Veröffentlicht am 12.12.2020
TABEA
Es ist 3:30 Uhr als mein Handy klingelt. Ich schaue auf den Display und sehe, dass die Klinik anruft.
Ich:"Rohde."
Martin:"Klinik am Südring. Dr. Martin Flemming. Hallo Tabea."
Ich:"Hallo Martin."
Martin:"Ich wollte dir mitteilen, dass Frederik aufgewacht ist. Wenn du möchtest, kannst du vorbei kommen."
Ich:"Das mach ich. Bis gleich."
Schnell stehe ich auf, ziehe mich an, verlasse die Wohnung, gehe zum Auto und fahre zur Klinik.
DR. MARTIN FLEMMING
Sie hat nicht nachgefragt, wie es Frederik geht. Ich hätte ihr auch nicht die Wahrheit sagen können, glaube ich. Der Moment wird gleich kommen, wenn sie hier ist.
FREDERIK
Ich bin vom MRT zurück und warte auf Martin. Ich hoffe, dass er auf dem MRT etwas sieht, was schnell therapierbar ist. Ich möchte nicht nochmal Monate bis Jahre im Rollstuhl verbringen. Die Erinnerungen an der Zeit sind da. Ich will das nicht nochmal durchmachen.
Martin kommt ins Zimmer.
Martin:"Hallo Frederik. Wie geht es dir?"
Ich:"Unverändert."
Martin:"Hat sich was am Gefühl deiner Beine verändert?"
Ich:"Nein! Das sagte ich gerade auch schon. Es ist alles wie vorhin."
Martin:"Beruhig dich bitte. Das Ergebnis vom MRT ist da. Die Wirbelsäule zeigt keinen Bruch auf. Alle Nerven sind frei. Der Radiologe teilte mit, dass es sein kann, dass ein Nerv eingedrückt gewesen sein kann und das jetzt nicht mehr ist. Das kann zu vorläufigen Gefühlsbeeinträchtigungen führen. Soweit sich der Nerv erholt hat, kommt das Gefühl zurück."
Ich:"Wann ist das?"
Martin:"Dazu kann ich keine Angabe machen."
Ich:"Wie? Du kannst mir nicht sagen, wann ich meine Beine wieder fühlen und laufen kann? Um welchen Nerv handelt es sich?"
Martin:"Vermutlich um einen, der fürs Rückenmark mit zuständig ist."
Ich:"Vermutlich?"
Martin:"Auf dem MRT ist nichts zu sehen. Daher kann es nur vermutet werden. Ich würde dir auch lieber anderes sagen."
Ich:"Das heißt, ich sitze auf ungewisse Zeit im Rollstuhl."
Martin:"Das kann ich dir nicht beantworten. Es kann auch schnell vorüber sein. Wir werden Physiotherapie anordnen. Das sollte helfen um es zu beschleunigen."
Ich weiß nicht was ich sagen soll und schweige kurz.
Martin:"Wir tun alles damit du ganz genest."
Ich:"Das hoffe ich. Ich möchte nicht wieder im Rollstuhl sitzen. Ich habe andere Pläne."
Martin:"Das glaub ich dir. Magst du mir von deinen Plänen erzählen?"
Ich:"Die werde ich im Rollstuhl nicht umsetzen können. Tabea wird mich verlassen oder nur aus Gefälligkeit mit mir zusammen bleiben. Das will ich nicht. Da sind meine Pläne dann auch egal."
Martin:"Tabea liebt dich. Ob im Rollstuhl oder laufend, sie liebt dich als Mann. Da ist alles andere egal."
Ich:"Das glaub ich nicht."
Martin:"Charlotte hat dich auch geliebt und ihr war es auch egal. Ihr habt sogar ein Kind in der Zeit bekommen."
Ich:"Ich weiß", stocke. "Nur Tabea ist so jung und ich möchte es ihr nicht nehmen."
Martin:"Das tust du nicht. Rede erstmal in Ruhe mit ihr."
Ich:"Nein. Ich möchte sie nicht sehen. Sie soll das nicht miterleben. Ich will das nicht."
Martin:"Und was willst du stattdessen machen?"
Ich:"Ich werde mich von ihr trennen. Es ist besser so."
Martin:"Das glaub ich nicht. Ihr liebt euch. Und du hast doch Pläne."
Ich:"Welche Tabea niemals mit mir im Rollstuhl ausüben wird."
Martin:"Welche Pläne sind es denn?"
Ich:"Das ist jetzt egal."
Martin:"Das finde ich nicht."
Ich:"Ich schon. Ich möchte Tabea nicht sehen und sag ihr nicht, was ich habe. Du hast Schweigepflicht."
Martin:"Ungern, aber ich halte mich daran. Du solltest dich ausruhen. Ich komme später wieder."
DR. MARTIN FLEMMING
Ich verlasse das Zimmer.
Schwester Linda kommt auf mich zu und teilt mir mit, dass Tabea vor der Intensivstation steht. Ich gehe zu ihr.
Ich:"Hallo Tabea."
Tabea:"Hallo. Wie geht es ihm?"
Ich:"Den Umständen entsprechend. Er ist wach, doch braucht Ruhe und soll jetzt schlafen."
TABEA
Ich:"Ok. Ich möchte trotzdem zu ihm."
Martin:"Das geht nicht. Er braucht Ruhe."
Ich:"Die gebe ich ihm auch. Er freut sich bestimmt mich zu sehen."
Martin:"Am besten kommst du heute Mittag wieder. Du siehst müde aus und solltest erstmal auch noch ein wenig schlafen."
Ich:"Das versteh ich jetzt nicht. Warum hast du dann am Telefon gesagt, dass ich kommen soll?"
Martin:"Weil ich dachte, dass es eine gute Idee ist. Nur ich muss mir eingestehen, dass Frederik Ruhe braucht.
Ich:"Das glaub ich dir nicht. Was ist los?"
Martin:"Es ist alles ok."
Ich:"Dann kann ich zu ihm."
Martin schüttelt den Kopf.
Ich:"Dann will ich jetzt sofort wissen was hier los ist. Du verschweigst mir doch was."
Martin atmet tief durch. "Was ich dir jetzt sage, soll ich dir so sagen. Frederik möchte dich nicht sehen."
Ich:"Warum nicht?"
Martin:"Das darf ich dir nicht sagen. Er hat mich auf meine Schweigepflicht hingewiesen."
Ich atme schneller. "Und was heißt das jetzt für mich?"
Martin:"Du solltest dich daran halten."
Ich:"Das heißt, ich darf nicht zu ihm."
Martin nickt.
Ich:"Wie lange nicht?"
Martin:"Ich werde versuchen Frederik davon zu überzeugen, dich zu ihm lassen. Aber bis er dem nicht zustimmt, darfst du es nicht."
Ich:"Und du willst mir zum Warum nichts sagen?"
Martin:"Ich darf nicht."
Ich:"Ich versteh das nicht."
Martin:"Versuch dich zu beruhigen. Du atmest zu schnell."
Ich:"Ich weiß. Es fällt mir grade mur schwer. Ich hab mich über deinen Anruf gefreut und jetzt das. Bitte melde dich, wenn er mich sehen will."
Martin:"Das mach ich."
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Das verlorene Kind
Hayran KurguDr. Charlotte Engel ist 32 Jahre, Ärztin und arbeitet in der Klinik am Südring. Sie ist eine gute, beliebte Ärztin. Von ihren Kollegen wird sie sehr geschätzt, u.a. für ihre einfühlsame Art, wie auch ihrer Hilfsbereitschaft. Sie versucht jeden Fall...
