93. Teil III: Charlotte entscheidet sich

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Veröffentlicht am 27.01.2020

CHARLOTTE
Kurze Zeit später bekomme ich Mittagessen. Hunger habe ich nicht, so dass ich es auch nicht gegessen habe.

Um 13 Uhr klopt es an der Tür. Catharina kommt rein.
-- Dr. Catharina Engel --
Cati:"Hallo Lotte."
Ich:"Hallo."
Sie setzt sich auf einen Stuhl neben meinem Bett.
Cati:"Wie geht es dir?"
Ich: "Super."
Cati schaut mich misstrauisch an. "Du musst mir nichts vormachen. Ich weiß von deiner Diagnose."
Ich drehe meine Augen.
Cati:"Ist Frederik gar nicht mehr da?"
Ich:"Nein."
Cati:"Wo ist er?"
Ich:"Vermutlich zu Hause."
Cati:"Du weißt es nicht?"
Ich:"Warum muss ich wissen wo er ist?"
Cati:"Weil er bestimmt heute schon da war und es mich wundert, dass er nicht bei dir ist. Vor allem jetzt wo ihr die Diagnose bekommen habt."
Ih schaue zum Bett.
Cati:"Was ist los?"
Ich:"Ich habe ihn nach Hause geschickt."
Cati:"Warum?"
Ich:"Weil es mich genervt hat wie er auf mich eingeredet hat."
Cati:"Was wollte er denn von dir?"
Ich:"Ich soll mich therapieren lassen. Chemo, OP."
Cati:"Und du willst das nicht?"
Ich zucke mit den Schultern.
Cati:"Was möchtest du?"
Ich zucke mit den Schultern.
Cati:"Ich kann Freddy schon ein Stück weit verstehen. Er liebt dich. Er hat Angst dich zu verlieren und klammert sich an den Strohhalm, die Therapien, weil er möchte, dass du gesund wirst."
Ich schaue aufs Bett.
Cati:"Er macht sich Sorgen. Ich mach mir auch Sorgen."
Ich:"Dann müsst ihr euch halt Sorgen machen."
Cati:"Ich möchte dir helfen."
Ich:"Du kannst mir nicht helfen. Du bist gesund und ich bin krank."
Cati:"Ich kann dir beistehen."
Ich:"Indem du mir beim Sterben zuschaust?"
Cati:"Indem ich deine Hand halte und du mit mir reden kannst."
Ich:"Wenn ich tot bin rede ich nicht mehr."
Cati:"Wieso tot? Du lebst."
Ich:"Noch. Sind wir doch ehrlich. Lungenkrebs mit Metastasen in Leber und Niere. Papa hatte Lungenkrebs mit Metastasen in der Leber. Er ist tot."
Cati:"Bei ihm wurde es spät diagnostiziert und vor allem war seine Metastasen viel größer als bei dir. Seine Lunge hatte ihre Funktion aufgegeben. Das kann passieren. Bei dir ist es doch anders."
Ich:"Anders? Ich habe zusätzlich noch eine Metastase in der Niere. Eine tolle Aussicht."
Cati:"Du siehst es gerade nur schwarz. Es gibt auch Farben. Mit Therapie kannst du es schaffen."
Ich:"Kann, ja. Aber vielleicht vergeude ich auch nur Zeit, welche ich zu Hause noch mit meiner Familie haben kann."
Cati:"Und du meinst, nichts tun ist die bessere Option? Ich weiß noch, wie blöd du es fandest, dass Josef sich nicht behandeln lassen hat."
Ich schaue zur Seite. Josef, mein geliebter Vater.
Cati legt ihre Hand auf meinen Arm. "Du bist nicht allein. Du bist stark. Du schaffst das."
Ich:"Und wenn nicht?"
Cati:"Dann hast du es versucht. Du hast gekämpft und nicht gleich aufgegeben."
Ich schaue zu ihr. "Ich will ja kämpfen, aber es erscheint so aussichtslos."
Cati:"Im Moment ja. Aber mit der Zeit nicht mehr."
Ich schüttel meinen Kopf. "Ich kann Papa jetzt verstehen. Er wollte die letzte Zeit mit seinen Liebsten verbringen und das will ich auch."
Cati:"Deine Liebsten sind für dich da."
Ich:"Ich will bei denen sein."
Cati:"Wie stellst du dir das vor?"
Ich:"Ich werde morgen nach Hause gehen."
Catis Blick ist erschütternd. "Und durch nichts tun sterben."
Ich nicke. "So ein Prozess kann sich noch Jahre hinziehen."
Cati:"Kann, muss nicht. Du bekommst schon schlechter Luft. Das wird ohne Therapie nicht besser." steht auf und fasst an meine Oberarme. "Überleg es dir genau. Möchtest du, dass Emma in ein paar Jahren sagt, dass ihre Mami nichts versucht hat um weiter leben zu können? Das Gefühl kennst du. Möchtest du, dass Frederik Emma alleine aufzieht?"
Tränen kommen in meinen Augen.
Cati:"Möchtest du das?"
Schlagartig drehe ich mich zur Seite. Tränen fließen.
Cati:"Möchtest du das?"
Ich schluchze:"Nein."
Cati:"Dann pack es an und kämpfe. Aufgeben kannst du immer noch. Wenn es du es aber nicht probierst, weißt du nicht, ob es hilft." Sie setzt sich auf den Stuhl. "Ich bin für dich da. Ich möchte dich nicht verlieren. Du bist doch wie eine kleine Schwester für mich."
Ich schaue zu ihr und sehe, dass sie weint. "Du bist doch auch eine Schwester für mich."
Wir nehmen uns in den Arm.

Minutenlang umarmen wir uns und weinen.
Die Umarmung löst sich.
Ich:"Versprichst du mir was?"
Cati nickt.
Ich:"Sollte ich es nicht schaffen, sei bitte für Emma und Frederik da."
Cati nimmt meine Hand. "Versprochen."
Wir reden noch eine Weile miteinander, bis ihre Schicht anfängt.

Am Nachmittag spreche ich mit Martin.
--Dr. Martin Flemming --
Sobald sich meine Werte bzgl. der Lungenentzündung verbessert haben starte ich mit der Chemotherapie.

Um 19:30 Uhr kommt Frederik. Er setzt sich auf einen Stuhl neben meinem Bett.
Ich:"Es tut mir Leid, dass ich heute morgen mies drauf war."
Frederik:"Ich kann das verstehen. Ist nicht leicht für dich."
Ich:"Für dich auch nicht. Du arbeitest und hast Emma."
Frederik:"Das kriege ich schon hin."
Ich:"Ich habe Angst, dass du dich überlastet. Nur Nachtschicht, das ist nicht gut."
Frederik:"Mach dir darum man keinen Kopf."
Ich:"Tu ich aber. Und vormittags bist du bei mir, nachmittags hast du Emma. Dann kannst du höchstens mittags schlafen. Das reicht dem Körper nicht."
Frederik:"Ich kriege das schon hin. Mama und Papa helfen mir."
Ich:"Du kannst das nicht wochenlang aushalten. Das macht dein Körper nicht mit und ein erneuter Infarkt, das möchte ich nicht. Dann wäre Emma alleine."
Frederik:"Wer sagt denn, dass du wochenlang nicht zu Hause bist?"
Ich:"Ich."
Er schaut mich irritiert an.
Ich:"Ich habe mit Martin gesprochen. Sobald sich meine Werte bzgl. der Lungenentzündung verbessert haben, starte ich mit der Chemo."
Sein Blick wirkt überrascht. Dann lächelt er. "Das finde ich gut."
Ich:"Ich muss dafür aber wissen, dass es zu Hause läuft und keiner sich überlastet. Ich möchte nicht, dass du nur Nachtschicht machst. Ich möchte auch nicht, dass deine Eltern jede Nacht auf Emma aufpassen und sie morgens zur Schule bringen. Ich weiß, dass sie es machen würden, aber das ist zu viel. Sie sollen auch noch ihr eigenes Leben haben. Und du sollst auch Nächte haben, wo du zu Hause schlafen kannst."
Frederik:"Mach dir darum mal keinen Kopf. Die habe ich schon und Inka und deine Mutter passen bestimmt auch gerne mal auf Emma auf."
Ich:"Mal, ja, aber ich bin länger weg. Ich möchte nicht, dass Emma immer wechselnde Personen hat. Das ist blöd für sie. Sie braucht ihre Konstante und deshalb habe ich mit Martin gesprochen. Er wird eine Haushaltshilfe aufschreiben. Die wäre nachmittags und abends da und unterstützt dich auch im Haushalt. Das wäre auch eine Konstante für Emma. Damals mit Merrit, das lief doch super."
Frederik:"Mit Merrit war es toll und du hast schon Recht, ein bisschen Hilfe können wir gebrauchen."
Ich:"Also ist das ok für dich?"
Frederik:"Wenn es für dich ok ist wenn eine fremde Haus in unserer Wohnung ist?"
Ich:"Wer sagt denn, dass es kein Mann ist?"
Frederik schaut geschockt.
Ich:"Vermutlich doch eher eine Frau." und lache.
Ich komme Frederik entgegen, er mir dann auch, und wir küssen uns.
Sein Telefon klingelt. Er geht ran. Das Gespräch dauert nicht lang. "Ich muss los. Übergabe. Ich lieb dich.
Ich:"Ich dich auch."
Es folgt noch ein Kuss und dann geht er.

Zufrieden lasse ich mich ins Bett fallen. Es ist entschieden. Ich lasse mich therapieren und es fühlt sich richtig an.

In den folgenden Tagen bekomme ich von mehreren Leuten Besuch. Das ist eine gute Abwechslung zum sonst eher eintönigen Klinikalltag als Patient.

Frederik hat Emma erklärt was ich habe. Sie hat es mit Fassung aufgenommen und fragt sehr viel nach.

Das verlorene KindGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt