Veröffentlicht am 29.06.2019
CHARLOTTE
Der 1.Todestag von Oskar steht an. Ein Jahr ist es bereits her, wo wir so sehr gehofft und doch verloren haben.
Oskar war schwer krank und für ihn war es erlösend zu gehen. Für mich ist es bis heute ein Schmerz. Wie gern hätte ich ihn heute noch bei mir und würde gerne mit ihm seinen 1.Geburtstag feiern. Stattdessen werde ich an seinem Grab stehen.
Seit ein paar Tagen arbeite ich wieder. Der Sekundenschlaf hat mir viel zu bedenken gegeben. Ich habe viel Glück gehabt. Das hätte auch tödlich ausgehen können.
Vielleicht ist ein Neuanfang in einer anderen Stadt gut.
Frederik würde sofort mitgehen. Er möchte, dass es mir gut geht und Düsseldorf ist auch "nicht aus der Welt".
Für Emma ist es auch eine Chance. Seit 3 Monaten geht sie nicht mehr in die Krippe. Die Eingewöhnung im Kindergarten ist gescheitert. Seitdem ist sie zu Hause und wird von Frederik, mir und seinen Eltern betreut. Es klappt gut, wobei Frederik und ich uns dadurch wenig sehen.
Heute vor einem Jahr ist Oskar geboren.
In den letzten Tagen denke ich viel an ihn.
Frederik und ich haben uns eine Woche Urlaub genommen. Endlich haben wir gemeinsame Zeit als Familie.
Gemeinsam mit Emma gehen wir zum Friedhof. Frederik und ich nehmen uns in den Arm und schauen zum Grab.
Frederik:"Unser Kämpfer."
Ich:"Ja."
Tränen kommen in mir hoch und fließen. Frederik wischt sie mir mit seinen Fingern weg.
Ich:"Ich weiß nicht mehr was richtig ist. Ich weiß nur, dass es so nicht weiter gehen kann."
Frederik:"Wie meinst du das?"
Emma sitzt vorm Grab und schaut uns an.
Ich:"Ich glaube, ich brauche Abstand. Ich glaube, ich sollte Düsseldorf eine Chance geben."
Frederik drückt mich an sich. "Ich finde die Idee gut."
Ich:"Es kann so nicht weiter gehen. Ich kann das nicht mehr."
Frederik:"Das musst du auch nicht. Ich bin bei dir."
Ich drücke ihn fest.
Wir gehen nach Hause.
Dort schreibe ich eine Überlastungsanzeige, welche ich ans Gesundheitsamt schicke. Ich muss was unternehmen und auch wenn ich gehen kann, ich muss meine Kollegen schützen. Vielleicht passiert dann was.
Ich telefoniere mit Dr. Grenz, welcher sich über meine Entscheidung freut und darauf, dass ich zu ihm in die Schön-Klinik komme.
Eine Woche später haben Frederik und ich wieder Dienst. Ich habe meine Kündigung dabei und möchte diese heute Prof. Filou geben.
Mit Dienstbeginn werde ich von der Sekretärin von Prof. Filou angerufen welche mich darum bittet sofort zu ihm zu kommen.
Ich gehe dort hin und darf direkt ins Büro durchgehen, wo Prof. Filou auf mich wartet.
Prof.Filou:"Gutentag Frau Dr. Engel. Schön, dass Sie da sind. Nehmen Sie bitte Platz."
Ich:"Gutentag."
Ich nehme vor seinem Schreibtisch auf einem Stuhl Platz.
Prof.Filou:"Ich möchte gerne mit Ihnen sprechen. Ich habe einen Anruf vom Gesundheitsamt erhalten, wo eine Überlastungsanzeige von ihnen eingegangen ist. Mithilfe des Klinikanwaltes habe ich diese inzwischen auch lesen können. Möchten Sie dazu Angaben machen?"
Ich:"Ich denke, dass alles in der Anzeige steht."
Pro.Filou:"Sie unterstellen der Klinik, in dem Fall vorwiegend mir, dass ich die personelle Situation nicht sehe und zur Mehrarbeit auffordere."
Ich nicke.
Prof.Filou:"Wie meinen Sie das?"
Ich schaue ihn irritiert an. "Ich kann mir das nicht mehr mit ansehen wie wir alle so viel arbeiten. Kaum einer arbeitet nur den regulären Dienst. Fast jeder macht täglich Überstunden. 12 Stunden und mehr sind normal. Oftmals bleibt nicht mal die Zeit zur Pause. Zwischen den Diensten liegen teilweise nicht mal 8 Stunden. Zeit, wo der Weg nach Hause und wieder zur Arbeit noch nicht mal abgezogen wurde. Ich habe auch so gearbeitet, aber ich kann das nicht mehr. Ich war wochenlang alleine für eine Station zuständig und habe noch operiert. Ich bin über jeden Tag froh, wo ich gehe und alle Patienten noch leben. Im Nachtdienst soll ein Arzt alleine für 3 bis 4 Stationen zuständig sein. Das ist nicht machbar. Laut Schriftstück ist pro Station ein Arzt zuständig. Ich habe wirklich lange überlegt, ob eine Überlastungsanzeige der richtige Weg ist. Leider werde ich nicht gehört und ich hoffe, dass sich dadurch was ändert. Ich weiß, dass in der Klinik gute Arbeit geleistet wird, was aber personell nicht möglich ist."
Prof. Filou schaut mich interessiert an. "Was wünschen Sie sich?"
Ich:"Ich wünsche mir eine bessere personelle Situation."
Prof.Filou:"Ihr Wunsch ist berechtigt. Ich habe lange genug mit angesehen wie sich nichts tut. Es ist nicht so, dass ich nichts unternommen habe. Ich habe oft mit dem Gesundheitsamt telefoniert. Ich habe mehrere Stellenanzeigen ausgestellt. Leider haben wir darüber nur bedingt Personal bekommen. Befristete Stellen sind leider nicht attraktiv. Ich hätte weitere Maßnahmen einleiten müssen. Ggf. bis hin zur Schließung von Stationen. Ich wollte das umgehen, um die Klinik im guten Licht da stehen zu lassen. Stattdessen habe ich in Kauf genommen, dass meine Angestellten über ihre Grenzen gehen. Das tut mir sehr Leid." Er stockt kurz. "Ihr Weg mit der Anzeige hat mich zwar erst geschockt, allerdings hat er mir die Augen geöffnet. Ich habe umgehend Konsequenzen eingeleitet, indem ich Stationen geschlossen habe."
Ich schaue ihn überrascht an.
Prof.Filou:"Ich möchte meine Angestellten schützen. Somit auch Sie. Ich hoffe, dass wir einen guten Weg miteinander finden werden, um damit ungehen zu können."
Ich:"Das hoffe ich auch."
Prof.Filou:"Ich wünsche mir, dass Sie trotzallem weiterhin mit jeder Sache zu mir kommen."
Ich lächle kurz.
Ich:"Ich wäre heute sowieso zu ihnen gekommen."
Prof.Filou schaut mich an.
Ich:"Ich habe mich dazu entschlossen die Klinik zu verlassen."
Er schaut mich schockiert an.
Ich nehme die Kündigung aus meiner Kitteltasche und reiche diese Prof.Filou.
Ich:"Das ist die Kündigung."
Er nimmt sie entgegen und schaut sich diese an.
Prof.Filou:"Die muss ich wohl annehmen, auch wenn es mir schwer fällt. Haben Sie bereits eine andere Stelle?"
Ich nicke.
Prof.Filou:"Ich weiß nicht was ich dazu sagen soll. Ich bin sprachlos."
Es folgen ein paar Sekunden der Ruhe
Prof.Filou:"Mir bleibt wohl keine andere Möglichkeit als Sie ziehen zu lassen. Allerdings möchte ich die Kündigung ungern annehmen. Ich möchte sie lieber für bis zu 2 Jahre unentgeltlich freistellen, wo sie woanders arbeiten können. Natürlich hoffe ich, dass Sie während der Zeit zurück kehren. Wenn nicht, dann nehme ich die Kündigung an. Natürlich können Sie auch darauf bestehen, dass ich die Kündigung jetzt annehme. Vielleicht ist das andere noch eine Alternative und Chance zur Auszeit."
Das Angebot ist verlockend und hält mir die Tür zur Klinik am Südring auf.
Ich:"Ok. Ich nehme die unentgeltliche Auszeit."
Prof.Filou lächelt. "Das freut mich und ich hoffe, dass sie zurück kehren. Mit Ihnen wird hier eine sehr gute Ärztin fehlen. Wo geht es denn für Sie hin?"
Ich:"Nach Düsseldorf."
Prof.Filou:"Das ist ja noch in der Nähe. Muss ich damit rechnen, dass ihr Mann heute auch noch mit einer Kündigung kommt?"
Ich schüttel den Kopf. "Nicht was ich weiß."
Er lächelt.
Wir unterhalten uns noch kurz und dann gehe ich meiner Arbeit nach.
Am nächsten Wochenende erzählen wir Helga und Kurt, dass wir umziehen werden. Sie sind geschockt.
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Das verlorene Kind
FanfictionDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
