort ein Geistesblitz. "Da sind Emmas Schulsachen drin."
Die Dame schaut mich fragend an.
Ich:"Ich muss in den Brief schauen, bitte. Es geht um die Zukunft meines Kindes."
Dame:"Das ist das Briefgeheimnis. Wenden Sie sich bitte direkt an den Absender."
Verärgert verlasse ich die Post. Da liegt nun der Brief mit der Zusage oder Absage und ich darf ihn nicht haben.
Ich hole Emma vom Hort ab.
Zuhause suche ich nach der Nummer vom >>Bundesministerium für Bildung und Forschung in Bonn<< und rufe dort an. Ich schildere den Fall, dass Emma einen Brief bekommen hat, welchen die Post nicht rausgibt, und ich bitte wissen möchte, ob sie in Erfstadt zum Gymnasium gehen darf. Der Mann bittet um Geduld und ich höre, wie er was im Computer eingibt.
Mann:"Ich meine, ich habe den Fall gefunden. Wann ist ihre Tochter geboren?"
Ich:"Am 30.06."
Er fragt auch noch nach, wer ich bin und wann ich geboren bin. Datenabgleich nennt er es.
Mann:"Es ist ein Brief rausgegangen an Frau Emma Engel, der Mutter von Emma."
Ich:"Emmas Mutter heißt Charlotte Engel und ist tot."
Mann:"Das tut mir sehr Leid.", stockt, "in unseren Unterlagen steht es auch so. Da ist uns ein Fehler unterlaufen. Ich ordne an, dass das Schreiben nochmal geschickt wird und sie als Empfänger angegeben werden."
Ich:"Ok. Was steht denn im Brief drin? Darf Emma in Erfstadt zum Gymnasium gehen?"
Mann:"Ich bin überrascht, dass sie von Erfstadt sprechen. Uns liegt ein Antrag auf Stipendiat zu für das >>Schloss Torgelow<<."
Ich:"Das muss eine Verwechslung sein."
Mann:"Ok. Gleichen wir doch mal ab, ob wir vom gleichen Kind sprechen. Ihre Tochter ist 7 Jahre, geboren am 30.06. in Köln. Eltern sind Frederik Seehauser-Engel und Charlotte Engel".
Ich:"Ja, das stimmt."
Mann:"In dem Antrag geht es um ein Stipendiat."
Ich:"Stipendiat?"
Mann:"Ja und im Brief ist die Zusage dazu."
Ich:"Für das Stipendiat?"
Mann:"Ja für das >>Schloss Torgelow<<."
Ich:"Entschuldigen Sie, aber bei Emma geht es darum ob sie zum Gymnasium in Erfstadt gehen darf und nicht auf irgendein Schloss."
Mann:"Warum sollte Emma nicht in ihrem Wohnort zum Gymnasium gehen dürfen?"
Ich:"Weil sie zu jung ist und es deshalb vom Schulamt geprüft wird, also von ihnen."
Mann:"Da haben sie was falsch. Wir haben mit der Prüfung von Schulen und ob ein Kind dahin gehen darf gar nichts zu tun. Bei uns können u.a. Anträge auf Stipendiate gestellt werden. Dafür muss die Schule der Aufnahme schon zugestimmt haben und das ist bei Emma der Fall mit Unterbringung im Internat."
Ich:"Internat?"
Mann:"Ja."
Ich atme tief durch und versuche mich zu sammeln.
Mann:"Mich wundert, dass sie als Vater scheinbar nichts davon wissen."
Ich:"Das wundert mich auch."
Mann:"Lebt ihre Tochter bei ihnen?"
Ich:"Ja!"
Mann:"Wenn das nicht der Fall gewesen wäre hätte die Person, wo sie lebt, den Antrag stellen können. Letztlich hat Emma ihn selbst gestellt, sehe ich.", stockt, "am besten sprechen sie mit ihrer Tochter darüber. Ich werde anordnen, dass der Brief nochmal rausgeschickt wird, adressiert an sie. Sie haben dann 4 Wochen Zeit um dem Stipendium zuzustimmen."
Ich:"Ok."
Er verabschiedet sich.
DU LIEST GERADE
Das verlorene Kind
FanfictionDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
